+
Allerheiligen auf einem katholischen indischen Friedhof.

"Handbuch der Religionen"

"Die Szene ist in dauernder Bewegung"

  • schließen

Der Jenaer Theologe Udo Tworuschka über das von ihm herausgegebene "Handbuch der Religionen".

Herr Professor Tworuschka, Ihr „Handbuch der Religionen“ sieht aus, als gehörte es in eine Anwaltskanzlei. Die Juristen kennen Loseblattsammlungen, weil es ständig neue Urteile gibt und Gesetze andauernd geändert werden. Sind Religionen demgegenüber nicht etwas eher Beständiges?
In den Geisteswissenschaften hat dieses Herangehen keine Tradition, das stimmt schon. Aber wir haben es von Anfang an als günstig angesehen, so vorzugehen. Denn die Szene der Religionen und Religionsgemeinschaften im deutschsprachigen Raum ist in dauernder Bewegung. Das ist gar kein Vergleich mehr mit den Verhältnissen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Heute haben wir gewissermaßen alle Religionen vor der Haustür, und das „Handbuch der Religionen“ ist die einzige Publikation, die dieser Entwicklung konsequent Rechnung getragen hat.

Inwiefern?
Zum einen treten ständig so viele neue Gruppierungen und Akteure in Erscheinung, die mit dem Etikett „Religion“ im weitesten Sinn versehen sind, dass selbst wir mit unserem Anspruch einer flächendeckenden Erfassung an Grenzen geraten. Trotz vier Ergänzungslieferungen pro Jahr hinken wir den Aktualitäten oftmals hinterher – zu meinem großen Leidwesen, aber zugleich mit dem Ansporn, noch aktueller zu werden. Zum anderen tauchen aber auch innerhalb der „klassischen“ Religionen immer wieder neue Fragestellungen auf. Darauf können wir mit Ergänzungen und Aktualisierungen des Basisbestands im Handbuch der Religionen viel direkter reagieren als die Herausgeber eines herkömmlichen, in sich geschlossenen Lexikons.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein so einschneidendes Geschehen wie der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche etwa ruft über die Basisinformationen hinaus nach einer fundierten Behandlung. In diesem Fall haben wir dafür einen so ausgewiesenen Fachmann wie Hermann Häring gewinnen können. Und wir verfolgen das Problem des sexuellen Missbrauchs jetzt auch im interreligiösen Vergleich. Somit entstehen auch thematische Zusammenhänge und Bezüge.

An wen richtet sich das Handbuch?
An alle, die sich professionell oder aus einer persönlichen Leidenschaft heraus mit dem Thema Religion beschäftigen: Das sind Theologen, Geistliche, Religionslehrer und – ganz wichtig – Publizisten und Journalisten. Ich sage einmal selbstbewusst: Gerade in der heutigen Zeit, in der so viel über Religion debattiert wird und zugleich der allgemeine Kenntnisstand über Religionen spürbar sinkt und manche von „religiösem Analphabetismus“ sprechen, sollte das „Handbuch“ bei jedem im Regal stehen, der mitreden will. Großen Wert legen wir auf interdisziplinäre Zusammenarbeit von Soziologen, Psychologen, Religionswissenschaftlern und Theologen. Und wir halten uns mit Wertungen religiöser Phänomene möglichst zurück. Es gibt für uns per se keine „richtige“ oder falsche“, keine „wahre“ oder „unwahre“ Religion. Wo es jedoch zu Missbrauch und fundamentalistischer Aggressivität kommt, kritisieren wir das selbstverständlich.

Eine Stichprobe zu den religiösen Trendsettern führt auf Namen wie die früheren EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann und Nikolaus Schneider oder den islamischen Prediger Fethullah Gülen, den Widersacher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dafür fehlen Namen von einflussreichen Theologen wie Karl Lehmann und anderen. Leisten Sie sich den Mut zur Lücke?
Das ist der Vorteil eines Handbuchs, das als „Work in Progress“ entsteht und somit schon per Definition nicht als abgeschlossen zu betrachten ist. Es geht immer weiter – und eigentlich bräuchten mein Mitherausgeber Michael Klöcker und ich drei Leben, mindestens. Und noch kurz zu Karl Lehmann: Klar kommt der rein! Die Abhandlung über ihn steht kurz vor der Vollendung.

In diesen Tagen erscheint die 54. Ergänzungslieferung. Ihr Highlight darin?
Wir erarbeiten gerade eine umfassende Übersicht über die Feste in den verschiedenen Religionen. In der neuesten Lieferung ist eine profunde Darstellung zu Allerheiligen und Allerseelen enthalten. Ich hätte natürlich aktuell gerne Weihnachten dabei gehabt. Das hat leider nicht geklappt. In den Basisinformationen über das Christentum ist Weihnachten natürlich enthalten, aber nach und nach streben wir die Tiefenbohrungen zu den einzelnen Themen an. Ich tröste mich dann mit dem Gedanken, dass wir in längeren Zyklen denken dürfen als zum Beispiel die Redaktion einer Tageszeitung. Übrigens haben wir vor einem Jahr den Beitrag „Weihnachten in der Presse“ von Edgar S. Hasse veröffentlicht, der die journalistische und redaktionelle Wahrnehmung des Fests von 1955 bis 2005 untersucht.

Interview: Joachim Frank

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion