Hat einen subtilen Popdiskurs in die Literatur eingeführt: Thomas Meinecke.
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Hat einen subtilen Popdiskurs in die Literatur eingeführt: Thomas Meinecke.

Täglich eine neue Gegenwart

Was Friedrich Nietzsche und die Sängerin Aaliyah gemeinsam haben. Der Schriftsteller Thomas Meinecke spielt seine Literatur einfach weiter - wie "Musik"

Von ELKE BUHR

"Hej, Mr. DJ, put a record on, I wanna dance with my baby": Mit diesem archetypischen Ruf des Pop begann Madonna ihre Single Music aus dem Jahr 2000. Auch das Album hieß so: Ein Titel, der in seiner tautologischen Qualität zwischen Understatement und Größenwahn schwankt. Natürlich macht ein Topstar wie Madonna nicht einfach nur Musik - sie macht Musik schlechthin. Jetzt hat auch Thomas Meinecke, der Mr. DJ unter den deutschen Schriftstellern, das Wort Musik auf ein Cover drucken lassen - und auch das könnte eine anmaßende Behauptung sein. Denn was sich hinter diesem Cover versteckt, nennt sich Roman und ist zunächst einmal nichts als Text.

Nun kann man Musik auf ganz unterschiedliche Weise in Text verwandeln. Man kann unter diesem Titel ein Liebesdrama unter Opernsängern schreiben - was Thomas Meinecke niemals tun würde. Man kann auch den Rhythmus der Musik und ihr Bauprinzip adaptieren. Das allerdings ist ein Grundprinzip der Meinecke'schen Schreibweise. Techno-Literatur hat man seine Bücher genannt, weil er mit Textbausteinen jongliert wie der Musikproduzent mit den Platten, sie auseinander hackt und neu kombiniert, geleitet von der Suche nach dem richtigen Sound. Man kann schließlich Musik mit Worten einzukreisen versuchen: beschreiben, wie sie klingt, wie sie funktioniert, welche Geschichte sie hat, wie sie mit dem Leben zusammenhängt. Und auch das versucht Thomas Meinecke in seinem neuen Roman - beziehungsweise, einer seiner beiden Protagonisten tut es.

Sweet versus Hot

Karol ist Flugbegleiter, ein sommersprossiger junger Mann zwischen lauter Stewardessen mit polierten Fingernägeln. Wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt in Hotelzimmern herumhängt oder Platten kauft, sinniert er über ein Buchprojekt: "Sweet versus Hot, und zwar anhand von Musik, sei das zentrale Motiv", so liest es seine Schwester Kandis, die gerade auf einer Almhütte weilt, in einem der vielen Briefe, die die Geschwister tauschen.

Mit dem Buch will Karol sich Zeit lassen. Es gibt so viel zu recherchieren: Über den Disco-Sound, seine Entstehung in der schwulen amerikanischen Subkultur, seinen Export nach Bayern und seine weitere Verzuckerung zum Munich Sound; über schwarze Frauen-Big Bands der vierziger Jahre, die in der Geschichte des amerikanischen Jazz schnöde unterschlagen wurden; über hierzulande völlig unbekannte japanische Popstars, die Männer sind, sich weiblich anziehen, aber heterosexuelle Praktiken bevorzugen. Karol folgt Link nach Link, diskutiert sie zwischen Start und Landung mit seinen popkulturell extrem informierten Kolleginnen, nach Feierabend knutscht er mit ihnen und kratzt Argumente zusammen, um die von ihm verehrte Rapmusik vom Vorwurf des Sexismus zu befreien.

All diese Themen faszinieren auch Karols Schwester Kandis, Schriftstellerin, deren Buchprojekt aber ein anderes ist. Sie will über verschiedene Persönlichkeiten schreiben, die am 25. August Geburtstag haben, so wie sie (und wie im Übrigen ihr Erfinder Meinecke): Ludwig I. und Ludwig II., Lola Montez, die Geliebte des ersteren, und Claudia Schiffer, die bei einem fiktiven Zusammentreffen aller Beteiligten in der Gunst Ludwigs II. garantiert gegen Richard Wagner verloren hätte, den das Volk Ludwigs "Lolus" nannte. Auch Friedrich Nietzsche und die R&B-Sängerin Aaliyah sind dabei, denn das Datum ist ihr Todestag.

Ein weiteres unerschöpfliches Reservoir von Geschichten und Lebensläufen also, die es auf versteckte Verknüpfungen und Ähnlichkeiten abzuklopfen gilt - mit besonderem Augenmerk auf alles, was quer steht, im Sinne von queer. Die Charaktere Karol und Kandis sind dabei selbst von ihrem Erzähler mit sanft verschobenen Geschlechtsidentitäten ausgestattet worden: Als Kind soll Karol ausgesehen haben wie seine Schwester, und als Jungendlicher wirkte er, wie diese sagt, weniger effeminiert als im eigentlichen Sinne feminin. Die Tatsache, dass er, anders als die Mehrzahl seiner Kollegen, nicht homosexuell begehrt, ist also schon wieder als Abweichung zu verstehen. Und wenn Karol dann den Bücherschrank seiner Schwester Kandis abstaubt, erscheinen mit Sicherheit die Vokabeln Sex, Gender und Race auf den Buchrücken.

