Ein Japanischer Schnurbaum und einer von dreißig Bäumen im Park von Versailles, die den Titel „bewundernswert“ erhielten.
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Ein Japanischer Schnurbaum und einer von dreißig Bäumen im Park von Versailles, die den Titel „bewundernswert“ erhielten.

Sachbuch

Sumana Roy: „Wie ich ein Baum wurde“ – Jahr um Jahre wachsen, niemanden verletzen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Sumana Roys originelles und bedenkenswertes Buch „Wie ich ein Baum wurde“.

Erfunden wurde für Menschen, die sich den Bäumen nahe fühlen, auch die Urne, die aus zwei Kammern besteht: In die untere kommt die menschliche Asche, in der oberen befinden sich Baumsamen. Vermutlich kann man sich raussuchen, von welcher Baumart. So kann man sich zu Lebzeiten vorstellen, dass eine Eiche, Buche, Magnolie, vielleicht auch Papaya Jahr um Jahr wachsen kann aus dem, was noch von einem übrig war. Dass die Wurzeln und Adern eines einmal dann mächtigen Baumes Moleküle, die zu einem selbst gehörten, bis in die höchsten Wipfel transportieren. Und wer weiß, vielleicht segelt eines fernen Tages dann ein winziges Bestandteilchen eines Menschen-Ichs im Samen wieder zu Boden und beginnt eine neue Reise in einem neuen Baumkind.

Von den Samen-Urnen erzählt nun in der Matthes & Seitz-Reihe „Naturkunden“ auch auf Deutsch die indische Autorin Sumana Roy. Aber sie spricht trotz des Titels „Wie ich ein Baum wurde“ („How I became a tree“, 2017) nicht – oder jedenfalls nicht in erster Linie – von solcherart posthumer Verwandlung. Vielmehr von einem bewusst arbophilen Leben in anderem Rhythmus, in anderer Zeit, Baum-Zeit. Von einer Zurücknahme der eigenen Ambition, denn ein Baum hat keine Ambition. Sie zitiert den Schriftsteller Czeslaw Milosz: „Nicht, dass ich ein Gott oder ein Held sein wollte. Nur mich in einen Baum verwandeln, Jahr um Jahre wachsen, niemanden verletzen.“

Niemanden verletzen: im Gegenteil können ein einzelner Baum, vor allem ein ganzer Wald dem Menschen Zuflucht sein. Tatsächliches Versteck, zum Beispiel in Kriegszeiten. Aber auch seelische Geborgenheit.

Sumana Roy beschreibt, wie aber die Beziehung des modernen Menschen zum Baum – und natürlich kann der Baum darauf keinen Einfluss nehmen – dünn und dünner wurde, wie Baum-Zeit und Menschen-Zeit sich während Jahrhunderten immer weiter voneinander entfernten. Wie sie also versucht, sich der Baum-Zeit, der Gelassenheit und Geduld, dem Nicht-Wollen der Pflanzen wieder anzunähern. Sumana Roy nennt ihre Versessenheit, ein Baum zu werden, eine „Krankheit“. Aber sie scheint doch auch stolz zu sein auf diese „Krankheit“, die eine gesteigerte Wachheit ist für ein anderes, dem Menschen als gänzlich passiv, mithin anders erscheinendes Lebewesen. Jedes Tier steht ihm näher, weil es sich wie er wegbewegen kann. Sogar die Schnecke kann es.

Das Buch - Sumana Roy: Wie ich ein Baum wurde. A. d. Engl. von Grete Osterwald. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 268 S., 28 Euro.

Sumana Roys (Sach-)Buch flirrt wie Silberpappelblätter. Ihre Erkenntnisse beschreibt sie als Ranken. Ihre Friseuse vergleicht sie mit einem Gärtner, der einen Busch beschneidet. Und warum sollte sie, Sumana Roy, Make-up brauchen, wo doch kein Baum eines braucht? Ist es Unsinn, einen bestimmten Baum zu lieben? Unter seiner Krone und seiner Stille zu sitzen und den Versuch zu machen, selbst ein Baum zu werden, wenigstens ein bisschen?

