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Textland

Textland-Festival in Frankfurt: Auf dem Kampfplatz

  • VonAndrea Pollmeier
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Das Textland-Festival beschäftigt sich mit dem „Tanz um das goldene Wir“.

In ihrer Antrittsrede als Bundestagspräsidentin erinnerte Bärbel Bas vor wenigen Tagen an ihre Vorgängerinnen. Sie nennt in diesem Moment nicht nur die beiden ehemaligen Präsidentinnen des westdeutschen Bundestags, Annemarie Renger und Rita Süssmuth, sondern auch Sabine Bergmann-Pohl, Präsidentin der letzten frei gewählten Volkskammer der DDR. Die in Leipzig geborene Autorin Jana Hensel hat diese Szene beobachtet und mit seismographischem Blick analysiert: „Dies war eine wichtige und noch immer eine ,großzügige‘ Geste“, erklärt sie während des Textland-Festivals 2021, das von der Faust Kultur Stiftung im Literaturhaus Frankfurt veranstaltet wird und gestern begann.

An vier Abenden wird hier unter dem Motto „Tanz um das goldene Wir“ über Wege des Zusammenlebens diskutiert. Auf dem Podium haben für die Moderation Miryam Schellbach und Leon Joskowitz Platz genommen. Sie begleiten das Gespräch, das sich zwischen den Autorinnen Stella Leder und Jana Hensel sowie den beiden Autoren Clemens Meyer und Max Czollek entwickeln soll.

Das schmerzhafte Gefühl

Zunächst rückte das noch spürbar schmerzhafte deutsch-deutsche Wir-Gefühl in den Blick. In ihrem Impulsvortrag erklärt Jana Hensel, dass sie nur selten das Angebot erhalte, in Westdeutschland zu einer Frage über die deutsch-deutsche Wirklichkeit zu sprechen. Mehrfach hat die für Zeit online tätige Autorin bereits über ihre Erfahrung, ostdeutsch zu sein, Bücher publiziert. Auf die im Vortrag selbstgestellte Frage, ob es inzwischen ein deutsch-deutsches Wir gebe, antwortet sie: „Nein“! Dennoch wolle sie in dieser Absolutheit nicht zitiert werden. Das Publikum reagiert schmunzelnd.

Im Verlauf der Diskussion wird immer deutlicher, dass Hensels ambivalente Haltung für die komplexe Entwicklung, die die deutsche Gesellschaft seit der Wiedervereinigung zu bewältigen hat, gegenwärtig symptomatisch ist. „Wir befinden uns auf einem Kampfplatz oder – milder gesagt – an einem Aushandlungsort“, erläutert Hensel diesen Konflikt. Das „Nein“ sei kein statischer Zustand.

Auf Rollen reduziert

Miryam Schellbach führt analog zum postkolonialen Terminus „critical whiteness“ die Wortschöpfung „critical westness“ ein. Clemens Meyer weist diesen Begriff zwar von sich, zitiert jedoch umgehend ein entsprechendes Beispiel aus einem Feuilletonbeitrag der „Süddeutschen Zeitung“, in dem aus Meyers Sicht sterotypisierend über Johannes R. Becher geschrieben wurde. Vom Westen aus sei der Blick auf Werke von DDR-Autoren verengt, Becher werde beispielsweise auf seine Rolle als Kulturminister der DDR reduziert und vor diesem Hintergrund werde sein großartiges schriftstellerisches Frühwerk ignoriert. Solche Stereotypisierungen seien, so Max Czollek, im deutschsprachigen Kulturbereich häufig anzutreffen. Man wolle stets Dinge an klare Orte stellen, doch diese Einordnung in das Gute und das Schlechte sei problematisch.

In einer eindrucksvollen Lesung aus ihrem soeben im Ullstein-Verlag erschienenen Werk „Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten“ beschreibt Stella Leder die Erlebnisse ihrer aus Ostdeutschland ausgewanderten Mutter. Für sie endete die Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre Heimat, als mit der Wiedervereinigung die Option eines „dritten Weges“, die demokratische Erneuerung der DDR, zunichte gemacht worden war.

„Ich vermisse, dass darüber gesprochen wird, was die innerostdeutschen Gründe für unser langes Schweigen nach der Wiedervereinigung gewesen sind“, sagt Stella Leder. Dies könne nicht allein durch westdeutsche Dominanz erklärt werden.

Textland im Literaturhaus Frankfurt: 3., 10. und 17. November. www.textland-online.de

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