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Die englische Schriftstellerin Nell Leyshon.
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Die englische Schriftstellerin Nell Leyshon.

"Die Farbe von Milch"

Tagsüber rastet sie nicht

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Nell Leyshons großer kleiner Roman über ein Bauernmädchen im England der 1830er Jahre.

Ich habe nie gesagt, dass ich was Besonderes bin“: Die 15-jährige Mary ist das, was man geradeheraus nennt, und sie ist geradeheraus zuallererst über sich selbst. Es ist ihr hervorstechendstes Merkmal. Eine wie sie macht sich keine Illusionen. Eine wie sie hat ja noch nie in ihrem kurzen, mühseligen Leben Zeit gehabt, sich Illusionen zu machen. Mary ist ein Bauernmädchen Anfang der 1830er Jahre, das jüngste von vier Mädchen, als es – nicht nur in England – noch als großes Unglück für eine arme Familie galt, nur Töchter zu haben. Der Vater ist gewalttätig, die Mutter hart und schmallippig, die Kinder müssen raus aufs Feld und arbeiten. Der hinkenden Mary sagt der auf dem Feld auf sein Essen wartende Vater: „Tja dein schnell ist nicht schnell genug.“

Ihre bestürzend konsistente, sich selbst gegenüber distanzierte Stimme hat Mary mit den milchfarbenen Haaren von der 1962 geborenen englischen Schriftstellerin Nell Leyshon bekommen.

Diese Stimme, die in kurzen, schnörkel- und oft satzzeichenlosen Sätzen berichtet, einen Roman lang, ist einerseits eine stilisierte. Die Leserin empfindet sie als vom ersten bis zum letzten Wort durchgeformt und wie aus einem Guss (auch Übersetzerin Wibke Kuhn macht ihre Sache gut), trotzdem als plausibel für eine junge Frau, die ziemlich leidenschaftslos, fast stoisch ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre schlechte Behandlung und dann ihr Unglück akzeptiert.

Die vier Mädchen heißen Beatrice, Violet, Hope und Mary. Beatrice ist die, die immer mit der Bibel in der Hand einschläft, obwohl sie sie nicht lesen kann. Violet träumt davon, Lehrerin zu werden, obwohl auch sie weder lesen noch schreiben gelernt hat. „Ich hätte gern ein anderes Leben“, sagt Hope, „wo ich die Einzige im Haus bin und ich ein Bett für mich allein hab und es das ganze Jahr über warm ist“. Mary ist die mit der flinken Zunge – „Meine Zunge bewegt sich so schnell wie die einer Katze wenn sie die Milch aus dem Eimer schlabbert“ – und sie wird am Ende eines Jahres sogar schreiben können, wenn auch langsam. Doch für das Erlernen dieser Fertigkeit wird sie einen hohen Preis zahlen.

Mary ist 14, als die Geschichte beginnt, die sie erzählt. Im Frühling geht alles noch seinen gewohnten Gang (melken, hacken, vom Vater verprügelt werden), im Sommer beschließt der Vater, dass seine Jüngste zum Pfarrer in den Haushalt soll, denn dort ist die Frau schwer krank.

Das Mädchen fremdelt, will lieber wieder bei seinen Schwestern sein als in einem Bett allein zu schlafen, versteht nicht, was das meint, der Kranken Gesellschaft zu leisten: „denn es war helllichter Tag und ich setze mich tagsüber nie hin“. Dann stirbt die Frau des Pfarrers, dann macht er Mary das Angebot, sie das Schreiben zu lehren (und ja, seine Bücher haben sie neugierig gemacht), dann rückt er bei jedem Buchstaben und jedem Üben nah und näher heran. Dann steigt er nachts die Treppe hoch und kommt in ihre Kammer. „Ich weiß, dass es falsch ist, sagte er, aber ich bin so einsam in letzter Zeit.“

Mary hat keine Chance. Aber irgendwann nützt sie einen Käsedraht, als sie ihn just zur Hand hat, und nützt ihn, bis der Kirchenmann, der sie immer wieder vergewaltigte und schließlich schwängerte, aufhört sich zu bewegen: „und das heiße Blut lief langsamer und ich ließ den Draht los.“ Dann ist es wieder Frühling und Mary wird sterben, sobald sie ihr Kind geboren hat. „Und dann werde ich frei sein“, schreibt die immer noch bestürzend klaglose Mary im Gefängnis in ihr Notizbuch.

„Die Farbe von Milch“ wäre eine restlos verzweifelte, ganz lichtlose Geschichte, wäre diese 14-, am Ende 15-Jährige nicht auch eine so klarsichtige Erzählerin. Sie verbiegt sich nicht, für niemanden, sie weiß gar nicht, wie das geht. Doch sie schaut genau hin und spricht aus, was sie sieht, Satz für eindeutigen Satz. „Aber Sie liegen mir alle überhaupt nicht am Herzen“, sagt sie dem Pfarrer, als er sie für seinen Haushalt bestellt. Das gibt ihm einen Moment zu denken.

Doch es wäre ein Wunder gewesen, hätte jemand in dieser für Frauen doppelt und dreifach harten Zeit auf ein bloßes Bauernmädchen gehört. Und Wunder geschehen in diesem beeindruckenden Roman keine.

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