Die Autorin hat in der Literatur Gleichgesinnte, gleichermaßen Arbophile gesucht und in stattlicher Zahl gefunden. Die Gedichte und Geschichten, die Folklore und die Mythen, die sie für „Wie ich ein Baum wurde“ gesammelt hat, sind mannigfach. Ovids „Metamorphosen“ sind darunter, in denen es nicht nur diesen Mythos gibt: Erschöpft von der sexuellen Verfolgung durch Apollon fleht Daphne zu ihrem Vater, dass er sie verwandeln möge. Sie erstarrt zu einem Lorbeer. Und ist übrigens in der Weltliteratur nicht die Einzige, die einer Vergewaltigung nur entkommt, indem sie zu festem Holz wird. Der Filmemacher Andrej Tarkowskij taucht bei Roy als Kronzeuge ebenso auf wie die Schriftstellerin Margaret Atwood, D. H. Lawrence wie der Philosoph Alain de Botton.

Sumana Roy erzählt von Rabindranath Tagore und wie sehr er die Pflanzen liebte. Erzählt von dem Maler Nandalal Bose, seinen außergewöhnlichen, hellsichtigen Baum-Bildern, da er die Pflanze als Person zu betrachten vermochte. Vom Maler Stephen Taylor, der nach dem Tod einer Freundin drei Jahre lang immer dieselbe Eiche malte. Erzählt von ihrem eigenen Kunstunterricht, in dem nichts als das Klischee erwartet wurde: die Palme mit einem Schopf aus halbrunden Strichen, der Tannenbaum als Pyramide. Keine Details bitte. Und was sollen diese Wurzeln? Zu Recht fragt Roy, wie eigentlich ein Kind lernen soll, einen Baum wahrzunehmen, wenn man ihm nicht beibringt, diesen wirklich in seiner Individualität, seiner Persönlichkeit zu sehen.

Wir aber sind es gewohnt, durch Bäume gleichsam hindurchzuschauen. Sie sind uns nur ein Objekt, etwas, das in der Gegend rumsteht. In der Hitze weiß man ihren Schatten zu würdigen, der aber ihre Besonderheiten tilgt; man würde zur Not auch einen Plastik-Sonnenschirm nehmen. Nicht nur der Mensch weiß natürlich ihre süßen Früchte zu würdigen. Ausschließlich der Mensch aber ihr Holz in Form von Tisch, Stuhl, Dachstuhl, Parkettfußboden. Wir müssen sie dafür töten, wir tun es millionenfach und bedenkenlos. „Die angeblich schmerzlose Leichtigkeit, mit der sich tote Bäume dafür hergaben, Requisiten und Beiwerk unseres Lebens zu werden, machte mich an ihrer Stelle wütend.“

Bäume können nicht wütend werden (oder verstehen wir ihre Sprache bloß nicht?), keine moralischen Urteile fällen, sie können sich nicht wehren, nicht weglaufen. Es ist bequem, sich ihrer zu bedienen. In diesen Jahren einer außer Rand und Band geratenen Selbstoptimierung tauchen in den Bestsellerlisten Bücher auf wie „Wald tut gut!“ oder „Heilsames Waldbaden“, aber es spielt in ihnen keine Rolle, ob der gestresste Mensch den Wald, der ihm gefälligst gut tun soll, wirklich wahrnimmt.

Nach Lektüre von Sumana Roys ungewöhnlichem, manchmal philosophisch anstrengendem, manchmal verblüffenden Buch kann man den Wald, kann man Baum für Baum nicht mehr so gut nicht wahrnehmen. Sie zeigt uns, dass sie mehr als nur nützlich sind, sie rückt sie mitten in unsere Gedankenwege.

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