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Sybille Ruge: „Davenport 160x90“ – Wobei der Mensch den letzten Schliff erwirbt

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Frankfurts Skyline: Die Hauptstadt des deutschen Kapitals ist der sinnfällige Ort des Geschehens.
Frankfurts Skyline: Die Hauptstadt des deutschen Kapitals ist der sinnfällige Ort des Geschehens. © Michael Schick

Der Debütroman „Davenport 160x90“ von Sybille Ruge präsentiert eine konsequente Nihilistin und Heiner-Müller-Leserin.

Heiner Müller, der große Dramatiker, der sein Leben lang unter seinem Staat litt, der DDR, und dennoch als Informant für die Staatssicherheit arbeitete, bekannte sich öffentlich zu seiner großen Liebe zur Sprache. Die, wie er wohl wusste, als Waffe eingesetzt werden konnte. Die Worte, so sagte er, müssten aber rein bleiben. „Denn ein Schwert kann zerbrochen werden und ein Mann kann auch zerbrochen werden, aber die Worte fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar.“ Sybille Ruge, die literarische Debütantin aus Frankfurt am Main, bekennt sich gleich im Klappentext ihres Buches „Davenport 160 x 90“ zu ihrer Liebe zu den Texten von Heiner Müller.

Und die Autorin, in der DDR geboren und aufgewachsen, erweist sich als Müllers würdige Schülerin. Sie setzt ihre Worte mit Härte und Präzision, ohne bremsenden Zierrat, vor allem aber mit einer Lakonie, die beißt und brennt. Verkörpert wird dieser zentrale Wert von der Privatdetektivin Sonja Slanski, die in Frankfurt ein „Forderungsmanagement“ betreibt, also ausgerechnet in der Hauptstadt des deutschen Kapitals das Eintreiben von Geld zur Meisterschaft entwickelt.

Nun ist der Topos der abgebrühten Heldin nicht neu, und die frühere Schauspielerin und heutige Textil-Designerin Ruge weiß sehr wohl, mit welchen Autorinnen und Autoren sie sich da messen muss. Ein Ritt auf der Rasierklinge, den sie doch bewältigt – angefangen bei der Charakteristik, die sie Personen durch ihre Kleidung angedeihen lässt: „Rechtsanwalt Hoffer trug den Wertheim-Village-Outlet-Anzug. Schultern zu breit. Ärmel zu lang. Unsägliche Farbe, die mich an die Ausscheidungen eines kranken Hundes erinnerte. Am Arsch sprangen die Doppelfalten wie Luftklappen einer Boeing ab. 100 % Sale.“ Slanski tritt auf als konsequente Nihilistin, die nichts gelten lässt. Außer dem Schweizer Wodka Xellent. Leserinnen und Leser dürfen selbst entscheiden, ob ihre Einschätzungen über die spätkapitalistische Gesellschaft nun treffend sind oder doch nur böse Parodie.

Das Buch

Sybille Ruge: Davenport 160 x 90. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022. 264 Seiten, 15 Euro.

Am besten als Käse abgepackt

Wirtschaftsanwälte und -anwältinnen: „Diese Leute präsentieren ihren Gerechtigkeitssinn, unter dem gut getarnte Raffgier brütet.“ Künstlerinnen und Künstler: „Wenn alles nicht klappte, erfand man sich neu als Minderheit, schrieb Manifeste unter dem Titel ‚Es kotzt uns an‘, baggerte um Aufmerksamkeit in Talkshows und beschwerte sich hinterher über toxische Maskulinität.“ Der Kunstkritiker: „Seine betonierten Ansichten über das tödliche Antlitz des Kapitalismus waren wie von einem Roboter zusammengesetzt.“ Auch die Schweiz, heute Ruges zweite Heimat, bekommt noch einen Schlag mit: „Die Schweiz ist am schönsten als Käse abgepackt im Supermarkt.“ Slanski lebt natürlich allein, mit nur wenigen sozialen Kontakten. Und mit ihrer geliebten Rossi 971, Blue Steel 4Inch Barrel, der Waffe, die ihr Vertrauen genießt.

In dieses festgetackerte Szenario kommt Bewegung, als die Geldeintreiberin den Auftrag erhält, eine kriminelle Anwaltskanzlei zu erpressen. Zusätzlich tritt ihre Halbschwester Luna in ihr Leben, die gerade in der Kunstszene reüssiert und dann ermordet wird. Slanski kämpft um ihr mühsam austariertes Gleichgewicht und ihr lange ausbalanciertes Weltbild.

Wie sie da durch Frankfurt taumelt und buchstäblich den Halt verliert, das hätte auch Heiner Müller inszenieren können. Ein Polizeiermittler bringt zusätzlich ihre Entschlossenheit ins Wanken, sich nicht zu sehr auf andere Menschen einzulassen. Auf eine schöne Lösung im Sinne eines Krimi-Plots darf hier nicht gehofft werden. Den mutmaßlichen Täter immerhin konfrontiert Slanski mit einem Müller-Zitat: „Der Mensch erwirbt als Mörder erst den letzten Schliff.“

Am Ende sitzt sie mit einem ihrer wenigen Bekannten auf einem Feld am Rande Frankfurts zwischen Autobahn und Gleisen. „Hinter der Mauer donnerte der ICE vorbei, Scharfrichter für alle, die nicht mehr wollten.“ Von der Debütantin Sybille Ruge will man und wird man noch mehr lesen.

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