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Hans Joachim Schädlich, hier auf der Leipziger Buchmesse im März 2015.
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Hans Joachim Schädlich, hier auf der Leipziger Buchmesse im März 2015.

Hans Joachim Schädlich 80

Der Täuscher, der die Wahrheit sagt

Verschollenes und Biografisches: Zum 80. Geburtstag des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich.

Von Cornelia Geissler

Er ist ein Täuscher, aber er weiß die Fakten hinter sich. Er kennt die Geschichte und bedient sich ihrer Helden. Er ist ein Freigeist, ihm gelten nur die Regeln der Syntax. Der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich darf sich seiner besonderen Stellung in der deutschen Literatur gewiss sein, wenn er heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Sein vielgestaltiges Werk, das von intensiven Alltagsbeobachtungen über die Wiederbelebung historischer Figuren bis zur reinen Fiktion reicht, brachte ihm Lob und wichtige Preise ein. Um auch auf dem Buchmarkt Erfolg zu haben, ist es vielleicht nicht leicht genug. Denn wenn Schädlich erzählt, legt die Sprache das schmückende Beiwerk ab. Immer stärker betreibt er die Reduktion, immer dünner werden seine Bücher: Lakonisch zusammengeschnurrt präsentiert er, was sich im Kopf wieder auseinanderfalten muss.

Die Sicht der Un-Mächtigen

In seinem jüngsten Roman?Narrenleben? bekommt denn auch der Spaß ernste Widerhaken. Er bringt den Hofnarren von August dem Starken mit einem weniger erfolgreichen Vertreter dieser Zunft zusammen. Während die Geschichte des einen sich bergauf entwickelt, purzelt die des anderen nach unten. Das biografische Schreiben hat Schädlich oft variiert, etwa mit „Gib ihm Sprache. Leben und Tod des Dichters Äsop“ (1999), im Roman „Anders“ (2004), in dem sich zwei pensionierte Meteorologen gegenseitig die brüchigen Lebenswege realer Personen erzählen, oder in der Novelle „Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II“ (2011). Meist geht es im innersten Kern auch um das Verhältnis zwischen der Macht und den Un-Mächtigen. „Tallhover“ dagegen, Namensgeber von Schädlichs erstem Roman, 1986 erschienen, lebt „in der Sehgier, in der Hörgier“: Als Spitzel dient er sich über 150 Jahre den Mächtigen an, dem preußischen König, der NS-Diktatur und der SED. Dass und wie Günter Grass diese Figur im Roman „Ein weites Feld“ neun Jahre später als Hoftaller wieder aufleben ließ, führte zum Ende einer langen Freundschaft.

Der Germanist Theo Buck beschreibt diesen Vorgang in seiner soeben erschienenen Werkbiografie „Hans Joachim Schädlich. Leben zwischen Wirklichkeit und Fiktion“. Sein Gegenstand ist ein Autor, der nicht oft in der Öffentlichkeit auftritt. Auch sein Buch lässt das Private privat. „Leser, die hungrig sind auf unnützes Wissen, erhalten die Mitteilung, dass Schott weder mit dem Verfasser des ,Schott‘ identisch ist noch auch bloß irgendwelche einzelne Züge desselben trägt, äußere oder innere“, schreibt Schädlich in 1992 seinem Roman „Schott“.

Schädlich ist nicht Schott

„So beispielsweise ist Schotts Haar trotz Schotts Alter dunkelbraun und dicht, das Haar des Verfassers aber hellgrau und licht. Der Verfasser neigt zu schneller, unkontrollierter Rede, Schott keinesfalls.“ Nun, auch „der Verfasser“ ist nicht der Verfasser. Denn der neigt zu langsamer Rede, dabei gern einen ironischen Bogen bis zum Satzende dehnend. Aber das mit den Haaren kam hin. Sie sind noch dünner geworden.

Hans Joachim Schädlich, geboren in Reichenbach im Vogtland, hatte nach dem Germanistik- und Geschichtsstudium als Linguist an der Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet. Die entließ ihn im November 1976 nach seinem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Dass Schädlich versucht hatte, in dem Land, in dem er lebte, auch ein Autor zu werden, wird jetzt durch einen fein ausgestatteten schmalen Band aus dem Verbrecher Verlag deutlich: „Catt“. Das Fragment gebliebene Manuskript zeugt bereits vom hohen Sprachbewusstsein des Autors, und schon damals ließ er Identitäten gern im Unklaren. Es zeigt ein unstetes Leben im Land der Ordnung.

Krista Maria Schädlich rekonstruierte den Text aus Material, das der Autor bereits ans Literaturarchiv Marbach gegeben hatte. Im Nachwort beschreibt sie die Hinhaltetaktik des Hinstorff-Verlags, das Bemühen und die zunehmende Zermürbung des Autors. Sie geht auch auf die privaten ost-westdeutschen Schriftstellertreffen ein, an denen Mitte der siebziger Jahre beispielsweise Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Klaus Schlesinger und Günter Grass teilnahmen. Grass war es übrigens, der Schädlichs erstes Buch „Versuchte Nähe“ an den Rowohlt Verlag vermittelte.

Die Namensgleichheit der „Catt“-Nachwort-Schreiberin mit dem Autor ist nicht zufällig. Sie war mit ihm verheiratet, ging gemeinsam mit ihm und den beiden Töchtern Anna und Susanne 1977 nach Westberlin. Was diese Ausreise bedeutete, und wie die Familie später entdeckte, dass der im Osten gebliebene ältere Bruder Karlheinz Schädlich sie bespitzelte, das erzählt Susanne Schädlich eindrucksvoll in „Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich“.

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