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Deutsche Identität, was soll sie bedeuten? Kein Mythos war im 19. Jahrhundert in Deutschland populärer als die Loreleylegende. Blick auf den Rheinfelsen bei St. Goar.

"Was ist deutsch?"

Auf Tausend Seiten Donnerschläge

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Der Heidelberger Professor für Literatur Dieter Borchmeyer stellt sich der Frage "Was ist deutsch?" keineswegs. Nirgendwo entwickelt er eine Fragestellung, jedoch gibt er in seiner monumentalen Studie Anregungen zu vielerlei interessanten Dingen.

Selbstverständlich ist das Buch zu lang. 1056 Seiten. Niemand wird es von der ersten bis zu letzten Seite lesen. Wer das probiert, legt es womöglich nach dem ersten Satz schon verärgert zur Seite: „Kein Volk der Geschichte hat sich so unaufhörlich mit der eigenen Identität beschäftigt wie das deutsche.“

Das ist gleich mehrfach – sagen wir – unbedacht. Erstens ist es doch keinesfalls selbstverständlich, dass „deutsch“ etwas mit der Identität eines Volkes zu tun haben muss. Deutsche Wertarbeit, deutsches Kino etc. heißen so, weil sie in Deutschland produziert werden. Nicht weil sie Produkte eines deutschen Volkes sind. Mit dieser Vorstellung wäre man schon den Nationalideologien des 19. Jahrhunderts in die Falle gegangen.

Zweitens fällt es nicht schwer, andere „Völker“, „Nationen“ zu nennen, die mindestens ebenso mit ihrer Identität hadern wie die Deutschen das tun. Die Juden, lieber Herr Borchmeyer, zum Beispiel oder die Russen, die heute zum Europäischen Haus gehören wollen und morgen sich als Eurasier sehen. Was ist ein Katalane? Was ein Baske? „Kein Volk der Geschichte …“ – das ist doch pathetische Überhebung.

Und wie hielten es die Akkader? Wie die Hyksos? Wie die Tolteken? Hat Dieter Borchmeyer, der 1941 geborene Heidelberger Professor für deutsche Literatur und Theaterwissenschaft, das untersucht? Natürlich nicht. Er weiß nichts darüber. Wenn er es wüsste, wäre er klüger als alle Experten.

Aber der Fehler liegt nicht bei ihm, sondern bei mir. Ich habe seinen ersten Satz als Tatsachenbehauptung gelesen. Ein schwerer Fehler. „Kein Volk der Geschichte …“ ist ein Donnerschlag. Das soll er sein. Nichts anderes. Auf den mehr als eintausend Seiten fehlt es nicht an solchen Donnerschlägen. Darunter leidet immer wieder nicht nur die Argumentation, sondern auch der Stil.

Im ersten Absatz heißt es zum Beispiel ein paar Zeilen weiter: „Das Dritte Reich hat den übernationalen Aspekt, welcher der Wesensbestimmung des Deutschen ursprünglich eigen ist, gänzlich ausgeschaltet und die Frage ‚Was ist deutsch?‘ in einem rein nationalistischen Sinne beantwortet; dessen katastrophale Folgen haben dazu geführt, dass schon die bloße Frage nach der deutschen Identität lange zum Kanon des Verbotenen gehörte.“

Der Leser fragt sich: Was heißt „ursprünglich eigen“? Borchmeyer gibt darauf – soweit ich sehe – nirgendwo eine Antwort. Die Frage „Was ist ursprünglich deutsch?“, die sich sofort stellt, wenn man das liest, stellt sich Borchmeyer nirgends. Das hat einen einfachen Grund. Borchmeyer hat sein Buch zwar geschrieben, aber gedacht hat er es nicht.

Nirgendwo entwickelt er eine Fragestellung, er verschafft sich keinen Zugriff auf die Frage, sondern er erzählt in immer wieder neuen, kaum aufeinander bezogenen Abschnitten Episoden aus ihrer Geschichte. Wie sehr das Deutsche sich aus der Abwehr des Welschen, des Französischen und des Italienischen definiert, das kommt immer wieder in einzelnen Geschichten vor, wird aber nirgendwo als konstitutiv für die Frage herausgearbeitet.

Ebenso fehlt die systematische Herausarbeitung des entgegengesetzten Faktors bei der übrigens immer wieder neuen Konstituierung des Deutschen. Das entsteht nämlich nicht nur aus der Abwehr des anderen, sondern auch aus der Amalgamierung mit ihm. Borchmeyer vergisst das immer wieder. Sonst wäre ihm klar, dass es nach 1945 keinen Kanon des Verbotenen gab, auf dem die Frage „Was ist deutsch?“ stand. Deutschland war zerbrochen und setzte sich gerade wieder neu zusammen. Wer „deutsch“ sagte, der erinnerte an ein Land, das nicht nur geteilt war, sondern von dem Teile jetzt zu Polen, Russland und Frankreich – Saarland – gehörten. Das erschwerte nicht nur die Rede von Deutschland, sondern auch von dem, was „deutsch“ sei.

Das führte nicht zu einem Verbot der Frage, sondern im Gegenteil zu einer massenhaften Beschäftigung damit. In der BRD und in der DDR. Alexander Abusch taucht bei ihm einzig als Kritiker des Eislerschen „Johann Faustus“ auf, nicht aber als einer, der sich Gedanken seit dem mexikanischen Exil und auch als einer der Chefideologen der DDR immer wieder Gedanken darüber machte, wie eine „deutsche“ Kultur aussehen könnte.

