Kneipe in Waynesburg, Pennsylvania, wo ein Bergwerk geschlossen werden soll.

Kriminalroman

Tawni O’Dell „Wenn Engel brennen“: Sich aus nichts mehr etwas machen

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„Wenn Engel brennen“, ein nüchterner Kriminalroman der Amerikanerin Tawni O’Dell .

So kann man sich die Hölle vorstellen: Schwelende Löcher in verkohltem Boden, tote, umgestürzte Bäume, ihre Wurzeln wie „die verschlungenen Beine vertrockneter Spinnen“. Und in einem der rauchenden Schlünde außerdem ein totes Mädchen, erschlagen, dann dort hineingesteckt, wohl in der Hoffnung, sie würde ganz verbrennen, verschwinden. Tawni O’Dells Kriminalroman „Wenn Engel brennen“ spielt im US-amerikanischen Pennsylvania, genauer dort, wo Minenfeuer, jahrzehntealte unterirdische Brände zur Evakuierung ganzer Ortschaften führten. Dann wurden Warnschilder aufgestellt.

Chief Carnahan verfügt im fiktiven Buchanan über sechs, teils blutjunge Officer, vier Fahrzeuge, hat es in 27 Dienstjahren mit drei Mordermittlungen zu tun gehabt – ohnehin sind vor allem die Kollegen um den stoischen, „unvermeidlichen“ Corporal Nolan Greely zuständig – und ist außerdem die erste Polizeichefin des County. Eine resolute, nicht zu Unklarheiten und Empfindlichkeiten neigende Polizistin hat sich die 1964 geborene Schriftstellerin O’Dell ausgedacht und zu ihrer Ich-Erzählerin gemacht. Lakonisch ist der Ton, abgebrüht, gelegentlich auch zynisch; und im Verlauf der Geschehnisse versteht man, dass Dove Carnahan ihrer schönen, sorglosen, die Lover wie die Unterhosen wechselnden Mutter weit mehr nachzutragen hat als die Tatsache, dass sie nach deren Lieblingsseife benannt wurde.

Familiengeschichten werden aufgerollt, sie handeln unter anderem von jahrelanger Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogen- und Medikamentensucht, Missbrauch. Wie der Kohlebrand schwelen sie seit langem und sind ebenso hässlich.

Vor 35 Jahren wurde Dove Carnahans Mutter ermordet. Gerade ist der Mann, der dafür verurteilt wurde (ironischerweise nennt man ihn Lucky), der aber immer beteuerte, er sei unschuldig, aus dem Gefängnis entlassen worden. Dove und ihre jüngere Schwester Neely zucken gleichsam die Achseln, Lucky war ein Ekel, er hat Neely geschlagen, so what. Auch der Tod der Mutter traf die beiden nicht übermäßig, sie waren schwer vernachlässigte Kinder. „Mit fünfzehn hatte ich die bestmöglichen Eltern: Sie waren tot und konnten mir nichts mehr tun.“ Ein Satz, der eine katastrophische, dysfunktionale Familie beschreibt.

Mit dem getöteten, halb verbrannten Mädchen, Camio, kommen die Trulys ins Spiel: Matriarchin Miranda, deren Mann Walt sich längst totgesoffen hat, acht Kinder, die ihrerseits bereits Kinder haben. Der ermordete Teenager war eine Tochter Shawnas, diese ist verheiratet mit Clark Truly und wird von der Familie schikaniert und kleingehalten. Ihr Schutzpanzer ist die Gleichgültigkeit. Chief Carnahan beißt sich die Zähne aus, begreift irgendwann, dass Shawna frei ist, „weil sie sich aus nichts mehr etwas macht“. Aber tut sie das?

Die nach einer Zeit in Chicago wieder in Pennsylvania lebende Tawni O’Dell bot ihre Manuskripte lange vergeblich an, ehe sie mit ihrem ersten (veröffentlichten) Roman „Black Roads“ bekannt wurde – dies, weil die fabelhaft einflussreiche Talkmasterin Oprah Winfrey das Buch pries. Fünf weitere Romane folgten, „Wenn Engel brennen“ ist darunter der erste Krimi. Der sich ebenfalls detailliert mit den gesellschaftlichen Bedingungen und Verwerfungen, den Benachteiligten und sich trotzig Verweigernden im ländlichen Pennsylvania beschäftigt.

Dort ist eine Polizistin vor allem mit Bagatelldelikten beschäftigt, das ist nicht erstaunlich. Dort kann man aber auch dabei zusehen, wie Kinder durchs Raster fallen, regelrecht verwildern. Die getötete Camio war aus eigener Kraft ein leuchtendes Gegenbeispiel, sie schrieb gute Noten, hatte ihren Blick schon aufs College gerichtet, sie hatte auch einen Freund aus gutbürgerlicher Familie. Waren die anderen neidisch, könnte das ein Motiv sein, fragt sich Chief Carnahan.

Es geht trostlos zu in Buchanan, aber nicht durchweg. Natürlich gehen die Menschen auch einfach ihrem Tagwerk nach, sitzen in ihrer Freizeit in der Kneipe, laden Freunde ein. Manche lassen ihre Hunde von der spröden Neely ausbilden, offenbar eine regelrechte Hundeflüsterin – Tawni O’Dell erzählt ganz fabelhaft davon und von den Macken der Hundebesitzer. Und nicht wenige Bürger der Stadt halten sich, zur Freude Chief Carnahans, ans „Meimer“-Prinzip: „Maul halten und eigenen Mist endlich regeln.“

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