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Amos Oz

Wie ein Taschendieb

Im jüngsten Buch des renommierten israelischen Autors, dem jetzt der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zugesprochen wurde, spielt Amos Oz mit der Wirklichkeit.

Von RENATE WIGGERSHAUS

Das jüngste Buch des renommierten israelischen Autors, dem jetzt der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zugesprochen wurde, hebt an mit einem Gewitter von Fragen, die Schriftstellern und dem Publikum von Schriftsteller-Auftritten nur allzu vertraut sein dürften: Warum schreiben Sie? Entspringt Ihre Geschichte der Phantasie oder dem wirklichen Leben? Könnten Sie "ganz kurz in eigenen Worten" erklären, was Sie mit Ihrem letzten Buch sagen wollten?

Amos Oz mokiert sich nicht über diese stereotypen Fragen. Vielmehr antwortet er geradezu lustvoll in immer neuen Anläufen darauf. Nicht nur die Literatur, auch das Leben bildet für ihn eine Mischung aus Fakten, Fiktion und Imagination. Mehr noch als das Erlebte verlockt das Erfundene ihn zur Literarisierung, zur Verwendung von Stilmitteln wie Übertreibung, Sarkasmus, Groteske, Ironie und Humor, die seiner Erzählkunst das spezifische Flair von Frische und Vitalität, Pathos und Spannung verleihen.

Das Wechselspiel von Literatur und Leben entfaltet sich gleich in der ersten Szene. Ein heißer Sommerabend in Tel Aviv. Der Protagonist - abgeklärt distanziert "der Schriftsteller" genannt - ist zur Vorstellung seines neuen Buches ins Kulturzentrum der Stadt eingeladen. Um sich zu stärken, geht er in ein Café, betrachtet seine Umgebung, beobachtet die müde Kellnerin, nennt sie insgeheim Riki, malt sich ihre erste Liebe mit Charlie aus, der sie schon bald wegen Lucy verlässt. Kaum hat er seinen Geschichten spinnenden Gedanken freien Lauf gelassen, erregt das Gespräch zweier Herren am Nachbartisch seine Aufmerksamkeit. Er gibt ihnen einen Beruf, einen Namen. Sie unterhalten sich über Ovadja Chasam, der eine halbe Million im Lotto gewonnen hat, zum Lebemann und Frauenheld wurde und nun mit Leberkrebs im Ichilow-Krankenhaus liegt.

Auf dem Weg zum Kulturzentrum beginnen die Personen aus dem Café bereits ein Eigenleben zu führen. Während der Literaturexperte ihn dem Publikum vorstellt, wandern die Blicke des Schriftstellers zerstreut durch den Saal, um die Zuhörer "wie ein Taschendieb zu beklauen". Von einer grauen Haarsträhne, einem wehmütigen Gesichtsausdruck, dem Hin- und Herrutschen eines Jungen auf dem Stuhl lässt er sich gefangen nehmen, und schon beginnt sich hinter seinen Eindrücken von diesen Menschen Leben zu regen. Er lässt sie erzählen und agieren, sieht sie in Beziehung zueinander treten, erlebt, wie sie seine Vorstellung bevölkern, um ihn schließlich in Momenten, in denen er frei für anderes sein wollte, uneingeladen heimzusuchen und zu bedrängen. Reale und imaginierte Gestalten vermischen sich auf ununterscheidbare Weise.

Hat der Schriftsteller nach der Vorstellung seines Buches wirklich eine Liebesnacht mit Rochele Resnik, der Vorleserin seiner Texte, zugebracht? Oder wollte er mit der glanzvollen Schilderung einer nicht leicht darstellbaren Szene vielleicht nur seine Meisterschaft zeigen?

Er lässt das offen, bleibt bei seinem Thema, dem Wechselspiel von Leben und Literatur. Sind Riki, Rachel und all die anderen, die unabhängig von ihm als reale Menschen existieren, gleichzeitig aber ein Eigenleben in seiner Imagination führen, nur verschiedene Facetten seines Ichs? Braucht er sie, um frühes Leid und ewige Fremdheit zu kompensieren, und schreibt er über sie, "um sie zu berühren, ohne sie zu berühren, damit sie ihn berühren, ohne ihn wirklich zu berühren"?

Auf der Suche nach Antworten auf unbeantwortbare Fragen lässt der Schriftsteller immer neue Gestalten zu Wort kommen, als läge die Lösung im extensiven polyphonen Kommunizieren. Es sind gewöhnliche Menschen des israelischen Alltags, die über Gut und Böse, Wahrheit und Gerechtigkeit, Leben und Sterben diskutieren - sei es beim Anschauen eines Krimis und der Frage nach dem Mörder, sei es beim Disput über den Talmud und der Frage, warum Gott Abel zwar erhört, in Wirklichkeit aber Kain vorgezogen hat.

Zum Roman wird das Buch durch seine mehrschichtige Gesamtanlage. Gedichte durchziehen es leitmotivisch. Sie stammen von dem einst populären, inzwischen fast vergessenen Dichter Zefanja Beit-Halachmi, über den wir am Ende des Buches erfahren, dass er gerade im Alter von 97 Jahren verstorben sei. Als könne er nun, da ein anderer Schriftsteller in seine Fußstapfen getreten ist, abtreten. Nicht nur schmückt sich Oz' Roman mit dem Titel von Halachmis Lyrikband "Verse auf Leben und Tod". Eines seiner vielen Gedichte zitiert der Schriftsteller sogar dreimal im Roman. Es ist ein Gedicht, dessen letzte Zeile sein Motto hätte sein können: "Mancher Kluge hat keinen Geist/ Und mancher Narr ein grosses Herz,/und manche Freude endet im Schmerz,/und niemand versteht, was ihn selber treibt."

Müßig hinzuzufügen, dass es unerheblich ist, ob es diesen Dichter wirklich gegeben hat oder er nur eine Imagination des Schriftstellers Amos Oz ist. In seinen Versen lebt er - oder lebt er fort.

Amos Oz:

Verse auf Leben

und Tod. Aus dem Hebräischen von

Mirjam Pressler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 120 S., 16,80 Euro

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