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Tanya Tagaq

Romandebüt

Tanya Tagaq: „Eisfuchs“ – Wer auf dem Eisbären reitet

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Die göttliche Natur und die Lästigkeit, dass Wimperntusche bei minus 40 Grad nicht mehr hält: „Eisfuchs“ heißt das erstaunliche literarische Debüt der Kehlkopfsängerin Tanya Tagaq.

Wenn jemand den Saal verlassen will“, erklärte Tanya Tagaq zu Beginn ihres Konzertes im Kennedy Center in Washington 2019, „ist das okay.“ Der Kehlkopfgesang sei nicht jedermanns Geschmack. Was die 1975 im kanadischen Nunavut geborene Inuit über ihr vokales Feuerwerk sagte, mit dem sie eine archaische Welt erschafft, gilt auch für ihr Schreiben: „Eisfuchs“ ist von sehr ungewohnter Art. Doch das eine wie das andere verströmt eine hohe Dringlichkeit.

Tagaqs literarisches Debüt von 2018, das jetzt auf Deutsch erscheint, handelt in einer Mischung aus Prosa und Lyrik von Kindheit und Jugend tief in der Arktis. Der Nordpol liegt sozusagen in Sichtweite. Drei Monate im Jahr scheint rund um die Uhr die Sonne und ebenfalls drei Monate im Jahr herrscht rund um die Uhr Dunkelheit. Die Heldin lebt in einem „langweiligen Kaff“, das 1200 Einwohner zählt. Kältefrei gibt es in der Schule erst bei gefühlten minus 50 Grad.

Tanya Tagaq: Eisfuchs. Roman. A. d. Engl. v. Anke Caroline Burger. Antje Kunstmann, München 2020. 200 S., 20 Euro.

Die Ich-Erzählerin, die selbstverständlich nicht identisch ist mit der Autorin, macht drastisch deutlich, wie unter den Erwachsenen der Alkohol wütet, wie Mädchen „begrapscht“ werden, wie die Schüler um die Hackordnung kämpfen und an allen möglichen gefährlichen Substanzen schnüffeln – an Farbverdünnern, Nagellack, Benzin oder Butangas aus dem Co-op-Laden. Ebenso deutlich ist die überwältigende Kraft der Natur, das Leuchten der Polarlichter oder die Schönheit des Polarfuchses, der auch das Cover schmückt (und der Tagaqs Sprechgesang im Musikvideo „Retribution“ begleitet).

Bei ihren Schilderungen verlässt die Erzählerin bald schon den Grund, den wir für fest und sicher halten. Sagengestalten und Naturgeister mischen sich ins Geschehen. Kräfte wirken auf die Menschen ein, von denen unsereins noch nie gehört hat. Der Animismus, der Glaube an die Beseeltheit aller Natur, ist ausgeprägt. Das Mädchen weiß mit elf Jahren: „Es gibt noch andere Wirklichkeiten, die neben unserer existieren; das nicht zu glauben wäre reine Dummheit.“

Schon Tagaqs Ethno-Album „Animism“ (2014) brachte diese Weltsicht zum Ausdruck. Nun ist davon auch im Buch die Rede. Von der Kommunikation mit einem Seehund („er weiß alles“) oder von einem Ritt auf einem Eisbären, bei dem Mensch und Tier zu einem Wesen verschmelzen. Auch bringt die junge Frau die Zwillinge Savik und Naja zur Welt, die sogleich beginnen, Böses (der Junge) und Gutes (das Mädchen) zu bewirken.

Dass die Ich-Erzählerin vor diesem Hintergrund wenig von der Missionsarbeit der anglikanischen Pfarrer hält, lässt sich leicht denken: „Das habe ich nie verstanden, wie Fremde einfach herkommen und uns vorschreiben wollen, wo wir zu sterben und wo wir zu leben haben. Wo wir begraben werden und wie wir uns fortzupflanzen haben.“

Zuweilen wirkt dieser Text wie die Anrufung einer höheren Macht. Der Eindruck der Esoterik, der beim Dreiklang „Wissen-Heilen-Reinigung“ aufkommt, wirkt freilich aufs Ganze besehen nicht dominant. Dafür sind diese Prosa und Lyrik, die mit recht schlichten Zeichnungen von Jaime Hernandez illustriert sind, zu handfest im Detail. So steckt sich das Mädchen Molche ins Haar, die den Kopf massieren bei dem vergeblichen Versuch, sich in die Kopfhaut einzugraben. Und dass die Wimperntusche nicht hält, wenn es minus 40 Grad sind, ist zumal dann lästig, wenn der von allen Mitschülerinnen geschätzte Bestboy in der Nähe ist.

Die Natur ist in diesem Buch das Göttliche schlechthin. Tagaq schildert sie als große Kraft und Attraktion. Die Menschheit wäre gut, beraten, so ließe sich das Tundra-Kaleidoskop lesen, diese Natur in größtmöglichem Frieden zu lassen. Aber wann folgt die Menschheit schon einem guten Rat? „Eisfuchs“ schlägt mit einer Mischung aus Alltagsbrutalität, Naturpoesie und Mystik einen unvertrauten Ton an. Der klingt verlockend bizarr. Ein Prosa-Debüt, das den Blick weitet.

Als Musikerinist Tanya Tagaq in Deutschland bei der Eröffnung des Bremer Jazzahead Festival am 17. April zu erleben. Hier stellt sie am 19. auch ihren Roman vor.

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