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Szczepan Twardoch: „Demut“ – Brennnessel sucht Anerkennung

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Szczepan Twardoch bei einer Lesung in Köln. Sein Roman „Demut“ ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen.
Szczepan Twardoch bei einer Lesung in Köln. Sein Roman „Demut“ ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen. © Imago

Politische Zeitgeschichte als wilde Jagd: Der Roman „Demut“ des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch.

Wie lässt sich heute schreiben? Wie längere Texte formulieren, um das Blitzgewitter der sozialen Medien noch zu durchdringen, den täglichen Beschuss durch kleinste, irrwitzig beschleunigte Teilchen? Wie die Menschen noch erreichen? Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch macht es vor. Mit seinen Romanen, die dem 42-Jährigen im Nachbarland große Popularität, hohe Auflagen und Auszeichnungen eingebracht haben. In der Bundesrepublik wird Szczepan Twardoch, dessen Familie seit 350 Jahren in Oberschlesien lebt, erst allmählich bekannter. Kein Einzelfall, sondern beispielhaft für die geringe Aufmerksamkeit, die polnische, aber auch etwa aktuelle russische Literatur hierzulande findet.

Seit seinem literarischen Durchbruch vor zehn Jahren mit „Morphin“ hat der Autor kontinuierlich auf hohem Niveau weitergearbeitet. In „Demut“, seinem fünften in deutscher Sprache erschienenen und wie auch die Vorgängerbücher von Olaf Kühl aus dem Polnischen übersetzten Roman, bündeln sich die Motive dieses Jahrzehnts. Und zugleich erreicht dabei der typische Twardoch-Twist einen neuen Kulminationspunkt, jener mitreißende Erzählstrom nämlich, der das Tempo immer wieder anzieht, um dann wieder loszulassen, die Sprache, in der es hämmert und birst, schwitzt und stinkt, leise und zärtlich atmet.

Der Bergarbeiter-Sohn

Alois Pokora (der Titelheld sozusagen, denn Pokora ist das polnische Wort für Demut), Bergarbeiter-Sohn aus einem kleinen schlesischen Dorf, durchleidet die Jahre 1918 bis 1921, von den Schützengräben des Weltkrieges über die blutigen Revolutionswirren in Berlin und die reaktionären Freikorps in der Heimat bis hin zum vermeintlich geborgenen Kleinbürger-Dasein.

Doch Alois kommt nie zur Ruhe, findet nirgendwo ein Zuhause, auch wenn er noch so verzweifelt nach Anerkennung und Würde sucht. „Ich bin ein straff geflochtener Kranz“, sagt er einmal, um sich später als Unkraut einzustufen, das ausgerissen werden muss: „Ich bin eine Brennnessel“ und am Ende zu erkennen: „Würde ist Luxus.“

Er ist der einzige aus der vielköpfigen Kinderschar seiner Familie, der das Gymnasium besuchen kann, mit Unterstützung von Pfarrer Scholtis, der ihm viel näher steht, als er zunächst ahnt. Er verzehrt sich in Liebe zu der kalten, unerreichbaren Großbürger-Tochter Agnes, die er nie vergessen kann.

Das Buch

Szczepan Twardoch: Demut. Roman. A. d. Poln. v. Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 2022. 464 Seiten, 25 Euro.

Mit Alois im Zentrum, um das viele Figuren kreisen, erzählt Twardoch politische Zeitgeschichte. In den drei Jahren, die er abbildet, werden politische Weichen gestellt. Die Revolution in Deutschland wird mit Hilfe der rechten Freikorps blutig erstickt, deutsche und polnische Gruppen ringen um die Zukunft des schlesischen Industriereviers. Schlesier Twardoch schlägt sich weder auf die eine noch auf die andere Seite, er erzählt fast beiläufig von blutiger Gewalt, in der Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Einige Male lässt der Schriftsteller Twardoch dann alle Zügel fallen, über Seiten hinweg geht es in wilder Jagd dahin, beispielsweise wenn Spartakisten und Regierungstruppen um das Berliner Schloss kämpfen oder die Freikorps-Reiter einen Hirsch durch die schlesischen Wälder hetzen. Mehrfach entkommt Alois nur knapp dem Tod. Zwischendurch begegnet er Personen der Zeitgeschichte.

So bietet er als Spartakist sogar dem Revolutionsführer Karl Liebknecht in einem Wutausbruch die Stirn: „Die Revolution braucht mich, nicht ich die Revolution ... .Ich bin ein Nichts. Ein Niemand. Ich bin meiner Gesellschaftsklasse völlig entfremdet und in keiner höheren, überhaupt keiner anderen angekommen. Herausgerissen aus Familie, Kirche, Bergwerk, Pfarramt, herausgerissen aus dem Dorf, verpflanzt in die Städte, wo ich nie Wurzeln schlug. Herausgerissen aus Schlesien, verschlungen vom Krieg, der mich hier in Berlin wieder ausgeschissen hat, einer kalten, grausamen und gleichgültigen Stadt, in der ein Menschenleben nichts gilt.“

Das Mädchen Marlene

Und in einer Schwulen-Bar an der Berliner Puttkamerstraße sitzt ein junges Mädchen am Klavier, über das der Barbesitzer sagt: „Die kommt aus einer anderen Welt. Dietrich heißt sie, ist noch keine achtzehn und schon hundertmal klüger als die alten Schwuchteln hier. Aus der wird mal was, merk Dir den Namen.“ Am Ende der bald 500 Seiten gibt es, überflüssig zu betonen, natürlich keinerlei Happyend. Der Roman endet äußerst offen, würden wir uns im Serien-Fernsehen befinden, könnte von einem Cliffhanger gesprochen werden. Am Ende gerät Alois wieder in Lebensgefahr. Der letzte Satz des Romans lautet: „Ich habe Angst.“

So lenkt Szczepan Twardoch die Aufmerksamkeit auf ein Kapitel der Zeitgeschichte und eine europäische Region zugleich, über die viele Menschen in Deutschland kaum noch etwas wissen. So wie der Krieg in der Ukraine plötzlich das Schlaglicht auf ein Land gerichtet hat, das hierzulande recht unbekannt war. Plötzlich glauben viele, über die Ukraine, auch über Russland mitreden zu können, mitreden zu müssen. Dem politischen Menschen Twardoch geht das gewaltig über die Hutschnur. In einem Essay in der „Neuen Zürcher Zeitung“ schrieb er unlängst: „Liebe westeuropäische Intellektuelle: Ihr habt keine Ahnung von Russland. Russland hat Euch nie berührt ... . Und da ihr nichts versteht, ist es höchste Zeit, dass ihr in Fragen Russlands und Osteuropas einfach mal die Klappe haltet. Punkt.“

Man könnte noch hinzufügen: Twardoch lesen. Punkt.

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