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Die Philosophin Svenja Flaßpöhler beleuchtet das sensible Thema der Sensibilität.
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Die Philosophin Svenja Flaßpöhler beleuchtet das sensible Thema der Sensibilität.

Philosophie

Svenja Flaßpöhler: „Sensibel“ – Nähe, Distanz und andere Zumutungen

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Die Philosophin Svenja Flaßpöhler untersucht die Ambivalenz von Sensibilität als Kampfbegriff aktueller Debatten.

Was Ruhe und Ordnung ist, vermag nicht einmal die Polizei zu bestimmen. Jedenfalls lassen sich die Vertreter des Ordnungsamtes, wenn sie anlässlich einer Ruhestörung zur Schlichtung hinzugezogen werden, nicht auf verbindliche Aussagen ein. Maßgeblich für die Feststellung einer Störung sei nicht, was objektiv gemessen werde. Zur Bewertung der Situation gehöre vielmehr, was von den Betroffenen als Störung empfunden werde. Zwar sind die Beamten im Moment des Aufruhrs noch immer bemüht, so etwas wie gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Bei der Verrichtung ihrer Arbeit aber sind sie gehalten, den Empfindungen der Beteiligten größtmögliche Beachtung zu schenken. Lärm ist nicht, was alle hören, sondern was von anderen als Lärm wahrgenommen wird.

Das Beispiel zeigt, wie sehr Sensibilität in unseren Alltag und nicht selten auch in die in ihm geltenden Rechtsverhältnisse Einzug gehalten hat. Es ist also überfällig, über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren nachzudenken, wenngleich die Berliner Philosophin Svenja Flaßpöhler beim Schreiben ihres Buches mit dem adjektivischen Titel „Sensibel“ keinen Polizeieinsatz vor Augen gehabt haben dürfte. Eher schon waren die Ordnungsimpulse einer sich rasant verbreitenden Cancel Culture Auslöser für ihre stichprobenartige Inspektion einer Geschichte der Sensibilität.

Schon bei der begrifflichen Annäherung ist die Chefredakteurin des populären Philosophie Magazins auf gemischte Gefühle gestoßen.

Zwar sagt man den Sensiblen nach, mit Empfindung begabt und aufmerksam für die sie umgebenden Verhältnisse zu sein. Genauso schnell aber waren seit jeher negative Charakterisierungen wie Überspanntheit und Weinerlichkeit zur Hand. Nervosität und Gereiztheit zeichnen das moderne Ich – nicht selten verbunden mit Zuschreibungen des Weiblichen – ebenso aus wie dessen Fähigkeit zur Registrierung feiner Unterschiede. Die Fragestellung ist also eine doppelte: Wie wichtig ist Sensibilität im Kampf um Anerkennung benachteiligter Gruppen? Und kippt sie ins Regressive, wenn sie normativ eingefordert wird?

Das Buch

Svenja Flaßpöhler: Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 232 S., 20 Euro.

Flaßpöhler holt kulturhistorisch weit aus, um die mitunter gegenläufigen Phänomene einer Hypersensibilisierung verstehen zu helfen. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang einmal mehr Norbert Elias’ Studie „Der Prozess der Zivilisation“, in der er die Transformation von äußerer Gewalt in Affektkontrolle sowie die allmähliche Etablierung von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen beschreibt. Sensibilität ist im besten Elias’schen Sinn eine zivilisatorische Errungenschaft.

Svenja Flaßpöhler lässt sich einiges einfallen, um nicht stereotyp in die Fallen der laufenden Debatten zu tappen. Was ihr Buch zu einer kurzweiligen Lektüre macht, ist ihr Bemühen, die philosophischen und soziologischen Klassiker nicht einfach nur über Prunkzitate aufzurufen, sondern sie vor dem Hintergrund einer akuten Polarisierung zwischen einer zunehmenden sozialen Panzerung auf der einen und der Forderung nach einer neuen Achtsamkeit auf der anderen Seite zu befragen. Ganz in diesem Sinne inszeniert sie ein unterhaltsames Streitgespräch zwischen einem sogenannten Team Nietzsche und einem Team Lévinas, in dem sie die Positionen einer individuellen Selbstermächtigung auf die einer gesteigerten Verletzlichkeit prallen lässt.

Kritisch könnte man einwenden, dass Flaßpöhler sich damit im Kanon der westlichen Theoriegeschichte bewegt und etwa afrikanische Denker wie Achille Mbembe und Anthony Appiah oder den indischen Literaturhistoriker Homie Bhabha nicht berücksichtigt. Die besondere Stärke des Buches besteht jedoch im Aufspüren theoretischer Widersprüche der „Wokeness“. So ist die längst in der gesellschaftlichen Mitte angekommene Sensibilisierung für sprachliche Ausdrucksformen kaum zu denken ohne die Arbeiten von Jacques Derrida und Judith Butler, die dessen Theorie des Dekonstruktivismus in Bezug auf eine geschlechtergerechte Sprache radikalisiert hat.

Sprache ist immer auch politisch, doch wer meint, sich dabei auf Derrida und Butler berufen zu können, unterschlägt mutwillig deren Ablehnung einer Fixierung von Festlegungen und Regeln. So zitiert Flaßpöhler Judith Butler in Bezug auf die Tabuisierung von Wörtern und die Einschränkung öffentlicher Diskurse: „Immer dämpft der Versuch, Sprechen zu reglementieren, den politischen Impuls, den effektiven Widerstand des Sprechens zu nutzen.“ So ließe sich hinsichtlich der grassierenden semantischen Kämpfe feststellen, dass die von Derrida und Butler hervorgehobene Bedeutung des Sprachspiels kurzerhand ausgeblendet wird.

Vermittelnd setzt Svenja Flaßpöhler indes unter Berufung auf Helmut Plessners Überlegungen zum Taktgefühl auf die Fähigkeit, Nähe und Distanz in der Beziehung zur Welt gleichermaßen zur Geltung kommen zu lassen. Takt, so heißt es bei Plessner, „ist die Bereitschaft, auf die feinsten Vibrationen der Umwelt anzusprechen, die willige Geöffnetheit, andere zu sehen und sich selbst dabei aus dem Blickfeld auszuschalten, andere nach ihrem Maßstab und nicht nach dem eigenen zu messen.“

Weil Sensibilität eine zivilisatorische Errungenschaft sei, folgert Flaßpöhler, dürfe sie nicht verabsolutiert und instrumentalisiert werden. Die zuletzt vielfach als neoliberale Abwehrhaltung geschmähte Resilienz, schreibt sie schließlich, „ist nicht die Feindin, sondern die Schwester der Sensibilität. Die Zukunft meistern können sie nur gemeinsam.“

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