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Das alte Reuter-Gutshaus im Februar 2015.
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Das alte Reuter-Gutshaus im Februar 2015.

Christian Reuter

Vom süßen Glück des Christian Reuter

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Über die Arnsdorffin, Ehefrau des Dichters, und andere Familiengeschichten: Ein Auszug aus Olaf Veltes Buch „Reuters Kiste“, einer Spurensuche nach dem ebenso berühmten wie mysteriösen Barockdichter, der vor 350 Jahren auf die Welt kam.

Hat der Magister das nicht alles vorausgeträumt? Ist etappenweise vorangekommen, träumend, nachtwärts? Immer schon hier, am Dorfplatz, bei verfallenden Scheuern, in menschenleerer Holpergasse? Und immer derselbe Geruch. Feuchtigkeit, die nie trocknet, sich hinter Putz und Schalung sammelt. Da kommt ihm eine Frau entgegen. Kommt ums Mauereck, ein Gesicht, eine Gestalt, menschenähnlich, alterslos, geht ihren Tritt, geht voran, weiß den Weg. Gemeinsam nun ums Karree, dem Randbezirk zu. Wo die Neubauten sind, Wohnhäuser ohne Stall und Lager, mit Garage aber, Stellplatz, einem Windspiel. Ein Wäldchen in Ortsnähe haben sie noch gerodet, die Reuters, im ausgehenden 19. Jahrhundert. Anbaufläche zu schaffen, das Ackerland zu mehren. Noch ist nicht Zeit für die Gesellschaft der „Reuterschen Erben“, dem vielköpfigen Orchester aus Söhnen und Töchtern. Keine Rede von Verpachtung und Auszug, von Zuckerfabrik, Inspektoren aus dem Rheinischen. Alles ist beisammen, alles in schönster Anordnung.

Zunächst der Bach. Bescheiden rieselts hin, verschwindet hinter Scheunenwänden. Gewaltige Bruchsteinsockel. Backstein, hoch aufragend. Rot ist das Dorf, gebranntes Rot. Hinab also die Schelmuffsky-Straße und zum Wasser. Das Sonnenlicht kalt wiederum, flirrend in den Kronen kahler Linden. Irgendwo Hühner im Freilauf, das Schreiten des Hahnes, sein feuriger Kamm. Dort, die Frau weist hinüber, das Gehöft Wagner. Rückseits die volle Breite, Schulterpartie einstiger Hochmögenheit. Das „Goitsche Gut“, vorzeiten. Ein Nachbar im stolzen Bauernreich. Und hier stand das alte Gutshaus, Reuters Geburtsstätte. Hier, wo sich heute ein Gärtlein dehnt in überschaubarer Quadratur. Heimat von Wirsing, Kohlrabi, Johannisbeere. Manchmal der Maulwurf, Bewohner der Reuterschen Gewölbe, verschwiegener Bote im grauen Pelz. Den sie schnell verjagen, nichts wissen wollen.

Von der Arnsdorffin – die noch immer keine Ruhe gibt, sich weitergibt, verästelt durch die Jahrhunderte – wäre zu berichten. Der Frau des Christian, dem Eheweib. Schon 1690 (der Wehrheimer hat das entsprechende, sprechende Dokument in inniger Verwahrung) wurden sie ein Leib – und kirchlich abgesegnet. Einmal nur musste die Zwanzigjährige in sein Blickfeld treten, nur einmal sich in hochwüchsiger Dunkelheit aufbäumen, vom lieben Handwerksvater erzählen. Einmal nur! Leipziger Kind, süßes Glück! Reuter hat sie auf schnellstem Wege heimgeführt, dem Hof zu, den Geschwistern zu, dem künftigen Arbeitsplatz. Das Mensch ist seine Lebensversicherung, des Dichtens Unterpfand. Es ist das Jahr 1690 – noch ein Zehner, und die Welt wird eine andere! Das wissen alle. Jeder hat dieses wässrige Zucken im Mundwinkel, Zeichen, untrügliches, für hundert Jahre Glück. Seit sieben Jahren ist der Vater tot, vor anderthalb gesellte sich unser Christian zur Leipziger Studentenschaft, seit kurzem wird sein Fortkommen von einem Stipendium angestoßen. Hinter seinem Rücken ziehen die Brüder und Schwestern krumme Fratzen, wollen sich auf die Zungen beißen. Schreien es heraus im herbstlichen Felderschlag. Schreien es gegen den Wind. WARUM HAST DU MICH NICHT ERWÄHLT, DU GARSTIGER VATER IM HIMMEL? (Lässt mich hier verdorren, in dieser Ödnis, inmitten von Kuhscheiße, Schafscheiße, Hühnerscheiße!)

Und der brünstige Christian – ein Lügner und Saufaus vor dem Herrn! – darf ins Domgymnasium stolzieren, in Leipzig dem Vornehmen geben! Am Theater soll er sich herumtreiben, den Komödiendirnen die Mäuler schmieren. Sieht ihm ähnlich, sieht ihm ähnlich! Zuerst der Mutter am Rockzipfel kleben, der Arbeit aus dem Wege gehen, mit Witzgeschichten den Vater becircen, uns Geschwistern das Ungeziefer in den Bettkasten stecken. Und dann – Antichrist, verfluchter! – bei Nacht und Tag den Mägden und Weibern nachsteigen! Wie viele Ungeborene musste der grausame Grimmlich aus den fahlen Leibern herausschälen! TRÄNEN UND LEID, ZORN UND GEREDE!

