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Tamar Tandaschwili.
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Tamar Tandaschwili.

Georgien

Tamar Tandaschwili und ihr „Medea“-Roman: Nonnen, Hündinnen und andere Frauen

  • VonKatharina Granzin
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Mit Zorn, Eifer und grimmigem Humor schreibt Tamar Tandaschwili in „Als Medea Rache übte und die Liebe fand“ gegen das georgische Patriarchat an.

Es steckt viel Zorn in diesem schmalen Buch, aber auch viel Liebe, Empathie und Lebenslust. Zorn, auf der einen Seite, gegen eine unfassbar konservative patriarchalische Gesellschaft, auf ihre verknöcherten Werte und den unbelehrbaren Macho-Teil ihrer tonangebenden Protagonisten. Auf der anderen Seite feiert Tamar Tandaschwili die Freiheit des Individuums und die Liebe in diversen Erscheinungsformen mit diesen romanhaft verzwirbelten Geschichten über Menschen, die ihre Identität und ihre Art zu Leben immer wieder gegen große Widerstände verteidigen müssen.

Definitiv ist diese Prosa nichts für Feiglinge, denn die emotionalen Extremsituationen, denen Tandaschwili ihr Romanpersonal aussetzt, folgen so dicht aufeinander, dass es manchmal nur schwer auszuhalten ist. Ein ziemlich grimmiger Humor, der sich aus dem lakonischen Erzählduktus herauslesen lässt und der oft kaum von Sarkasmus zu unterscheiden ist, wirkt als ernüchterndes Gegenmittel gegen zu viel lesendes Mitgefühl. Das tut auch not, denn das geschilderte Leid ist oft sehr groß. Viele der Romanfiguren, die es wagen, ihren Neigungen entsprechend zu leben, müssen einen hohen Preis zahlen.

Ein Neben-Erzählstrang handelt von zwei Nonnen, die sich ineinander verlieben, woraufhin eine von ihnen aus dem Kloster verbannt wird. In demselben Kloster wird eine Hündin erschossen, weil sie mit alten Decken zu masturbieren pflegt. Dieses von Männern geleitete Nonnenkloster ist ein auch in symbolischer Hinsicht sehr wichtiger Schauplatz, an dem es letztlich zu einer Art Show-down kommen wird.

Doch es sind zwei außerhalb des Klosters spielende Handlungsstränge, die den episodenhaft komponierten Roman im Kern zusammenhalten: Zum einen die Geschichte der transsexuellen Monika, die allen körperlichen Merkmalen nach als Junge geboren wurde und doch ein Mädchen ist. Sie wird im Alter von 16 Jahren von ihren Eltern verstoßen. Als Erwachsene wird sie als besonders feinfühlige Sexualtherapeutin arbeiten und einem neurologisch schwer geschädigten jungen Mädchen dabei helfen, sich selbst zu befriedigen.

Das Buch:

Tamar Tandaschwili: Als Medea Rache übte und die Liebe fand. Roman. A. d. Georg. v. Tamar Muskhelischwili. Residenz, Salzburg 2021. 144 S., 18 Euro.

Den zweiten roten Faden bildet eine Geschichte, die zunächst nur als psychologische Fallstudie in den Roman eingeführt wird. Sie handelt von einer Schülerin, die über Jahre hinweg von mehreren gleichaltrigen Jungen sexuell missbraucht wird und nicht weiß, wie sie sich dagegen wehren kann.

Die Titelfigur des Romans wiederum, Medea, taucht erst sehr spät überhaupt im Text auf, und das zunächst in ihrer beruflichen Funktion als Kriminalermittlerin, bis irgendwann offenbar wird, dass diese Medea in mehreren sehr unterschiedlichen Rollen im nicht chronologisch erzählten Fortgang der Geschichten präsent ist und dabei auch noch verschiedene Namen trägt. Und da ist sie nicht die einzige.

Am Ende wird sich zeigen, dass alle Erzählungen lose Fäden haben, die irgendwo irgendwann zusammenkommen; doch bis dahin heißt es für die geneigte Leserin (und hoffentlich den einen oder anderen geneigten Leser), gut aufzupassen. Denn gerade der schöne narrative Schwung, der Tandaschwilis Stil kennzeichnet, verleitet dazu, sich von der Lektüre mitreißen zu lassen, was dazu führen kann, Querverweise im Text auch einmal zu überlesen. Für einen so schmalen Band ist der Roman ausgesprochen komplex gebaut. Man könnte auch sagen: unnötig kompliziert; und das liegt vor allem an der schwer überschaubaren Chronologie. Wann welche Szene spielt und was sie wirklich bedeutet, ergibt sich oft erst im Nachhinein und in der Gesamtheit aller Ereignisse.

Welchem höheren literarischen Zweck dieses aufwendige Erzählpuzzle dient, bleibt eher unklar. Ganz am Ende des Buches gibt es ein ausführliches Personenverzeichnis, das die Beziehungen der Figuren untereinander sowie die unterschiedlichen Namen, die sie an verschiedenen Stellen im Roman tragen, hilfreich erklärt. Leider findet man es dort hinten aber erst nach dem Ende der Lektüre.

Und trotz allem empfindet man diese Lektüre nicht als Arbeit, was daran liegen muss, dass Tamar Tandaschwili, die hauptberuflich als Psychotherapeutin arbeitet, eine hervorragende Erzählerin ist. Es darf vermutet werden, dass sie zumindest einen Teil des Erzählmaterials aus ihrer therapeutischen Praxis schöpft. Ebenso wahrscheinlich ist es, dass dieses Material so weit verfremdet und verdichtet wurde, bis es nur noch entfernt an die Vorlagen aus der Wirklichkeit erinnert.

„Als Medea Rache übte und die Liebe fand“ ist kein realistischer Roman, sondern etwas wie ein kompromissloses literarisches Sperrfeuer, das die Grundfesten einer äußerst traditionellen Werteordnung schrill pfeifend unter Beschuss nimmt. Das mag etwas anstrengend sein; es mitzuerleben, ist aber gleichzeitig ausgesprochen eindrucksvoll.

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