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Es geht ums Innenleben: Illustration zum Genji Monagatari, frühes 17. Jahrhundert.
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Es geht ums Innenleben: Illustration zum Genji Monagatari, frühes 17. Jahrhundert.

Weltliteratur

Tausend Jahre Genji Monogatari: Die Frau, die sich einen Mann erfand

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vor tausend Jahren schrieb die japanische Hofdame Murasaki Shikibu den Roman über den Prinzen Genji, der es ablehnte, ein Prinz zu sein.

Im Jahre 1021 notierte eine junge Dame der japanischen Gesellschaft, dass sie eine Abschrift der Genji-Erzählung erhalten habe, die mehr als 50 Kapitel umfasse. Das ist gewissermaßen die Geburtsurkunde eines der bedeutendsten Romane der Weltliteratur. Es ist nicht seine erste Erwähnung. Aber erstmals ist die Rede von mehr als 50 Kapiteln. Die früheren Hinweise lassen nichts von dem atemraubenden Umfang des Werkes ahnen.

Das Buch, wie wir es heute kennen, hat 54 Kapitel. Die deutsche Übersetzung von Oscar Benl mit Eduard Klopfensteins ergänzenden Bemerkungen, die erstmals 1966 im Manesse-Verlag erschien, ist dort heute in einem 1928 Seiten umfassenden Band für 59,95 Euro zu erhalten. Wer englische Texte lesen kann, tut gut daran, die Übersetzung von Royall Tyler hinzuzuziehen. Sie hat 1216 Seiten, erschien 2003 bei Penguin und bietet mehr Erläuterungen als die deutsche Ausgabe. 8,01 Euro kostet die Kindle-Fassung davon.

Das Genji Monogatari ist kein Epos, sondern ein Prosaroman, in dem 795 Verse zitiert werden. Fremde und eigene – die Figuren schreiben einander Verse und sie schreiben auch einfach Verse für sich. Männer und Frauen. Das Buch ist ein Klassiker, Genji selbst einer der bekanntesten Romanhelden. Einzelne Episoden daraus werden seit Jahrhunderten in immer neuen Varianten und Medien unter die Leute gebracht.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts erschien auf mittelhochdeutsch das Nibelungenlied. Es beginnt mit den Zeilen, die die älteren Leserinnen und Leser noch auswendig lernen mussten: „Uns ist in alten maeren/ wunders viel geseit/ von helden lobebaeren/ von groszer arebeit.“ In den hunderten Seiten des Genji monogatari ist von Helden nirgends die Rede, und nichts in dem Buch erinnert an Arbeit, an Anstrengung. Nirgendwo eine Schlacht, nirgends Zweikämpfe.

Genji ist kein „kühner Recke“, ein Schwert hat er niemals in der Hand. Action gibt es nicht. Keine Verfolgungsjagd, keine aufregenden Unternehmungen, nirgendwo auch nur ein einziges Abenteuer. Er muss nicht in Drachenblut baden, um sich abzuhärten gegen die stets feindliche Welt. Wovon handeln die Geschichten des Herrn Genji?

Im Wesentlichen ist der Mann zunächst mit Liebesdingen beschäftigt. Daneben baut er noch das eine oder das andere Haus, besucht die Häuser von Verwandten oder einen Tempel. Dabei ist er der Sohn eines Kaisers, sein Sohn wird Kaiser sein. Er selbst ist eine Weile Kanzler des japanischen Reichs.

Alles kein Grund, in diesem Roman auf auch nur eines der zentralen politischen Probleme der Zeit einzugehen, wie zum Beispiel das Verhältnis des Kaisers zu den zur Macht drängenden Großfamilien. Nicht nur der Machtkampf spielt keine Rolle in diesem ersten japanischen Roman. Wer sich gut auskennt, mag in den geschilderten Begebenheiten zwar politische Entwicklungen des 10. Jahrhunderts wiedererkennen - der Roman spielt knapp einhundert Jahre vor seiner Entstehung – aber sie sind nicht die Handlung des Buches. Nirgendwo werden Körper geschunden, verletzt oder gar getötet. Nicht einmal lustvoll beschriebene politische Intrigen gibt es. Geschichte findet statt. Es gibt Thronverzichte und Thronbesteigungen.

Aber lange leben alter und neuer Kaiser nebeneinander. Natürlich werden Kinder geboren – Genji wird Großvater – und es wird auch gestorben in diesem Buch. Aber das alles ist der Hintergrund für das Alltagsleben einer höfischen Gesellschaft, die zwischen säkularen Festlichkeiten und religiösen Feierlichkeiten damit beschäftigt ist, zu jedem Anlass gut gekleidet zu sein und sich von nichts in der Pflege des eigenen – vorzugsweise melancholischen – Innenlebens stören zu lassen. Es kommt nicht darauf an, sich unempfindlich zu machen gegen die Welt sondern darauf, sich für sie zu sensibilisieren.

Langweilig? Vielleicht. Aber denken Sie an Jane Austen. Ihre Romane finden heute in allen Medien ihr Publikum. Politik spielt auch in ihnen keine Rolle. Möglicherweise aus dem gleichen Grunde. Regierungsgeschäfte waren Männersache. Autorinnen hatten sich da nicht einzumischen. Als Murasaki Shikibu in den ersten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts ihren Roman schrieb, schrieb wahrscheinlich nicht allzu weit entfernt Sei Shonagon, ebenfalls eine Hofdame, „Das Kopfkissenbuch“, diesen anderen Klassiker der Heian-Epoche. Mit diesen Werken entstand die moderne japanische Literatur. Die Schrift, in der sie aufgezeichnet wird, wurde „Frauenschrift“ genannt. Das war herabsetzend gemeint.

