Gedränge auf der Frankfurter Buchmesse.
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Gedränge auf der Frankfurter Buchmesse.

Frankfurter Buchmesse

Tage im Tohuwabohu

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Am Besucherwochenende fällt es schwer, die Messe zu genießen. Es fehlt an Raum und Zeit. Wie mit Gedrängel und Reizüberflutung umgehen? FR-Autorin Alicia Lindhoff testet verschiedene Möglichkeiten.

In andere Welten und Zeiten eintauchen – das ist es, was so viele Menschen am Lesen lieben und weswegen sie Bücher kaufen. Die Messe dagegen, die zumindest dem Namen nach diesen Büchern gewidmet ist, macht einem zumindest an den Besuchertagen das Eintauchen ziemlich schwer, denn dafür scheint weder Zeit noch Raum noch Konzentration da zu sein.

Ich habe es in diesem Jahr auf verschiedene Arten versucht, weiten Wegen, Gedrängel und Reizüberflutung zum Trotz. Erster Versuch: spontanes Treibenlassen. Schont die Nerven, weil man sich einfach mit dem Besucherstrom mitziehen lassen kann, anstatt dagegen anzukämpfen, fühlt sich aber auch ganz besonders oberflächlich an, weil man entweder nicht genau weiß, wem man gerade warum zuhört, oder weil man dort, wo es wirklich interessant ist, immer gerade etwas zu spät kommt. Wie etwa in Halle 3.1., wo man zehn Minuten zwischen zwei Ständen hängenbleibt und fasziniert verfolgt, wie sich Ulrich Wickert, der von seinem neuen Frankreich-Krimi erzählt, und ein Mann, der am gegenüberliegenden Stand eine Koranlesung hält, gegenseitig übertönen und zu einem merkwürdigen Sprachmischmasch vermengen. Informationswert: gering.

Dafür dann ein paar Schritte weiter, gerade verpasst: „Die Grenze bewohnen“ mit der kamerunisch-französischen Schriftstellerin Léonora Miano und Feridun Zaimoglu – es ging wohl um hybride Identitäten und Autoren als Grenzgänger und Brückenbauer. Doch leider dankt Moderatorin Lena Bopp bereits beiden Autoren und bedauert, dass sie ihre neuesten Bücher jeweils nicht im Original lesen können. Ich weiß nicht einmal, um welche Bücher es geht. Treibenlassen funktioniert manchmal, dann spült es einen zum Beispiel zu Thomas Atzert, der gerade als „Der gläserne Übersetzer“ live einen komplexen Text über „labour mobility“ von Migranten in Großstädten übersetzt und für genau diesen englischen Begriff keine deutsche Entsprechung findet: Arbeitsmobilität ist es jedenfalls nicht. Er markiert den Satz gelb und sagt: „Das ist jetzt der Moment, an dem ich mir normalerweise einen Kaffee holen und hoffen würde, dass mir danach was einfällt.“

Eine Kaffeepause wäre jetzt wirklich schön – stattdessen finde ich mich kurz darauf eingekesselt in einem engen Gang wieder, weil der Besucherstrom, mit dem ich mich dahintreiben lassen wollte, leider zur Präsentation von Daniela Katzenbergers neuem Werk „Eine Tussi wird Mama“ wogte. Unnötig zu erwähnen, dass man von ihr aus dieser Entfernung nicht mal eine blonde Haarspitze zu sehen bekommt

Zweiter Versuch, um das Eintauchen zu erleichtern: vorab auf der Buchmessen-Homepage das persönliche Wunschprogramm zusammenstellen, es sich als PDF ausdrucken und keinen spannenden Termin mehr verpassen – doch auch das läuft nicht wie geplant, sondern eher wie folgt: alle halbe Stunde zwischen den Hallen hin- und hereilen, dabei rempeln und gerempelt werden, um dann vor Ort festzustellen, dass man es zwar scheinbar zur richtigen Zeit an den richtigen Ort (Indonesien-Pavillon) geschafft hat, aber leider trotzdem auf der falschen Veranstaltung gelandet ist (ein harmloser Comic Jam statt der erwarteten Präsentation brutal-religiöser „Himmel & Hölle Comics“).

Nette Gespräche

Zum Glück kann man hier nette Gespräche führen, zum Beispiel mit Santa Mervien Alexandra. Die 25-Jährige zog 2009 zum Medizinstudium von Indonesien nach Deutschland und lebt heute in Freiburg. Ihren Buchmessen-Besuch hat sie seit einem Jahr geplant, sie will vor allem ihre Lieblingsautorin treffen: Dewi Lestari. Sie schreibt den Namen extra auf, damit er in Erinnerung bleibt. Um 14 Uhr trete sie auf. Schade, da sieht das PDF leider schon drei andere Termine vor.

Die Rettung für diesen hektischen Buchmessenbesuch, der einfach nicht richtig gelingen will, bringen schließlich zwei junge Frauen, die zwischen zwei Terminen in die Geheimnisse des Cosplays einführen. Die Kostümierten zwischen 15 und 35, die fast ein Viertel der Messebesucher auszumachen scheinen, bilden wie jedes Jahr eine skurrile Parallelgesellschaft neben dem sonstigen Buchmessenpublikum, das zwischen elegant-ernsten Literaturmenschen und Normalobesuchern changiert.

„Anything goes“ scheint ihr Motto zu sein, und nach einigen Stunden wundert man sich weder über Hörner, über bis zum Boden reichende, am Hintern befestigte Puschelschwänze oder über knappe Schulmädchenoutfits im Freien. Die zwei besagten jungen Frauen erklären, dass sie alle Charaktere aus beliebten Anime-Serien darstellen – und damit nicht genug: Nach ihren Namen gefragt, zücken beide ihre Visitenkarten, die sie als „Mami“ und „Sphintus“ ausweisen, samt Verweisen auf ihre Profile auf allen erdenklichen sozialen Netzwerken, vom Szeneportal Animexx bis hin zum guten alten Facebook.

Im Alltag heißen sie Geraldine Klumpp und Vivien Wagner, ihre Cosplay-Identitäten leben sie vor allem virtuell aus. Onlinenachforschungen am Tag darauf fördern zahllose faszinierende Fotos dieser wandelbaren Zweit-Identitäten hervor.

Das bringt mich darauf, all die Notizen und Namen, die hektisch und mit verwirrten Fragezeichen versehen in meinem Block gelandet sind, online noch einmal nachzuverfolgen. Und endlich klappt das In-Unbekannte-Welten-Eintauchen doch noch: Santa aus dem Indonesien-Pavillon zum Beispiel hatte nicht erzählt, dass auf Instagram 36 000 Menschen ihre Fotos verfolgen und die „Badische Zeitung“ sie deswegen zur „Instagram-Königin“ kürte.

Und ich erfahre, dass Derek Landy, wegen dem sich vormittags eine mindestens 100 Meter lange Schlange vor dem Lesezelt gebildet hat und von dem ich noch nie gehört habe, eine Jugendbuchreihe über das lebende Skelett Skulduggery Pleasant zu verantworten hat, dessen Kompagnons illustre Namen wie Melancholia St. Clair oder Ghastly Bespoke tragen, und dass „Skullduggery Pleasant“ 2010 zum irischen Buch des Jahrzehnts ausgerufen wurde.

Und zu guter Letzt lese ich noch von den aktuellen Büchern der beiden Grenzgänger Zaimoglu und Miano und bekomme bei den Schilderungen des Istanbuler Siebentürmeviertels, in dem sich Zaimoglus kleiner Protagonist Wolf zurechtfinden muss, auf einmal unheimlich Lust zu lesen. Endlich.

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