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Tatiana Tibuleac. Foto: Natalja Rusu
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Tatiana Tibuleac.

Literatur

Tatiana Tibuleac: Der wütende Junge und der Tod

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Tatiana Tibuleacs Debütroman „Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte“ ist schwer beladen, hat aber auch viel zu bieten.

Den Tod an die Wand zu reden und damit zumindest aufzuhalten, hat eine lange Tradition. Scheherazade bot das auf höchstem Niveau, aber es gibt auch all die Western, in denen man als beste Freundin des schlimmen Fingers diesen davor warnen müsste, dem Helden auch nur zwei Sekunden zuzuhören. Das Gute kann doch nur siegen, weil das Böse sich noch auf ein paar Worte eingelassen hat. Auch der schmale Roman „Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte“ spielt auf seine Weise eine Variante des Themas durch. Das Schlimme ist in diesem Fall bereits geschehen, aber der Erzähler erzählt kräftig dagegen an, es auch uns mitzuteilen. An den entscheidenden Punkt zu kommen, an die entscheidenden Punkte. Mehr als ein Unheil ist geschehen.

Die Autorin Tatiana Tibuleac, 1978 in Chisinau (heute Moldawien) geboren, lebt seit 13 Jahren in Paris, hat ihren Debütroman aber auf Rumänisch geschrieben. Darum ist die schöne deutsche Fassung von Ernest Wichner, der Tibuleac’ bilderreiche Sprache – die bilderreiche Sprache des Erzählers – so geglückt angefertigt hat, dass das Übersetzte daran nicht mehr zu spüren ist. Zwar hat der Erzähler die Bilder stets zur Hand, aber sie sind wirklich treffend. Er löst sein Gesicht von der Fensterscheibe wie ein verbrauchtes Abziehbild. Sie geht an ihm wie an einer Pfütze vorbei. Er schmiegt sich an sie wie eine Wunde ans Pflaster. Das Kind lacht wie ein an den Fußsohlen gekitzelter Regenbogen.

Er ist der Sohn, sie ist die Mutter. Das Kind ist vor vielen Jahren gestorben, seine kleine Schwester, ein Unglück, das die Mutter nicht verkraftet hat. Er kann das nachvollziehen. „Aber für mich wäre es schön gewesen, wenn Mutter sich auch einmal an mich erinnert hätte, an ihr anderes Kind ... .“ Daher seine Wut, eine sorgfältig gehegte Wut mit einem langen Atem, der den Erzähler offenbar durch sein Leben zwischen Kindheit und Schulabschluss getragen hat. Einer Wut, die auch den Tod wünscht, den eigenen oder den der anderen Person. Jetzt aber, in der Zeit, von der er erzählen will und die ebenfalls inzwischen schon lange zurückliegt, überredet ihn die Mutter, mit ihm einen Sommer in Frankreich zu verbringen. Am Ende des Sommers wird sie an Krebs gestorben sein.

Über das Buch

Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte. Roman. A. d. Rumän. v. Ernest Wichner. Schöffling & Co. 2021. 190 S., 22,70 Euro.

Man muss nicht Mittwochabend die Filme im Ersten schauen, um zu wissen, was es bedeutet, wenn eine Mutter ihren atemberaubend zornigen Sohn auffordert, einen einzigen langen Urlaub mit ihr zu verbringen und anschließend zu tun, was auch immer er mit seinem Leben tun will. Die Mutter wartet dennoch lange, bis sie es dem Sohn sagt, der Erzähler wartet noch länger, bis er es uns sagt. Er gibt sich, das ist geschickt gemacht, zugleich den Anschein, zügig, geradezu als Wüterich Protokoll ablegen zu wollen. Aber dann hat er alle Zeit der Welt und nicht mehr viel zu verlieren.

Es ist schön in Frankreich, ein Sommer auf dem Lande, wie er im Buche steht. Nette Leute, großartiges Essen vom Markt. Die Freiheit jener, die in Kürze sterben, und jener, die gerade erst erwachsen geworden sind, ist eine sehr relative und manchmal ist sie auch überhaupt nicht vorhanden. Hier aber schon. Dass sie sich darin ausdrückt, die Ernährung auf Bier und Popcorn umzustellen, dokumentiert, wie auch die Verzweiflung ein eigenes Behagen kennt. Und es ist die Verzweiflung des Erzählers, die durch die Seiten trägt und verhindert, dass das alles zu rustikal gediegen ist.

„Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte“ ist ein beladenes, auch überladenes Buch. Der Erzähler rückt immer mit noch einer und noch einer schlimmen Geschichte heraus (zugleich bleibt vieles im Halbschatten). Dann wieder gelingt es ihm und Tibuleac, das Schwinden der Mutter mit solcher Wucht zu zeichnen, dass der Roman eben doch seinen Kern hat. Den Tod, von dem man nicht erzählen will, den der Erzähler aber in so vielen furchtbaren Einzelheiten kennengelernt hat, dass er es aufschreiben muss.

Bewundernswert ist außerdem, dass die Poesie – der man vorerst misstraut – sitzt, die der Bilder und die der mütterlichen Augen, die im Sohn ebenfalls ein Feuerwerk der Vergleiche erzeugen. Der Erzähler ist inzwischen ein erfolgreicher Maler. Selbstverständlich steht ihm eine andere Ausdruckskraft für seine Fantasien zur Verfügung als einem aufgebrachten Abiturienten. Ein Künstlerroman ist das aber nur am Rande, es bleibt ein Buch über den Tod, der immer noch grimmiger ist, als wir jemals sein können. Das will etwas heißen.

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