Denn die gebildete Oberschicht schrieb Chinesisch oder Sino-Japanisch, also zwar Japanisch, aber von zahllosen chinesischen Ausdrücken durchsetzt. Man wird es sich so vorstellen dürfen wie die Rolle des Lateinischen in der westeuropäischen Geschichte von Literatur und Gelehrsamkeit. Im Roman lobt Genji den Brief einer Dame dafür, dass sie in ihm auf den Gebrauch chinesischer Wendungen weitgehend verzichtet. Die Geschichte von Genji ist nicht nur das Dokument einer weiblichen Emanzipation, sondern auch das einer nationalen. Darüber, wie die beiden damals zusammenhingen, wurde und wird viel gestritten.

Als 1925 Arthur Waleys erste vollständige Übersetzung des japanischen Klassikers „Geschichte von Genji“ erschien, konstatierte Virginia Woolf, dass – während in unseren Epen die Männer mit nackten Fäusten oder mit blanken Schwertern aufeinander einschlugen, „auf der anderen Seite des Globus die Hofdame Murasaki hinaus in ihren Garten sah, und ihr fielen zwischen den Blättern weiße Blüten auf, die sich halb öffneten wie die Lippen von Menschen, die über ihre eigenen Gedanken lächeln“. Die britische Schriftstellerin, die um ein Zimmer für sich allein kämpfte, sah in der japanischen Hofdame, die tausend Jahre vor ihr schrieb, eine Kollegin. Vielleicht aber beschwieg sie das, was sie am tiefsten berührte.

Murasaki Shikibu saß vor tausend Jahren in einem von spanischen Wänden gegliederten Pavillon hinter sie vor männlichen Blicken verbergenden Vorhängen – die japanischen Bilder, die sie im Freien mit wehenden Haaren schreibend zeigen, sind gerade mal 500 Jahre alt – und fantasierte sich weit mehr als eintausend Seiten lang (Genji stirbt nach zwei Dritteln des Buches) in die Psyche eines Mannes hinein, machte ihn zum Titelhelden des berühmtesten japanischen Romans.

Die Frau ist nicht mehr Anhängsel des Mannes, ihr Rang bestimmt sich nicht mehr nach seinem. Der Mann ist das Geschöpf der Frau.

Das muss bei Virginia Woolf eingeschlagen haben. Und dann noch diese Art Mann: ein empfindsamer, ein weinender, ein zuhörender? Ja. Aber auch einer, der lustvoll erobert, ein Vergewaltiger gar. Alles das ist er. Und er ist es, weil Murasaki Shikibu ihn dazu gemacht hat. 1928 veröffentlicht Virginia Woolf „Orlando“. Der Titelheld, ein von Elizabeth I sehr geschätzter Höfling, wacht in Istanbul nach langem Schlaf als Frau auf und durchwandert die Jahrhunderte bis hinein in Virginia Woolfs Gegenwart. Sie habe das Buch so schnell geschrieben wie keines ihrer anderen Bücher, es sei wie Urlaub gewesen, erklärte Virginia Woolf.

Womöglich hatte sie das Genji Monogatari als Trägerrakete für ihren eigenen Roman nutzen können? Jedenfalls öffnet Woolfs „Orlando“ uns die Augen für einen etwas anderen Blick auf den Roman von Murasaki Shikibu. So gesehen handelt es sich möglicherweise in viel größerem Maße als bisher angenommen um einen phantastischen Roman, mit einem phantastischen Helden. Ein Roman, der mit Geschlechtern und Geschlechtsrollen spielt.

Das Genji Monogatari ist dann nicht nur Frauenliteratur, sondern queer. So wie Genji, der Sohn des Kaisers, auf seinen Prinzenstatus verzichtet und lieber beides ist: Mitglied des Hofes und „Bürgerlicher“, so lässt er sich emotional nicht einem einzigen Geschlecht zuordnen. Oder besser gesagt: Er widerlegt die vorgebliche Notwendigkeit, sich in allem auf eine vorgegebene Geschlechtsrolle festlegen zu müssen.

Wir wissen nichts über die Frau, die ihn geschaffen hat. Selbst ihren Namen kennen wir nicht. Murasaki ist der Name einer der Protagonistinnen des Buches. Das ist schon falsch. Es ist kein Name, wie wir ihn kennen, keine lebenslange Bezeichnung einer bestimmten Person. Murasaki bedeutet soviel wie Lila und Shikibu soviel wie Ritus, Zeremonie. Im Roman haben alle auftretenden Figuren immer wieder neue Namen, je nach der gesellschaftlichen Rolle, die sie im jeweiligen Kapitel innehaben.

Namen sind nicht Schall und Rauch, sondern im Gegenteil, den Namen zu nennen, bedeutet Macht über jemanden zu haben – „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein“ spricht Gott bei Jesaja – im Guten wie im Bösen. Das schickt sich nicht. Aber mehr als das: Dem Buddhismus – er spielt eine große Rolle im Buch – geht es um die Auflösung des Ich. So gesehen ist das Queere sein Element. Mit einem Schlag sind wir mitten drin in den Debatten der Gegenwart.

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