Suhrkamp Verlag

Suhrkamps langer Weg nach Berlin Mitte

Der Suhrkamp Verlag plant einen Neubau in der Hauptstadt. Baubeginn soll in Kürze sein, allerdings zeigt sich bereits: Die Anwohner sind nicht begeistert.

Von Stefan Strauss und Harry Nutt

Ein abgesperrtes Grundstück mit den Stümpfen abgesägter Pappeln und Linden, nur ein Bäumchen steht noch da, in einem Loch des Stammes nistet ein Vogel. Früher gab auf dieser Grünfläche zwischen der Berliner Tor- und Linienstraße, gleich hinter der Volksbühne, einen schäbigen Imbiss, der die Vagabunden der Nacht anzog. Jetzt ist dieses Eckgrundstück eine Baustelle: Die Verlage Suhrkamp und Insel wollen dort ein neues Verlagsgebäude errichten. Baubeginn sei in den kommenden Wochen, sagt Verlagssprecherin Tanja Postpischil, 2019 soll alles fertig sein.

Suhrkamp betont, dass früher auf 80 Prozent dieser Fläche Häuser standen. Nun würde nur noch ein Drittel des Grundstücks bebaut, der Stadtplatz sei dauerhaft gesichert. Es kann aber noch eine Weile dauern, bis die Nachbarn erfahren, was genau da gebaut wird. „Eine öffentliche Mitteilung wird es geben, sobald wir die eine oder andere Neuigkeit zu vermelden haben“, so Tanja Postpischil.

Aber sie sollten sich nicht allzu viel Zeit lassen. Die Anwohner sind bereits jetzt spürbar verärgert. Sie haben Luftballons an die Bäume gebunden, als die Baumfäller mit ihren Kettensägen kamen. Die Anwohner sehen zerstörerisches „Kapital“ am Werk – in diesem Fall den traditionellen Suhrkamp Verlag, der 1950 in Berlin gegründet worden war und nach seinem Umzug nach Frankfurt zum führenden deutschen Literaturverlag aufstieg.

Ein Hauch davon war noch zu spüren, als Suhrkamp 2010 die Stadt am Main Richtung Berlin verließ und vorübergehend ein Verwaltungsgebäude aus dem Jahr 1919 an der Pappelallee in Prenzlauer Berg bezog. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hatte der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ein Angebot gemacht, das sie nicht ausschlagen mochte. In den engen Gängen des Hauses drängten sich zur Eröffnung die deutschen Geistesgrößen gleich dutzendweise die Treppen hinauf, aber der glamouröse Beginn täuschte, in der Folgezeit schien es dem Verlag nie so richtig zu gelingen, endlich in Berlin anzukommen.

Das lag vor allem an jahrelangen, erbittert geführten Rechtsstreitigkeiten zwischen den Gesellschaftern, die den Verlag beinahe die Existenz gekostet hätten. Inzwischen sind die Verhältnisse geordnet. 2014 wurde der Suhrkamp Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Nach all den Turbulenzen im Hause Suhrkamp soll der Umzug in die Torstraße nun ein symbolischer Neustart sein. Damit der gelingen kann, muss nun erst einmal der Ärger mit den Anwohnern in Berlin Mitte beigelegt werden.

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