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Vom Tellerwäscher zum Favoriten

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Die sechs von der Shortlist: Lutz Seiler, Thomas Hettche, Thomas Melle, Gertrud Leutenegger, Heinrich Steinfest und Angelika Klüssendorf (v. l. n. r.) in Frankfurt bei der großen gemeinsamen Lesung.
Die sechs von der Shortlist: Lutz Seiler, Thomas Hettche, Thomas Melle, Gertrud Leutenegger, Heinrich Steinfest und Angelika Klüssendorf (v. l. n. r.) in Frankfurt bei der großen gemeinsamen Lesung. © Arne Dedert / dpa

Diese Autoren sind eine Runde weiter: Im Frankfurter Literaturhaus werden die Autoren der diesjährigen Buchpreis-Shortlist vorgestellt.

Von Andrea Pollmeier

Zehn Jahre nach Einführung des Deutschen Buchpreises ist der Streit um dessen Auslobung nicht zur Ruhe gekommen. Das war auch beim Lesemarathon der Shortlist-Autoren im Frankfurter Literaturhaus spürbar. Kulturdezernent Felix Semmelroth legte gleich zu Beginn den Finger auf die Wunde und erwähnte die vehemente Kritik, wichtigste Texte der Herbstsaison seien von der Jury nicht wahrgenommen worden. Über Veränderungen beim Auswahlprozedere könne man nachdenken, meinte er. Davon jedoch wollte Alexander Skipis, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, nichts wissen. Das Verfahren werde beibehalten und DER beste Preisträger ermittelt, sagte er und stellte sich damit deutlich gegen eine Vielzahl von Stimmen im deutschsprachigen Feuilleton. Dann leitete er zum „Juwel der Literaturabende“, der Präsentation der Shortlistautoren, über.

Der erste Autor, der sodann mit dem Shortlist-Nimbus vorgestellt wurde, war Heinrich Steinfest. Eine eigenwillige Art zu schreiben, hat er bisher in zahlreichen außergewöhnlichen Krimis unter Beweis gestellt. Die schrägsten Ereignisse habe er jedoch dem realen Leben entnommen, erzählte er im Gespräch mit Gert Scobel. Im Roman „Der Allesforscher“ kommt es beispielsweise zur Explosion eines Wals. Gezielt habe er recherchiert, ob diese Idee realistisch sei und tatsächlich entdeckt, dass nicht nur am Strand sondern mitten in Taipeh ein Pottwal beim Transport zum Universitätsgelände explodiert sei.

Gertrud Leuteneggers Roman „Panischer Frühling“ der anschließend im Dialog mit Felicitas von Lovenberg vorgestellt wurde, bildete einen starken Kontrast zu Steinfests Urknall-Vision. Anders als der Titel vermuten lässt, schildert die Schweizer Autorin in scheuer Zurückhaltung eine Liebe, die sich zwischen einem Obdachlosen und einer bürgerlichen Flaneurin am Themseufer in London ergibt.

Portokasse und Porno

Anziehung und Schrecken sind auch Thema in Thomas Melles Werk „3000 Euro“, mit dem sich Melle, so Alf Mentzer in seiner Einführung, immer mehr auf den Buchpreis zuschreibe. Melle schildert Routinemomente des Alltags, zeigt deren Ambivalenz in unserer Zeit. 3000 Euro Schulden zahlt der eine aus der Portokasse, den anderen stürzen sie in eine Existenzkrise, erklärte Melle nun im Literaturhaus. Spannend schildert er Blickstudien an der Supermarktkasse und führt mit subtilen Beobachtungen in die Gedankenwelt einer Kassiererin ein, die ihr Überleben auch mit Pornofilmen sichert.

Wie radikal sich der Begriff von Schönheit seit der Antike gewandelt hat, ist in Thomas Hettches Roman „Pfaueninsel“ Thema. Zur Hauptfigur seines Romans wählt er eine kleinwüchsige, alte Frau, die den Wandel des Schönheitsideals am eigenen Leib miterlebt hat.

Angelika Klüssendorf ist mit ihrem neuen Werk „April“ in die Endrunde gelangt. In düsterem Ambiente schildert sie die Geschichte einer Adoleszenz in der DDR. Klüssendorf sieht ihre Protagonistin als „Glückskind“. Immer habe sie Menschen gefunden, die ihr in Notsituationen halfen. So bekam sie zum Beispiel in der Psychiatrie, in die sie abgeschoben wurde, nicht, wie üblich, Elektroschocks oder Tabletten.

Letzter Autor an diesem Abend ist Lutz Seiler. Erstmals hat sich der mit Preisen ausgezeichnete Lyriker an einen Roman gewagt. Mit „Kruso“ sei er gleich zum Top-Favoriten der Buchpreis-Runde avanciert, erklärte Felicitas von Lovenberg in ihrer Kurzvorstellung. Der Roman spielt in der Szene der Saisonkräfte auf Hiddensee. Dort hat Seiler selbst einst als Tellerwäscher gejobbt.

Am 6. Oktober wird sich zeigen, ob hier der Weg zu DEM besten Autor des Jahres 2014 seinen Anfang nahm.

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