Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Graues Brooklyn: Austers Figuren lieben New York, diese „unbewohnbare Stadt“.
+
Graues Brooklyn: Austers Figuren lieben New York, diese „unbewohnbare Stadt“.

Paul Auster

"Sunset Park": Ein Requiem für Amerika

Paul Austers neues Buch „Sunset Park“ ist ein Roman über den Niedergang Amerikas, des in die Wirtschaftskrise und den Irakkrieg verwickelten und von der fatalen Bush-Regierungszeit gebeutelten Amerikas.

Fast gleichzeitig mit der Wahl Obamas beginnt die Geschichte und endet im Mai 2009. Aber es ist kein großer, imposanter Roman. Folgt man seinem Autor Paul Auster, und es ist schwierig, ihm nicht zu folgen, so liegt das daran, dass der Niedergang Amerikas selbst nicht groß und imposant ist.

Der Niedergang manifestiert sich zum Beispiel in den „aufgegebenen Dingen“, die ein junger Mann als Entrümpler in Florida aus den enteigneten Eigenheimen überschuldeter Häuschenkäufer schafft. Oder in den „kaputten Dingen“, die ein anderer junger Mann in New York repariert, weil sie an sich ja noch zu gebrauchen sind. Der Niedergang ist demnach eher bescheiden, traurig und detailreich, eher eine Ansammlung von Geschichten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht gut ausgehen, obwohl das Amerika ist, und „in Amerika geht immer alles gut aus“. Das liegt im Falle dieses Romans nicht an fehlender Liebe unter den Menschen. Im Gegenteil. Das üppige Personal in „Sunset Park“ ist so liebevoll, anständig und aufgeklärt, so weltoffen und entspannt, dass man es streckenweise kaum glauben kann. Bis dem Leser dämmert, wie realistisch das ist, es wird nur seltener darüber geschrieben.

In erster Linie geht es um New Yorker Intellektuelle, denen Auster ein rührendes Requiem schreibt, während im Verlag des Vaters des Helden die Auflagen sinken und sich die Endzwanziger in teils selbst gewählten, teils aufgezwungenen prekären Verhältnissen durchschlagen. So prekär sind die Verhältnisse, dass die Besetzung eines leerstehenden Hauses der Doktorandin Alice zum finanziellen Rettungsanker wird: Obwohl sie die Polizei fürchtet, kann sie „zum ersten Mal seit langer Zeit atmen, ohne dass sich ihr die Brust verkrampft“. Obdachlosigkeit spielt auf jeder Ebene eine Rolle, Existenzsicherung ist ein schlichtes Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben, vom Protest zudem nicht zu trennen, dem inzwischen aller globaler Anspruch abgeht. Über den lautstarken Jungen – darin aus Sicht von Alice ein typischer Vertreter ihrer Generation –, der die Besetzung initiiert hat, heißt es: „Wenn er also von der Welt redet, bezieht er sich auf seine Welt, auf die kleine, begrenzte Sphäre seines Lebens, und nicht auf die Welt als ganzes, die zu groß und zu kaputt ist, als dass er in ihr etwas ausrichten könnte.“

Besetzer wollen keinen Ärger

Wer an der Situation schuld ist, müssen Auster-Leser aus der Zeitung wissen. Im Roman wird alles individuell und kleinteilig. Meistens ist ein Missgeschick im Spiel, ein Missverständnis, eine private Verzweiflung. Vielleicht wird deshalb so viel über Baseball gesprochen. Selten vollzieht sich der Übergang vom Geplapper zum Schicksal so offenkundig wie beim Reden über Sport und seine Pechvögel und Glückspilze.

Der 28 Jahre alte Miles Heller, der märchenhaft bewunderte Held des Buches – ja, es gibt solche Menschen –, fühlt sich schuldig am Tod seines Bruders. Ein versehentlich mitgehörtes Gespräch seiner geliebten, ratlosen Eltern, die nur spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, lässt ihn so verzweifeln, dass er es rücksichtsvoller findet, sein Studium abzubrechen und auf Jahre aus ihrem Leben zu verschwinden. Er macht „sich selbst zum schwarzen Schaf“, eine selbstinszenierte Tragödie, deren Tragik sich dadurch relativiert, dass ein Freund (der geschwätzige Hausbesetzer) die Eltern auf dem Laufenden halten kann. Das meiste ist nicht so schlimm. Das meiste ist noch nicht so schlimm.

In Florida – dort ist Miles Heller inzwischen als Entrümpler tätig – lernt er eine minderjährige Kubanerin kennen und lieben. Auch diese Liebe ist so ungebrochen und fantastisch, dass man es nicht glauben kann, aber warum nicht? Und wann ist zum letzten Mal in einem Buch einem Mann ein Mädchen aufgefallen, weil es gescheite Dinge über einen Roman („Der große Gatsby“) gesagt hat? Als ihre Schwester ihm mit der Polizei droht, flieht er vorerst in das besetzte Haus im nicht aufregenden Brooklyner Bezirk „Sunset Park“. Die Besetzer haben sich hier unauffällig eingerichtet. Sie wollen keinen Ärger, bloß ein Dach über dem Kopf.

Allwissender Erzähler

Schon im Vorgängerroman „Unsichtbar“ zeigte Auster wenig Interesse daran, sein Buch so zu verfertigen, wie es im Seminar für Kreatives Schreiben gelehrt wird. Als „Sunset Park“ 2010 auf Englisch herauskam, gab es Kritiker, die das nervös machte. Es sei auch in Austers Alter (inzwischen 65 Jahre) kein Fehler, sich von einem Lehrer beraten zu lassen. Wie gut, dass Kritiken immer erst hinterher erscheinen (und an Werner Schmitz’ Übersetzung höchstens nervös macht, warum er auf Betulichkeiten wie „schmunzeln“ und „verputzen“ nicht verzichtete).

„Sunset Park“ gibt sich also vielstimmig, ist dabei aber ein virtuos anti-virtuoses Buch. Der allwissende Erzähler ist außerordentlich gut informiert, und mehr formal schlüpft er in die Köpfe des Personals, das er psychologisch nur anskizziert, dessen Interessen er aber umso ausführlicher ausbreitet: die Versuche des P.E.N., sich für den inhaftierten Chinesen Liu Xiaobo einzusetzen. Baseball. Sexuelle Desorientierungen und Orientierungen. Der Nachkriegsfilm „Die besten Jahre unseres Lebens“, den praktisch jede Figur im Laufe der 315 Seiten anschaut oder/und kommentiert. Becketts „Glückliche Tage“, in dem Miles Hellers Mutter gerade spielt.

Zwei optimistische – optimistisch klingende – Titel flankieren damit einen Roman, dessen Figuren den Eindruck haben, die Lage sei „hoffnungslos“ und die Welt gerate „immer mehr aus den Fugen“. So mag es sein, aber sie sprechen gelassen davon. Denn noch könnte einiges wieder in Ordnung kommen. Auch wenn Auster in einem dunklen Moment endet, mit einer in diesem Ausmaß unerwarteten Verzweiflung auf der letzten Romanseite, die sich aber schon auf der nächsten wieder legen könnte. Nur gibt es keine weitere Seite. Ist das ungeschickt? Nein, es ist wie das Leben, wenn man es ohne den Optimismus betrachtet, ohne den es kein Auskommen gibt. Indem diese letzte Seite auch ein wenig pathetisch ist, ist sie bloß umso amerikanischer. Eine amerikanische Seite, um die man wohl eine Träne vergießen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare