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Sie hat das Tausende Male gemacht

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In einer stillen, virtuosen Erzählung variiert Dana Grigorcea Tschechows „Dame mit dem Hündchen“.

Die beharrliche, sich notfalls mit einem Nischendasein zufriedengebende und dadurch chancenreiche Liebe hat keinen leichten Stand in der Literatur. Sie klingt nicht interessant, aber in ihr steckt der skandalöse Kern unbedingter individueller Selbstbehauptung und gesellschaftlichen Ungehorsams. Kein Mensch kann sie wissen, kein Kerker verschließen. Weltruhm erlangte mit einem solchen Fall Anton Tschechows Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“ (1899), in der Gurow und die jüngere Anna eine Urlaubsbeziehung eingehen, sich friedlich trennen, ohne einander aber dann doch nicht mehr sein wollen und friedlich wieder zusammenkommen. Am Ende hadern sie wohl kopfschüttelnd mit der Unseligkeit, jeweils mit einem anderen verheiratet zu sein, nicht aber mit ihrer Liebe. Kein Drama, kein Duell, kein Suizid, kein Drang, an die Öffentlichkeit zu gehen, auch keine Gewissensbisse, keine moralischen Bedenken. Die Liebe will sich ja nicht zerstören, sondern schützen.

Die 1979 in Bukarest geborene, in Zürich lebende Schriftstellerin Dana Grigorcea weckte beim Klagenfurter Literaturwettbewerb 2015 Erwartungen, die mit dem Erscheinen ihres Romans „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ voll erfüllt wurden. Ihr neues Buch, die vom Dörlemann Verlag in ein wunderhübsches rotes Bändchen gesteckte Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“, ist nun eine Tschechow-Paraphrase für unsere Tage.

Grigorcea spiegelt die Geschichte und hat sich dafür eine plausible Konstellation ausgedacht. Anna, Besitzerin einer netten Promenadenmischung, ist jetzt die ältere, eine erfolgreiche Zürcher Primaballerina. Sie ist glücklich verheiratet, aber dem Leben „will sie nichts schuldig bleiben“. „Es war Annas Art, so manche Verehrung, den Austausch von zärtlichen Gesten, zu befeuern und dabei so zu tun, als würde ihr die Kontrolle über die Situation entgleiten. So half sie dem Liebhaber, seinen Platz als eifriger Verehrer einzunehmen, der ihr bald auf Schritt und Tritt folgte. Erst dann gab sie sich ihm hin, wie sie sich nur einem einzigen hingeben wollte: dem Jeweiligen.“

Auch Annas Mann ist beruflich erfolgreich, das Paar verkehrt mit interessanten Leuten, führt eine gleichberechtigte, weltoffene Ehe. Sie verstehen sich gut, lassen sich ihre Spielräume. Grigorcea widerspricht nicht, wie überhaupt die Abwesenheit von Bitterkeit – Bitterkeit, denkt man zwischendurch höchstens, ist vermutlich auch nichts, dem eine älter werdende Tänzerin nachgeben darf – ein Merkmal dieser Geschichte ist. Der mögliche tragische Anteil an Annas diszipliniertem Leben: Er bleibt ihre Sache (zwischen den Tanzschritten, sagt Anna beziehungsreich, ende die Macht des Choreografen).

Zumal sie jetzt in einem Café am See und in einer vielleicht eine Spur irritierten Stimmung den jungen, ebenfalls verheirateten Kurden Gürkan kennenlernt. Gürkan hat einen Job als Gärtner. Der weitere Verlauf ist Anna vertraut. „Sie strich über sein Haar, eine Geste, die sie schon Tausende Male auf der Bühne gemacht hatte.“ Der vorläufige Ausgang ist Anna ebenfalls noch relativ vertraut. Sie wird von einem „Gefühl erfasst, das sie sonst nur nach langen Tourneen kannte, sie war erleichtert und wehmütig zugleich. Eine Geschichte ging zu Ende, und sie war wieder einmal perfekt aufgetreten, sensibel und grazil, hatte ihren eigenen Part routiniert gespielt, mit eher geringer Achtung für den Partner“. Ihr ist klar, dass sie sich für Gürkan ein wenig genieren würde.

Nach dem letzten, lapidaren Treffen – Grigorcea folgt Tschechow detailliert und doch eigen, bleibt also bei Anna, nicht bei Gurow/Gürkan – muss sie aber feststellen, dass die Geschichte nicht vorbei ist. Sie spürt das Schweigen vor der Ouvertüre, heißt es dazu, und: „Der Gedanke an Gürkan war immer naheliegend.“ Wie soll das enden?

Dana Grigorcea befasst sich in der Tat mit dem Geheimnis des Glücks. Wie sie dabei in keine Sentimentalitätsfalle läuft, wie sie sogar herb voranschreitet, während Anna mit ihrem Hündchen flaniert, ist ein kleines literarisches Virtuosenstück. Vorzugsweise im Café oder im Zug zu lesen.

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