Das Problem der Nachkriegswelt war: Was ist deutsch, wenn es zwei deutsche Staaten gibt? Das „Deutsche“, das wurde damals immer wieder diskutiert, hat Erfahrung damit. Die Debatte darüber, was deutsch sein sollte, könnte, musste Jahrhunderte lang ohne einen deutschen Nationalstaat auskommen. Wie weit muss „deutsch“ abgegrenzt werden von „schweizerisch“, von „österreichisch“, wie weit wäre es Verrat, wenn man es täte? Borchmeyer kommt auf manche dieser Fragen zu sprechen, aber immer tangential. Er geht sie nie frontal an.

Eine deutsche Malerei gibt es bei Borchmeyer nicht

Es gibt auch keine Reflexion darüber, was besonders deutsch ist vom Deutschen. Die Obrigkeitshörigkeit? Die Philosophie? Die Fettleibigkeit? Die Literatur? Der Alkoholismus? Die Technik? Die Brutalität? Die Empfindsamkeit? Es gibt ein Kapitel zur deutschen Musik. In dem findet sich viel Interessantes, aber kaum mehr als eine Handvoll Musiker werden genannt. Man stelle sich vor: eintausend Seiten zur Frage „Was ist deutsch?“ und nur drei beiläufige Erwähnungen Schuberts! Man mag sich nicht vorstellen, was Borchmeyers Hausheiliger Thomas Mann dazu gesagt hätte.

Eine deutsche Malerei gibt es bei Borchmeyer nicht. Albrecht Dürer hat einen großen Auftritt auf den Seiten, die Thomas Manns „Dr. Faustus“ referieren. Keiner der Cranachs kommt vor und auf tausend Seiten kein Caspar David Friedrich, kein Philipp Otto Runge. Hans Thoma kommt im Register nicht vor. Aber sein Porträt des Rembrandtdeutschen Hans Langbehn ist abgedruckt. Der deutsche Expressionismus, der in Literatur und Bildender Kunst den Beginn des europäischen 20. Jahrhunderts stark geprägt hat, fehlt ebenso wie die Neue Sachlichkeit. Beides Entwicklungen, die – zu Recht oder zu Unrecht – als spezifisch deutsche Beiträge betrachtet wurden. Dabei hätte gerade ein Kopf wie der Borchmeyers aus diesen einander ja offen widersprechenden Tendenzen einige Funken für die Frage „Was ist deutsch?“ schlagen können. Zumal hinter beiden das Ungeheuer des Nationalsozialismus lauerte.

Manche Rezensenten finden, das Buch sei okay, aber viel zu dick. Ich bin froh, dass es so dick ist, andernfalls wäre es total missraten. So aber lohnt es sich, darin zu lesen. Auch wer die Steckenpferde des Autors, Thomas Mann und Wagner – am häufigsten wird übrigens Goethe erwähnt –, schon selbst geritten hat und darum an diesen Stellen nicht fündig werden wird, wird sicher auf anderen Seiten über Hinweise, Autoren – das Weibliche scheint nicht so wirklich deutsch zu sein – und Gedanken stolpern, die er lange vergessen hatte oder auf die er hier das erste Mal stößt.

Die moderne Musik „redet deutsch“

Die Anmerkungen des griechischen Musikwissenschaftlers Trasybulos Georgiades zur deutschen Sprache zum Beispiel. Der schreibt: „Das Auf und Ab von unbetonten Vorsilben, betonten Hauptsilben als Bedeutungsträgern und unbetonten Endsilben findet sein Äquivalent in Auftakt und Abtakt als den beiden Urformen der neuzeitlichen musikalisch-rhythmischen Gestaltung.“ Die moderne Musik „redet deutsch“. – „Auch absolute, textlose Musik folgt in dieser Hinsicht der Sprachstruktur. Eine Semantisierung von Auf- und Abtakt wie in Beethovens Streichquartett op. 135 wäre vom Italienischen oder Französischen her nicht denkbar“, schreibt Borchmeyer. Er weist auch darauf hin, wie sehr Richard Strauss irritierte, dass das im Französischen so ganz anders ist. Er „musste sich von Romain Rolland darüber belehren lassen, dass die Betonungsverhältnisse der deutschen Sprache niemals auf die französische zu übertragen sind, die auch eine andere musikalische Phrasierung zur Folge hat.“ Es sind diese Stellen, für die der Leser Borchmeyer dankt.

Ich habe noch während der Borchmeyer-Lektüre mir „Die Weltgeltung der deutschen Musik“ von Paul Bekker (1882-1937) bestellt. Das Werk des jüdischen Musikkritikers der „Frankfurter Zeitung“ erschien 1920. Im Jahr 1916 erschien ein anderes Buch, auf das Borchmeyer hinweist: „Von der weltkulturellen Bedeutung und Aufgabe des Judentums“ des langjährigen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann (1895-1982).

Gleich im zweiten, dem entsetzlichen ersten folgenden Absatz seines Buches erinnert Borchmeyer an eine Passage aus Grimmelshausens „Der Abenteuerliche Simplicissimus“, die mich – Dank sei Dieter Borchmeyer! – wieder in den alten Roman getrieben hat. Darin erklärt eine Jupiterparodie: „Ich will einen Teutschen Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe des Schwerts vollenden, er wird alle verruchten Menschen umbringen und die frommen erhalten und erhöhen“. 1668!

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