Das Ostinato zu Musik ist also das gleiche wie zu Meineckes Vorgängerromanen Tomboy und Hellblau: die Cultural Studies der neunziger Jahre, Judith Butler et alii. Gegenüber dem Roman Hellblau, der ausschließlich aus e-mails bestand, ist die Erzähltechnik leicht verändert. Die Figuren Karol und Kandis sind als Filter vor die Textbrocken gesetzt, ihre Stimmen protokollieren auch ohne das Korsett der Briefform Lektüreergebnisse, Erlebnisse und Aktualitäten, sie glätten vorsichtig die Schnitte und fügen ein Minimum an Nahrung für den Human Interest hinzu: Liebesaffären werden angedeutet, sogar Kandis' Beziehungsprobleme mit ihrem entfernt lebenden Freund Tom. Wer nun allerdings so etwas wie handelnde Personen oder narrative Entwicklungen erwartet, ist bei Meinecke weiterhin im falschen Genre: Die Textmaschine hat nur ihren Fluss optimiert, den "Flow", wie es die Rapper nennen. Es ist, alles in allem, eine sehr freundliche Textmaschine. Sie liebt die Details und platziert sie sorgsam, und so erfährt man, was auf dem Kugelschreiber steht, mit dem jemand schreibt, und die aufblickenden Fahrgäste in der Münchener S-Bahn geben einen amüsanten Kontrast ab zu den House-Clubs der Siebziger in New York, in denen sich das Gespräch der Protagonisten gerade verortet.

Die Maschine ist radikal dialogisch gebaut, und ihre Offenheit wirkt so einladend, dass man sie gleich selbst mit weiteren Fundstücken, Pointen der Popgeschichte und gewagten Interpretationen von HipHop-Songs füttern möchte. Die Maschine versteht es sogar, Diskussionen über sexuelle Orientierungen mit einer gewissen Erotik aufzuladen: Beiläufig geht Karol in seinen Hotelzimmern von der Theorie zur Praxis über. Was die Maschine überhaupt nicht in Text fassen kann, ist Trauer, Leid, oder auch nur ein ernsthafter Streit zwischen den handelnden, nein, redenden und lesenden und Musik hörenden Personen. Stattdessen präsentiert sie dem staunenden Publikum eine Horde Stewardessen, die Nietzsche lesen und freihändig über Geschlechtertheorien diskutieren können. Dass es in der Literatur realistisch zugehen sollte, hatte ja niemand behauptet.

Das Kuratorium des Deutschen Literaturfonds, so protokolliert die Schriftstellerin Kandis an einer Stelle, habe ihren Antrag auf ein Werkstipendium abgelehnt. Dort würde jetzt mehrheitlich auf herkömmliche Belletristik gesetzt. Eine von Meinecke etwas kokett in den Laptop seines weiblichen Alter Egos platzierte Anmerkung. Nein, der allgemeinen Implosion der Komplexitätsgrade, dem Hunger nach Narration, vielleicht auch einer gewissen Erschöpfung angesichts der jargonverklebten "Resignifizierungen" der Neunziger will sich der Autor nicht beugen.

Was er will, verraten weitere in Kandis' Laptop versteckte Selbstauskünfte: Einen analytischen Querschnitt legen wie von einer Suchmaschine. Personen und Fakten in den Text stellen wie Partygäste in einen Raum, und abwarten, denn "schon bald stellt sich, unter dem Eindruck der täglich von neuem andrängenden Gegenwart, die ich ja eigentlich protokollieren will, und die ja stets alles absolut unvorhersehbar mit sich reißt, ein narrativer, sagen wir: Lufthauch ein, womöglich auch ein klärender Durchzug, der Türen aufstößt, andere zufallen lässt."

Mitten im nächsten Track

Der Reiz von Meineckes Musik entsteht aus dem Rhythmus, in dem diese Türen auf- und zugehen. So wie der Mann an den Turntables zwei Platten auf gleiche Geschwindigkeit bringt, um den Track weich zu wechseln, so gleitet diese Prosa spielerisch von Thema zu Thema, von Fundstelle zu Fundstelle. Zahlenmystik, Namensähnlichkeiten, Koinzidenzen der Wahrnehmung: Das Prinzip ist das einer vollständig säkularisierten, coolen Kabbala. Jede Beobachtung, jede Information funktioniert wie eine der Karten in dem alten Kinderspiel Wolkenkuckucksheim: Es gibt Einschnitte und damit Steckmöglichkeiten in alle Richtungen, und das Haus, das man aus den bunt bedruckten Karten bauen kann, ist leicht, grazil und potentiell unendlich.

Der Popsong hat für diese Suggestion von Ewigkeit das Ausblenden erfunden. Das geht mit Texten leider nicht: Meineckes Musik stoppt mit einem Break. Aber wahrscheinlich ist der Autor längst mitten im nächsten Track. Es gibt schließlich täglich neue Texte zu lesen, und täglich eine neue Gegenwart, die geschrieben werden will.

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