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Theorie groß in Mode

Ein Sammelband greift Fragen und zentrale Begriffe von "Empire" und "Multitude" auf und diskutiert sie wohlwollend bis kritisch

Von SERHAT KARAKAYALI

Zweifellos haben Michael Hardt und Toni Negri mit ihrem gemeinsamen Buch Empire einen beachtlichen Coup gelandet. Ein Coup ex post, denn nicht einmal sie selbst hatten mit dem großen Erfolg gerechnet, den ein Werk, das den Spuren von Michel Foucault, Gilles Deleuze, Karl Marx, Spinoza und den italienischen Operaisten folgt, auch kaum erwarten ließ. Den Autoren erging es dabei auch nicht anders als dem FC Bayern München: Gut gespielt, aber von allen gehasst. So wurde das "Kommunistische Manifest" unseres Zeitalters, wie Slavoj Zizek es genannt hat, hierzulande als Hype abgetan, als neoliberales Machwerk verunglimpft oder als Wahnsinn gebrandmarkt. So sah Jörg Lau in Empire "eine einzige große Geschichtsklitterei im Dienste altlinker Gewissheiten" am Werk (Zeit 22/2002), während Uli Brand nur erstaunt zu Protokoll gibt, dass das "Einreißen historisch erkämpfter sozialer Rechte und Sicherungssysteme willkommen geheißen" wird (Argument). Weiter auseinander können Einschätzungen wohl nicht liegen und dennoch liegt die Wahrheit nicht in der Mitte. Das tut sie nie.

Nur eine Minderheit setzte sich mit den in Empire vertretenen Thesen wirklich auseinander, ohne sie gleich zu verdammen. Zum kleinen Archipel der empirefreundlichen Publikationen gehören unter anderem die Zeitschrift Beute, ihre Nachfolgerin, die ebenfalls mittlerweile eingestellte Jungle World-Beilage Subtropen, die Verlage ID und b_books, die Frankfurter Studierendenzeitschrift diskus sowie einige einzelne Autorinnen und Autoren und Gruppen wie etwa nospoon (www.niatu.net/nospoon). Aus diesem theoriepolitisch-publizistischen Umfeld kommt auch der Sammelband Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität, der Beiträge zu einer seriösen Auseinandersetzung mit Empire zusammenstellt. Während die eine Hälfte der Autoren die in Empire verwendeten Begriffe und Theoreme eher anwendet und damit ihre theoriepraktische Tauglichkeit prüft, diskutiert die andere sie kritisch und kontrastiert sie mit theoretischen Alternativen.

Die Ebene einer Gegenmacht

Die Aufsätze von Thomas Seibert und Frieder Otto Wolf setzen sich überdies mit der eingangs erwähnten Abwehrhaltung auseinander. So plädiert Wolf dafür, eine "konstruktive kritische Auseinandersetzung" mit Hardt und Negri zu suchen. Denn Empire stelle Fragen, auf die eine zeitgemäße Politik der Emanzipation Antworten zumindest suchen muss, etwa die nach der globalen Ebene einer Gegenmacht, die aber im Sinne einer Hollowayschen Anti-Macht organisiert sein müsste (siehe John Holloway: Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, Westfälisches Dampfboot 2004). Die Grenzen eines fröhlichen Ekkletizismus sind damit aber erreicht, denn Holloway denkt den Ort der Gegenmacht außerhalb der Zitadellen der Macht, während in der Theorie des Empire die widersprüchliche Einheit von Korruption und Generation Verlaufsformen der Multitude darstellen. Im Grenzfall sind Empire und Multitude identisch.

Seibert wiederum skizziert die Fluchtlinien von Ökonomie- und Metaphysikkritik, deren Verbindung in Empire er für die massiven Widerstände verantwortlich macht. Vor allem das Bekenntnis der beiden Autoren, sie orientierten sich an Marx' Kapital und Mille Plateaux von Deleuze und Guattari gleichzeitig, ruft jene auf den Plan, die darin das Projekt einer "Zerstörung der Vernunft" in der Tradition von Heidegger am Werke sehen. Diese Schlachtordnung läuft auf jenen Gegensatz hinaus, der in Deutschland zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus gerne konstruiert wird.

Von feministischer Seite wurde wiederholt die Unsichtbarmachung der geschlechtlichen Arbeitsteilung im Konzept der immateriellen oder affektiven Arbeit kritisiert, etwa von Susanne Schulz in der Zeitschrift Argument. Ausgehend von hier rekonstruiert Cornelia Eichhorn die feministische Debatte um Hausarbeit, ihre Entlohnung und die so genannte Hausfrauisierungsthese, um Bezüge zu der aktuellen Diskussion um "Affektive Arbeit" herzustellen. Der Begriff ermögliche zwar die Reartikulation der feministischen Kritik an einem verkürzten Arbeitsbegriff, dürfe aber nicht die "Bedingungen ihrer Organisation und Strukturen ihrer Verwertung" verschweigen. Ihre Kritik verbindet sie aber nicht mit dem Plädoyer für eine Rückkehr zu den binären Oppositionen zwischen Produktions- und Reproduktionsarbeit, privat und öffentlich oder Freizeit und Arbeit. Es geht also nicht um "veränderte Grenzziehungen" oder bloße "Verschiebungen innerhalb binärer Systeme", sondern um gänzlich neue Formen der Arbeitsteilung, die auch neuer Kämpfe bedürfen.

Alex Demirovics Kritik ist zwar freundlich, aber grundlegend. Mit Bezug auf die Kritische Theorie verteidigt er den Begriff der Vermittlung, der nicht gegen Immanenz gerichtet sei, wie Negri und Hardt annähmen, er moderiere vielmehr den Zugriff des "Ganzen" auf die Einzelnen, wodurch "Hindernisse und Verzögerungen", schließlich Autonomie entstünden. Das Gegenteil also von unmittelbarer Gewalt. Hardt und Negri verfielen, so der Vorwurf, einer "Ideologie der direkten Demokratie, so als könne sich das gesellschaftliche Leben völlig ungegliedert abspielen". Demirovic spricht damit ein entscheidendes hegemonietheoretisches Problem an, nämlich die Frage, wie sich gesellschaftliche Gruppen selbst organisieren und ihre Interessen verallgemeinern können, wenn die herkömmliche "Zivilgesellschaft" verschwindet.

Ob der Begriff der Vermittlung dann noch angemessen sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist aber, dass wir erst am Anfang einer Debatte um das biopolitische Paradigma stehen. Es kommt darauf an, einen Unterschied zu machen zwischen Biopolitik und Biomacht, zwischen der Regulierung und Kontrolle von Körpern, Leben und Singularitäten und etwas, das man in Ermangelung besserer Alternativen vielleicht eine Biopolitik "von unten" nennen könnte.

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