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Theodor Fontane.

Wortfächer

Theodor Fontane: Im Lichte der Dunkelschöpfung

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Literarische Hilfestellung: Wortfächer sollen gegen die „Generalweltanbrennung“ helfen.

Der lange und heiße Sommer, den wir inzwischen nicht mehr als meteorologische Ausnahme zu betrachten wagen, hat ein modisches Accessoire hervorgebracht, das bislang des Umfelds eines Tango-Abends oder einer Bizet-Oper bedurfte.

Kostbare und kunstvoll ausgearbeitete Variationen des manuellen Belüftungsvehikels Fächer gibt es schon lange, doch die akuten Klimaveränderungen haben zuletzt auch dazu beigetragen, die Produktpalette auf ebenso praktische wie originelle Weise zu erweitern. So spendierte das Goethe-Institut den Besuchern einer Kultur-Konferenz in Weimar unlängst ein handliches Stück, das aufgrund der hohen Temperaturen sogleich rege Anwendung fand.

Es geht aber auch noch ein bisschen ambitionierter, hat man sich nun in dem Schweizer Verlag Vatter & Vatter gedacht, und den Wortfächer mit Zitaten und Sentenzen von Autorinnen und Autoren herausgebracht. Offen gestanden eignen sich die zigarrengroßen Bündel nicht sonderlich zur wohligen Luftzufuhr.

Dafür aber sind sie ein geeignetes Werkzeug zur literarischen Erbauung, ein gefälliges Gesellschaftsspiel. Bestens geeignet zur Vorführung des handlichen Zettelkastens ist natürlich der Wortschöpfungsreichtum Theodor Fontanes, der zu den ersten Ausgaben des Wortfächers aus Bern zählt. Gleich zu Beginn blättern wir da das Wort „Dunkelschöpfung“ auf, das Fontane in einem Brief an seine Frau Emilie verwandte und mit dem er zugleich einiges über seine schriftstellerische Ökonomie verriet. „Meine ganze Produktion“, schreibt er da, „ist Psychographie und Kritik, Dunkelschöpfung im Lichte zurechtgerückt. Ein Zufall hat es so gefügt, dass ich diese ganze Novelle (,Irrungen, Wirrungen’) mit halber und viertel Kraft geschrieben habe. Dennoch wird ihr dies schließlich niemand ansehen.“ Zu den Fontane-Ausdrücken des Wortfächers gehören ferner die „Ängstlichkeitsprovinz“, die „Ernsthaftigkeitskomödie“ und die „Generalweltanbrennung“.

„Das ist das Zeichen unser Zeit jetzt, ‚angebrannt und angeätzt‘", heißt es typisch fontanisch etwa im „Stechlin“. Der Schriftsteller aus Neuruppin berichtet außerdem über die „Geschlechtsüberspringung“, den „Harmlosigkeitsmenschen“ und den „Lausedichter“. Man verlässt sich in der Schweiz aber nicht auf Fontane. „Wortfächer“ gibt es auch von Andrea Maria Keller, Rudolf von Tavel und Hermann Burger.

Wortfächer Theodor Fontane.

Verlag Vatter & Vatter, Bern 2019.

61 S., 14 Euro.

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