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Das System Schulzenhof

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Eva Strittmatter mit einem Bildnis ihre Mannes Franz Strittmatter.
Eva Strittmatter mit einem Bildnis ihre Mannes Franz Strittmatter. © imago stock&people

Schweigen, drohen, lügen, das war der Umgangsmodus: Erwin Berner, der älteste Sohn von Eva und Erwin Strittmatter, rechnet in seinem Buch „Erinnerungen an Schulzenhof“ mit seinen Eltern ab, vor allem mit seinem Vater.

Von Christian Eger

Mit dem Vater kam die Angst. Jeden Tag, an dem nicht Schule war, stand Erwin, der 1953 geborene Sohn des Schriftstellerpaares Eva (1930-2011) und Erwin Strittmatter (1912-1994), um zehn vor zwölf am Kinderzimmerfenster und blickte verkrampft vor Furcht auf den elterlichen Hof hinaus.

Zehn vor zwölf: Das hieß noch zehn Minuten bis zum gemeinsamen Mittagessen. Zehn Minuten bis zu einer Familientafel, die einem Tribunal gleichkam. An der Haltung, die der Vater bei seinem mittäglichen Gang über den Schulzenhof zeigte, war ablesbar, wie das Essen ablaufen würde. Bestenfalls erträglich, im Normalfall als Tortur.

Hielt Strittmatter den Kopf gesenkt, drohte Ungemach. Dann hieß es für den Jungen, sich innerlich klein und fest zu machen, um den Wutausbrüchen des Vaters gewachsen zu sein. Der setzte sich als Erster an den Küchentisch, hüstelte, blickte aufs Wachstuch und wurde von seiner Frau stumm bedient. Er nickte das Menü ab oder schüttelte den Kopf.

Geplaudert wurde nicht, der Patriarch wurde „interviewt“. Die versammelte Familie nahm der landproletarische Großschriftsteller („Ole Bienkopp“, „Der Laden“), der den Bauern spielte, in den Blick wie Verurteilte auf Bewährung. Es war eine Frage von Minuten, bis irgendein Unmut ausbrach. „Man zählte im Stillen bis zehn, dann erfolgte der Schuss.“

Erwin junior, der sich, seit er ins Berufsleben ging, mit Nachnamen Berner nennt, war auf diesen „Schuss“ abonniert. Er war der älteste von drei gemeinsamen Söhnen des sozialistischen Schriftstellerpaares, dem die Brüder Matthes, geboren 1958 und 1994 an einem Hirntumor gestorben, und Jakob, Jahrgang 1963, folgten. Zur Familie, die auf dem Schulzenhof bei Dollgow im Ruppiner Land hauste, gehörte zudem Ilja, Sohn aus der ersten Ehe von Eva Strittmatter, die die dritte Frau des Schriftstellers war.

Der aufmüpfige Sohn

Erwin Berner war bis in die neunziger Jahre ein Fernsehschauspieler, der sich in der DDR in Serien wie „Zur See“ oder Filmen wie „Sonjas Rapport“ einen Namen gemacht hatte. Heute lebt der aufmüpfige Sohn nur noch gelegentlich von der Schauspielerei. Hauptsächlich ist er als Autor tätig. Darauf orientierte er sein von der Mutter gefördertes Interesse von früher Jugend an.

Dass er sich die eigene Familie zum Stoff wählen würde, war absehbar. Über das Jahr 2001 hinweg hatte Berner zusammengetragen, was ihn im Blick auf seine Herkunft bewegt. In jetzt veröffentlichten Briefen an einen „Herzchen“ genannten Lebensgefährten oder Liebhaber schreibt sich Berner die Schulzenhofer Jahre von der Seele. „Meine Eltern haben das Ihre gesagt, und also sage ich das Meine. So einfach ist das – und so schwer.“

Wo andere von einer „Familie“ sprechen, redet Berner vom „System“: Hier vom „System Schulzenhof“. Er beschreibt das Gehöft, das sich die Eltern seit 1954 neben ihrer Wohnung in der Berliner Karl-Marx-Allee leisteten, als „Albtraum in schöner Landschaft“, als eine väterliche Ego-Firma, der sich alle unterzuordnen hatten. Auch die Ehefrau Eva, die nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ eine repressive Gefühls-Politik im Haushalt betrieb.

Der war weit über das in Künstler-Haushalten bekannte Maß hinaus auf die Neurosen des Vaters eingestellt. Selbstverständlich musste jeder völlig geräuschlos leben, aber jederzeit verfügbar sein. „Neben den gemeinschaftlich zu erledigenden Aufgaben gab es personengebundene Dienste“ auf dem Hof. Die wurden so ernst genommen, dass Berner noch heute ungern nur einfach herumsitzt. Schweigen (über alles Persönliche), drohen (mit Schlägen und Kontaktabbruch), lügen (über Familie und Geld): Das war der Umgangsmodus auf dem Schulzenhof, „ein System, das der Herrschsucht Raum gab“. Eines, unter dem Eva Strittmatter genauso gelitten haben soll wie ihre Kinder, mit denen sie sich zum gemeinsamen Klagen und Weinen in den Stall zurückzog. Ein Fluchtkoffer stand für sie stets griffbereit.

Ihr ältester Sohn hingegen flüchtete in den Traum. Er wehrte sich gegen das Funktionieren. Er log, zündelte, schwänzte die Schule, fälschte das Zeugnis, rang um die Liebe seines Vaters, bis er sich von dieser Illusion löste. Es gab bis auf die Mahlzeiten keine gemeinsame Zeit. Strittmatter liebte seine Tiere – und den jüngsten Sohn. Sein Verhältnis zur Welt war repressiv oder sentimental. „Wir verkehrten miteinander wie Fremde, die zufällig ähnliche Erinnerungen haben.“

Berners Buch ist keine billige Abrechnungsschrift. Er sieht und notiert spürbar genau, was Sache war. Er sagt, wofür er den Eltern zu danken hat – den Sinn für Kunst, Ordnung und Gastfreundschaft – und wofür nicht. Das „System Schulzenhof“ war, wie Berner am Ende feststellen muss, keinesfalls eine Erfindung des Vaters, der ja gar keine Kinder wollte und nur ein Tyrann alter Schule war, sondern seiner Mutter, die alles wollte: Den berühmten Mann, den Ruf als Dichterin, den Umgang mit der SED-Kultur-Elite (unter anderen Hermann Kant und Vera Oelschlegel) und eine Familie.

Die Tragödie einer am Ende tablettensüchtigen Frau zu begleiten, die ihre Kinder auch benutzte und gegeneinander ausspielte, um die eigenen Lebenslügen zu retten, ist eine starke Lektüre, die einem klarblickenden Autor zu danken ist. „Wir verkehrten miteinander wie Fremde.“

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