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Dr. Timothy Leary bei seiner Aussage vor dem staatlichen Gesetzgebungsausschuss zu Betäubungsmitteln im Jahr 1966.

T. C. Boyle

Das Verlangen, ans Licht zu kommen

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Farbecht, seelenbeglaubigt: Noch vor Erscheinen des Originals ist T. C. Boyles Roman „Das Licht“ auf Deutsch herausgekommen.

Das Werk von T. C. Boyle, Tom Coraghessan Boyle, verdichtet sich: 28 Bücher veröffentlichte der in Kalifornien lebende Schriftsteller in den letzten 40 Jahren, darunter 17 Romane, die letzten sechs seit 2009 – Jahresringe nachgerade. „Die Frauen“, „Wenn das Schlachten vorbei ist“, „San Miguel“, „Hart auf Hart“, „Die Terranauten“ – und jetzt „Das Licht“, das erst im April im amerikanischen Original, aber schon jetzt auf Deutsch erschienen ist, als Weltpremiere sozusagen.

T. C. Boyle, der Englischprofessor ist und mit seiner Frau Karen Kvashey drei Kinder hat, der auch nach seinem 70. Geburtstag noch mit Bikerjacke posiert und sich die fusseligen rotbraunen Haare als Tolle in die Stirn hängen lässt und dessen freundlicher Fotoblick nicht zu viel verspricht, weil er ein geduldiger Lesereisender ist – dieser T.C. Boyle ist auch als Erzähler ein All American Boy. Er kann alles, ihn interessiert alles, er macht die Dinge nicht komplizierter als sie sind, und ihm ist nichts Menschliches fremd. Einwanderung ist eines seiner Themen, Umweltzerstörung, wiederholt machte er historische Exzentriker, Künstler und Weltverbesserer zum faktischen Zentrum seiner Fiktionen und hat sich schon immer für Aussteiger und Drogenkonsum interessiert.

In „Das Licht“ (original „Outside Looking In“, vom Außen ins Innere schauend) fließt vieles davon zusammen. Es ist die in drei Teilen erzählte Geschichte eines jungen Paares mit Kind, das dem als „Drogen-Professor“ berühmt gewordenen und als Hippie-„Guru“ in die Geschichte eingegangenen Psychologen Timothy Leary (1920–1996) – wie soll man sagen: ins Netz geht? Ihm folgt, sich an ihn heftet, die Befreiung aus den Restriktionen der amerikanischen Sechziger, die Learys Drogensitzungen und das von ihm initiierte Kommunenleben bedeuten, tief in sich aufnimmt und so lange für das ganze Leben hält, bis von einem solchen real nicht mehr viel übrig ist. Denn die eigentliche Hauptfigur des Buches heißt LSD.

Dicht an der Historie entlang

Lysergsäurediethylamid, entdeckt von dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann, der 1943, wie im „Vorspiel“ des Romans beschrieben wird, eher zufällig auf die psychoaktiven Eigenschaften des Stoffes stieß. Sandoz, der Konzern für den er arbeitete, bot Forschern und Ärzten LSD als „Psychomimetikum“ an, um durch eigene psychose-artige Erfahrungen ein tieferes Verständnis für ihre Patienten zu erlangen zu können.

Dr. Leary, dem wir gemeinsam mit dem Psychologiestudenten Fitz und seiner Frau Joanie 1962 in Harvard begegnen, glaubt hingegen, er könne vorhandene psychotische Prägungen durch LSD auslöschen und durch die Wahrnehmung eines authentischen, göttlichen Inneren (Licht!) ersetzen. Leary und seine Jünger sprachen vom „Sakrament“, das buchstäblich erteilt wurde und um dessen Einnahme sich auch in der Romanwelt bald alles Tun dreht.

„Das Licht“ von T. C. Boyle.

Boyle erzählt dicht an der Historie entlang, wie Leary Harvard-Studenten um sich sammelt, in Mexiko erste Sommercamps abhält, aus der Uni fliegt und in Millbrook, im Anwesen einer Familie Hitchcock, großzügigstes Asyl für sich und seine Apostel findet: Zwölf Erwachsene und acht Kinder, die alle ihr eigenes Leben hinter sich zerkrümelten, um mit Hilfe von Alkohol, sich steigernden Trips, Learys Manipulationen und reichlich Sex ein Gruppenbewusstsein zu erlangen, Kinder übrigens irgendwann inklusive.

In der Beschreibung des vielfältigen Verlangens, aus dem Elend ans Licht zu kommen, ist Boyle (und mit ihm sein Übersetzer Dirk van Gunsteren) in allerbester Form: „Eines Abends, als der letzte kariöse Zahn des Tages aufgebohrt und gefüllt war ...“ Wie die jungen Vorstadtpaare sich in die Illusion einer Bohème stürzen, wie sie genießen und innerlich abheben (da konnte Boyle übrigens aus eigenen Erfahrungen schöpfen, wobei er, wie er einmal in einem Interview sagte, seit dem Augenblick, in dem er mit dem Schreiben begann, den Rausch nur noch darin sucht). Wie sie entgleisen, sich voneinander entfremden und in ihren je eigenen Orbits kreisen, darin leuchtet der farbechte, seelenbeglaubigte, sprachlich spielerische Realismus, für den man Boyle liebt.

In der Rahmenerzählung allerdings lauert die Keule der Fakten-Fiktion: Dass bestimmte Namen einfach fallen und entscheidende biografische Eckpunkte Learys eben irgendwie erreicht werden müssen. Da wird die Sache oft mühsam, wikipedisch gar, aber sprechen wir einfach nicht davon. Unser diesjähriger Boyle ist erschienen, sein Sound gehört schon zur Familie, seien wir dankbar, schließlich suchen wir alle nach dem Licht – und in diesem Buch scheint davon immer noch mehr als anderswo.

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. A. d. Engl. von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2019. 384 S., 25 Euro.

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