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Tankred Dorst ist im Alter von 91 Jahren gestorben.
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Tankred Dorst ist im Alter von 91 Jahren gestorben.

Dramatiker

Tankred Dorst ist tot

  • VonRainer Hartmann
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Wohl niemand hat das zeitgenössische deutsche Theater mit so vielen und so unterschiedlichen Stücken bereichert wie Tankred Dorst. Nun ist der Dramatiker mit 91 Jahren in Berlin gestorben.

Einen Theaterspielplan ohne „einen Dorst“ konnte man sich in den 70er und 80er Jahren nur mühsam vorstellen. Immer vielfältiger, immer üppiger wurde die Auswahl an Stücken, die Dorst und, von 1970 an, seine Frau und Mitarbeiterin Ursula Ehler für die Bühne geschrieben hatten. Und die Produktion ging weiter. Mit ganz kleiner Besetzung hatte Dorst, damals noch allein, 1960 angefangen, mit der bösen Groteske „Die Kurve“, in der zwei Männer auf Unfallopfer warten. Im nur für große Ensembles zu bewältigenden Drama „Merlin oder Das wüste Land“, uraufgeführt 1981 am Düsseldorfer Schauspielhaus, leugnete das Autorenpaar mit überbordender Fantasie alle Beschränkungen, spielte mit dem Mythos, liebäugelte mit dem Mysterienspiel. Und als Dorst 1990 den Büchner-Preis erhielt, entwarf er in seiner Rede sogar eine Dramenhandlung für und von Georg Büchner.

Tankred Dorst, der am Donnerstag 91-jährig in Berlin gestorben ist, bekam im Dialog die Welt, das Leben, politische Wandlungen oder historische Verwicklungen in den Griff – und eben auch die Praxis des Stückeschreibens selbst. Dorst/Ehler haben gerne davon erzählt, wie sie gemeinsam arbeiten und im Gespräch ihre Figuren kennenlernen. Könnte sein, dass dadurch die von Dorst früh erkannte Rolle der Frauen noch gestärkt wurde und das Erbe von Grimms Märchen seinen Platz erhielt wie in der Geschichte des schaurigen „Korbes“, die 1989 den Mülheimer Theaterpreis einbrachte. 1972 zum Beispiel, in der Bochumer Uraufführung von „Kleiner Mann, was nun?“ nach Hans Fallada, war die junge Hannelore Hoger als „Lämmchen“ die in jeder Hinsicht bewegende Kraft. Und drei Jahre später, in „Auf dem Chimborazo“, zog die redefreudig in die DDR – „Zone“ – zurück- und herabblickende Familienmutter Dorothea alle Aufmerksamkeit, wenn auch nicht alle Sympathien auf sich. Ältere TV-Zuschauer erinnern sich vielleicht an die meisterhaft schwadronierende Marianne Hoppe.

Es war kein Zufall, dass deutsche Geschichte dem Dramatiker Dorst viel Stoff lieferte. Der am 19. Dezember 1925 geborene Thüringer aus der Gegend um Sonneberg musste 1944 an die Front, lernte als Gefangener in England und vor allem in den USA „die eigentliche und bis dahin mir unbekannte deutsche Literatur“ kennen. Immer noch jung und mit geschärfter Aufmerksamkeit kehrte er 1947 zurück, studierte Literatur und Theaterwissenschaft, fand in München zunächst zum Marionettentheater.

Enorm farbenfroh zeigte ihn sein erstes großes Stück, „Die Mohrin“, uraufgeführt 1964 in Frankfurt. Was darin an gesellschaftlichem Bewusstsein noch fehlen mochte, packte er in sein bald berühmt gewordenes Drama „Toller“ um den revolutionären Dichter, das Peter Palitzsch in Stuttgart inszenierte. Doch dieses 68er Stück von 1969 gehört noch nicht einmal zu Dorsts „Deutschen Stücken“, letzten Endes Teilungsdramen, deren wichtigstes neben „Chimborazo“ „Die Villa“ ist.

Mit dem Werk weitet sich der Blick. „Eiszeit“ 1972 führt zum verkarsteten Knut Hamsun, der mit den Nazis kooperiert hatte. „Merlin“, gut für acht Stunden Aufführung, öffnet sich – mit dem Zauberer aus der König-Artus-Szene im Zentrum – der Magie, dem Irrationalen, dem Wandeln irrender Ritter.

Anfangs vertreibt Christus die heidnischen Götter, zuletzt kehren sie zurück. So droht das Ende einer Epoche, das Ende der Zivilisation, Shakespeare und Wolfram von Eschenbach stoßen schmerzhaft zusammen. Bei „Merlin“, auch ein Lesedrama, an Kabul zu denken, macht auf Dorsts bleibende Aktualität aufmerksam.

Auf der Bühne hat dieser freundliche, auskunftsbereite Autor so manche Zerstörung angerichtet, sechs Jahre nach „Merlin“ nochmals in „Parzival“, worin es schließlich heißt „Alles ist leer“. In „Große Szene am Fluss“ um 2000 herrscht wieder Krieg, zum Schluss ruft einer nur noch „Wegtauchen! Wegtauchen!“. Von den späten Stücken sagten Dorst und Ehler, sie ließen für Regie und Schauspieler bewusst Raum, das Geschriebene szenisch fertigzustellen.

Dem Theater begegnete Dorst, der über Jahre auch zur Leitung der Biennale „Neue Stücke aus Europa“ am Staatstheater Wiesbaden gehörte, als einer selbstständigen Größe: dem Schauplatz, auf dem das Wort übergeht in leibhaftige Menschen, in Leben.

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