Noch lebt die Mutter. Noch lobt sie den Buben, ihren Christel. Führt das Hofregiment mit zäher Hand. Sieht der Arnsdorffin mit Freude entgegen, dem recken Geschöpf. Zieht den Pfarrer ins Vertrauen, legt einen Tag fest. Schwiegertochter Maria! Handwerkertochter. Kann hinlangen, kann zupacken. Wird das Scharnier, mit dem der kommende Theolog an Familie und Hof geklammert bleibt. Also heiraten sie unterm lieblichen Junimond, marschieren die Reihen der Reuters ab. Menschen, die aus allen Ecken des Reiches gekommen sind, blutsverwandt. Vom Meer erzählen sie, von Weinhängen, langen Flüssen. Einer hat den Limes gesehen, im Waldboden nach römischem Gescherbe gegraben. Will noch vom Krieg erzählen, vom großen Sterben im Bauernland. Die Mutter duldet es nicht. Dass sie schon vierzehn Monate später – gemeinsam mit Caspar, ihrem Ältesten – vom schwarzen Fieber hinweggefegt werden wird, ahnt niemand.

Und so ist es abgemacht. Magister Velte durcheilt die Zeilen in Gedanken, zum wiederholten Male. Fast auswendig kann er hersagen, was die Mormonen ihm vor wenigen Wochen erst mitgeteilt.

Nach der Heirat 1690 nimmt Christian Reuter seine Studien wieder auf, reist nach Leipzig, wo er zunächst in geordneten Bahnen mit den Wissenschaften fortfährt.

Seine Braut, die bereits erwähnte und im Jahre 1670 zur Welt gekommene Maria geborene Arnsdorf(f), verbleibt in dem elterlichen Hofgut, welches als größter Bauernhof in dem Dorf Kütten am Petersberg gelten kann. Da ihr Gatte Christian als Student von den in Kütten erwirtschafteten Einnahmen teilweise abhängig ist, bringt sie ihre Arbeitskraft zum Ausgleich ein. Die Tätigkeiten der in Küche und Stall gleichermaßen geschickten und fleißigen Arnsdorf(f) werden mit den Unterstützungsgeldern für ihren Studenten-Ehemann gegengerechnet. Diese Praxis wird auch nach dem plötzlichen Ableben der Mutter Anna Catharina geborene Rode aus Mößlitz von dem Hoferben Stefan Reuter (jüngster Bruder des bereits erwähnten Christian, dem späteren Verfasser der Reisegroteske „Schelmuffskys curiöse Abentheuer“) weitergeführt. Maria Reuter geborene Arnsdorf(f) kann sich trotz des anfänglich missgünstigen Klimas auf dem Reuter-Hof in Kütten durchsetzen, schon nach kurzer Zeit gilt sie als emsige und stets freundliche „Schwägerschwester“. Sie soll auch trotz der Leipziger Machenschaften ihres Gatten Christian innerhalb der Reuter-Familie guten Rückhalt gehabt haben. Ihrem Mann habe sie immerwährend die Treue gehalten, sein Künstlersein nach Kräften gestützt. Von etlichen Fehl- und Totgeburten berichtet das dörfliche Kirchenbuch. In einem relativ fortgeschrittenen Alter wird Maria Reuter geborene Arnsdorf(f) am 9. August 1712 in Berlin von einem Kind entbunden. Bei der Taufe zwei Tage danach wird dem Jungen der Name „Johann Friedrich“ beigegeben. Das Leben der Maria Reuter geborene Arnsdorf(f) erlischt im Jahre 1722 in Berlin. Ihr Leib wird in einem Armengrab zur letzten Ruhe gebettet.

Velte weiß es besser. Mit dem Tod ist er nicht einverstanden. Und mit Berlin erst recht nicht. Hier irrt das Mormonen-Gedächtnis. 1722 ist die Arnsdorffin noch quicklebendig, längst hat sie Berlin hinter sich gelassen, ist auf dem Weg nach Hause.

In das Seufzen des Forschers mischt sich stimmliche Nüchternheit. Abermals hat die Frau neben ihm gesprochen, vernehmbar, in langsamer Gangart. Die Worte sind ihm längst abhanden gekommen, schweifen durchs Lindengeäst einem frostigen Sonnenhimmel zu. Wem hängt er nach? Ging drüben, jenseits der Gartenzeile, jenseits der Hühnerwelt, nicht der Arnsdorffin unverwechselbare Gestalt? Bis zur Stunde unbeugsam, von keiner Plage, keinem Schmerz niedergerungen? Sie, die alles verdaut und überwunden hat? Und will sie nicht nach dem Arm des Spätgekommenen greifen, ihn herausführen aus diesem unseligen 21. Jahrhundert? – Es ist durchaus möglich, dass Magister Velte für wenige Sekunden in Besinnungslosigkeit gefallen ist.

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