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Dauernd kommt bei John Lewis-Stempel Kaninchen auf den Tisch.

Survival

John Lewis-Stempel: Von der Mühsal, ein Kaninchen zu häuten

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Der Brite John Lewis-Stempel erzählt, was es wirklich heißt, sich ein Jahr lang nur aus der Natur zu ernähren.

Im „letzten Tal Englands“ vor der Grenze zu Wales wohnt John Lewis-Stempel, das weiß man seit „Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren“. Herefordshire ist dort recht einsam und üppig von Wildtieren bevölkert, der Lewis-Stempelsche Hof Trelandon 16 Hektar groß, einen einigermaßen fischreichen Bach namens Escley gibt es außerdem, so dass der Autor die Idee hat, ein Jahr lang nur von dem zu leben, was dort kreucht, fleucht, wächst und grünt.

John Lewis-Stempel: Mein Jahr als Jäger und Sammler

So isst er zum Beispiel, allerdings nur mittelmäßig begeistert, Judasohr (ein Pilz) mit Giersch. Sauerampfer lässt ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Eine Fasanenhenne auch, obwohl die erst gerupft und ausgenommen werden muss. „Denn sobald man das Essen gepflückt oder erlegt hat, muss man es zubereiten. Jedes Mal“, schreibt er resigniert. Und das muss man natürlich auch dann, wenn man erschöpft ist von einem Tag des Pflückens (Beeren von Sträuchern, bis die Haut der Fingerspitzen wund ist und die Arme von Kratzern übersät sind) und Erlegens (also vor allem: des Wartens und Lauerns). Es dauert nicht lange, bis Lewis-Stempel das am leichtesten zu jagende und sich tapfer vermehrende Wild auch zum Frühstück in Erwägung zieht, wenn auch ganz ohne Appetit darauf: „Wie satt ich es habe, Karnickel zu essen.“

Er würde aber hungern, wäre er auch nur ein bisschen wählerisch. Seine Familie übrigens ernährt sich die ganze Zeit, das ganze Jahr über „normal“; ihr Mitleid mit ihm scheint sich in Grenzen zu halten.

John Lewis-Stempel vermittelt den Nährwert wilder Tiere

Das vor allem erzählt der Autor plastisch, dass es doch erhebliche Mühe macht und Geduld erfordert, sich die nötigen Kalorien zu beschaffen. Auch wenn, wie er entsprechende Studien zitiert, der Nährwert von Wildtieren dem von Haustieren überlegen ist. Aber auch an einem Fasan ist nicht wirklich viel dran, an einem Kaninchen sehr wenig, wenn man flauschiges Fell und Knochen abzieht.

Man kann mit der Natur „nur zu ihren Bedingungen“ leben, schreibt Lewis-Stempel: „Was jenseits des Fensters liegt, ist nichts so Neutrales oder Langweiliges wie ,die Umwelt‘. Je mehr Zeit ich draußen verbringe, über die Wiesen gehe, unter Bäumen stehe, zum Mond hinaufschaue, desto sicherer bin ich mir, dass das lebende System um mich herum sich seiner selbst bewusst ist“. Er nennt das Draußen eine „geplante“ Wirklichkeit, hält sich aber bedeckt, wer oder was hier das Planen besorgt haben könnte.

Holunderwein, Weißdornbeerengelee, Wildentenschmalz, Bärlauchzwiebeln

John Lewis-Stempel: Mein Jahr als Jäger und Sammler. A. d. Engl. v. Sofia Blind. DuMont, Köln 2019. 320 S., 22 Euro.

Dem modernen Menschen – dem Stadtbewohner gleich zweimal – fehlen wichtige, fehlen eigentlich alle Voraussetzungen für ein Jahr à la John Lewis-Stempel: Erstens die Kenntnis dessen, was essbar ist (wie sieht Judasohr aus? Giersch? Sauerampfer? Gänsefingerkraut? Behaartes Schaumkraut?), dazu zweitens die Kenntnis der Verarbeitung (wie macht man Wildentenschmalz? Eichelkaffee? Eingelegten Queller (Salicornia)? Eingelegten WAS ...?). Außerdem werden, drittens, die allerwenigsten Stadtmenschen eine Jagdwaffe bedienen und damit auch treffen können, gar ein kleines hibbeliges Kaninchen. Oder eine Saatkrähe. Außerdem werden sie dann, viertens und anders als Lewis-Stempel, das Kaninchen nicht häuten und die Saatkrähe nicht essen wollen. Der Supermarkt-Kunde ist doch eher von zimperlicher Art.

Der britische Autor erzählt eindrücklich davon, wie er einst im Spätherbst mit seiner Großmutter zu den Hopfenfeldern ging, für die sein Großvater Verwalter war. Wie es dann ins Hopfenranken-Feuer gelegte „Kartoffeln“ gab, das heißt echte Kartoffeln und „Kartoffeln“ – bei letzteren handelte es sich um gleichsam diskret verpackte Saatkrähen. Und wie es ihn nach einem winzigen Bisschen, einem Happen Krähe schauderte. „Vierzig Jahre später habe ich eine ziemliche Vorliebe für Saatkrähen entwickelt.“ Lewis-Stempel fügt ein Rezept ein, für vier bis sechs junge Saatkrähen, mit Holunderwein, Weißdornbeerengelee, Wildentenschmalz, Bärlauchzwiebeln, zerdrückt. Trotzdem kauft wohl keiner dieses Buch wegen seines, nun ja, Nutzwerts.

Man könnte das Gegenteil vermuten, aber der Autor wertet nicht, ergreift nicht Partei für ein naturnahes und damit auch entbehrungsreiches Wirtschaften – der Untertitel des Bandes lautet denn auch nüchtern: „Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben“. Lewis-Stempel erzählt im Jahreslauf und ohne Pathos, erzählt schlicht, wie er Holunderblütendolden erntet – sie „schmecken auf der Zunge zuckersüß, wenn man sie roh isst“ –, wie er schier verzweifelt angesichts einer Brombeerflaute, wie er sich nicht überwinden kann, Grashüpfer oder Raupen zu sich zu nehmen. „Schnecken sind der tiefste Punkt der Nahrungskette, an den ich mich begebe.“

Vom Mühsal des sogenannten einfachen Lebens

Man liest sein Buch aus bequemem Abstand und wie einen Reisebericht aus einem exotischen Land. Aus einem Abstand, den unsere Vorfahren noch nicht hatten, sich im Krieg und unmittelbar nach dem Krieg auch gar nicht leisten konnten. Man erinnert sich an die Großmutter, die selbstverständlich passablen Kaffee aus Eicheln und Hollerküchle herzustellen verstand, an heitere Beutezüge in den Wald zu Himbeeren, Heidelbeeren, Preiselbeeren, Pilzen.

Heute wirbt der DuMont-Verlag mit einem modischen, aber unzutreffenden Satz für das Buch: „Ein Hoch auf die Entschleunigung.“ Das ist „Mein Jahr als Jäger und Sammler“ nicht, vielmehr berichtet es von der Mühsal des sogenannten einfachen Lebens.

Das Buch: John Lewis-Stempel; Mein Jahr als Jäger und Sammler. Aus dem Englischen von Sofia Blind. DuMont, Köln 2019. 320 S., 22 Euro.

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