Suhrkamp

Suhrkamp: Literatur aus der Bombenlücke

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Der Suhrkamp-Verlag nimmt seine Arbeit im neuen Haus an der Torstraße in Berlin auf.

Es ist schwülheiß am Dienstagmorgen in Berlin, zäh schiebt sich der Verkehr über die Torstraße in Richtung Friedrichshain. An der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße ist der Verkehrsfluss um eine Spur verengt, es herrscht emsiger Baustellenbetrieb im Neubau an der Ecke. Im von außen einsehbaren Untergeschoss, das einmal ein Restaurant beherbergen soll, hängen Kabel von den Decken herab, und es riecht nach Staub und Zement. Und doch ist D-Day in der neuen Zentrale des Suhrkamp-Verlags. Die rund 130 Mitarbeiter waren zuvor angehalten, drei Tage Sonderurlaub zu nehmen, nun aber beziehen sie nach und nach ihre Büros. Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil ist geradezu aufgekratzt, das Umzugsmanagement hat gute Arbeit geleistet. Die Telefone klingeln, die Computer fahren hoch.

In gerade einmal zwei Jahren ist in Berlin-Mitte ein sachlich-modernes Gebäude entstanden, mit dem der Berliner Architekt Roger Bundschuh an den Stil Hans Poelzigs anschließt, der mit seinen Bauten das Stadtviertel rund um den Rosa-Luxemburg-Platz bis heute prägt.

Suhrkamps Vorstandsvorsitzender Jonathan Landgrebe spricht von einer zweiten Ankunft in Berlin, nachdem im Jahr 2010 der mit großer Aufmerksamkeit bedachte Umzug von Frankfurt in die Berliner Pappelallee erfolgte, wo die Verlagsmitarbeiter die Räume eines ehemaligen Finanzamtes bezogen, das einmal als Wäschefabrik errichtet worden war.

Obwohl Peter Suhrkamp den Verlag unter seinem Namen bereits 1950 in Berlin gegründet hatte, galt dieser über Jahrzehnte, insbesondere unter dem behutsamen Patriarchat von Siegfried Unseld, als geistiges Zentrum der Frankfurter Bürgergesellschaft.

Unvergessen die formale Strenge, in der die von Willy Fleckhaus entworfenen regenbogenfarbigen Buchrücken der Edition Suhrkamp auch dem Verlagsgebäude in der Lindenstraße im Frankfurter Westend ihren Stempel aufdrückten. Als Suhrkamp 2000 seinen 50. Geburtstag mit einer Festveranstaltung im Frankfurter Schauspiel feierte, war diese zugleich als souveräne Selbstvergewisserung über den kulturellen Rang des Verlages inszeniert worden, der literarische Größen wie Max Frisch, Wolfgang Koeppen, Martin Walser und Peter Handke ebenso unter seinem Dach vereinte wie die einander durchaus kritisch gegenüberstehenden Denker Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk. Der von Siegfried Unseld mit großer persönlicher Hingabe geführte Verlag sah sich gern in der Rolle eines Ideengebers, der mit seismographischem Gespür die Stichworte zu geistigen Situation der Zeit lieferte.

Als die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz nach dem Tod ihres Ehemannes den Umzug nach Berlin forcierte und damit Willkommensgesten beim damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit evozierte, war die gediegene Selbstsicherheit, mit der sich die großen Verlage in der Rolle von Institutionen mit nationaler Ausstrahlung wähnten, längst dahin.

Der Markt war rauer geworden, und Suhrkamp selbst sah sich plötzlich in einen erbittert geführten Machtkampf verstrickt, in dem der damalige Mitgesellschafter Hans Barlach kaum einen Versuch ausließ, die Führung des Hauses an sich zu reißen. Über viele Monate lieferte sich die in Feindschaft entzweiten Suhrkamp-Gesellschafter einen Wirtschaftskrimi, anhand dessen selbst gewiefte Ökonomen erstmals wirksam erleben konnten, was eine eben erst eingeführte Schutzschirminsolvenz ist und wie man ein Unternehmen aus ihr herausführen kann. Die existenzbedrohende Situation war allerdings erst gebannt, seit der Verlag 2015 von der Geschäftsform einer GmbH in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden konnte.

Das sich nun stolz in der Mitte Berlins positionierende Haus an der Torstraße ist so gesehen auch das Symbol einer neuen Sesshaftigkeit nach einer endlos erscheinenden Abfolge von Ungewissheiten und Turbulenzen. Im Interview mit der FAZ schwärmt Jonathan Landgrebe denn auch von der neuen Umgebung – das alte Scheunenviertel, die Volksbühne, das Kino Babylon und die Hackeschen Höfe gleich um die Ecke. „Man kann an dieser Stelle wie durch ein Prisma nachvollziehen, was Kultur, ihre Zerstörung – unser Haus steht auf einer Bombenlücke – und ihr Wiederaufbau bedeuten.“

Den scharfen Wind der Berliner Stadtkultur, der Suhrkamp gleich nach Bekanntwerden der Baupläne entgegenschlug, übergeht Landgrebe dabei generös. In der längst von diversen Gentrifizierungswellen erfassten Nachbarschaft war der Verlag keineswegs uneingeschränkt willkommen. Anwohner und Umweltschützer waren umgehend mit Protesten in Erscheinung getreten, weil wegen der Baustelle einige Bäume gefällt werden mussten. Der Bauträger, die Industriegesellschaft am Bülowplatz (Ibau AG) versuchte die Wogen zu glätten, indem sie auch von außen zugängliche Räume wie Café, Späti und ein Restaurant in die Pläne mit aufnahm.

Von all dem ist momentan noch sehr wenig zu sehen. Das Haus, derzeit nur über ausgelegte Pfade zu erreichen, wird einmal vom Rosa-Luxemburg-Platz her zugänglich sein, ein einladend gestalteter Platz soll das Gefühl erzeugen, dass es sich hier keineswegs um ein weiteres Bürogebäude handelt. Als gelte es, genau dies zu beweisen, präsentiert Suhrkamp Fotos mit bis an die Decke reichenden Regalen, in die all die schönen bunten Bände eingestellt sind, die seit jeher die Suhrkamp-Kultur ausgemacht haben.

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