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Süße Kaskade von Bomben

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So sah es 1990 noch in Beirut aus: Der Krieg ist überall, im Spiel und auch in der Sprache.
So sah es 1990 noch in Beirut aus: Der Krieg ist überall, im Spiel und auch in der Sprache. © dpa

Als er sieben war, begann der Bürgerkrieg im Libanon. Mit 18 Jahren flüchtete Rawi Hage nach New York. 2006 erschien sein Debütroman "De Niro's Game" in Kanada. Jetzt liegt er auf deutsch vor - ein großer Wurf.

Von TOBIAS WENZEL

Ich habe keine Schwester und bin auf eine reine Jungen-Schule gegangen. Der einzige Ort, an dem ich eine junge Frau kennen lernen konnte, war der Luftschutzkeller", schreibt der 1964 in Beirut geborene Schriftsteller Rawi Hage. Als er sieben war, begann der Bürgerkrieg im Libanon. Mit 18 Jahren flüchtete Hage nach New York, ging später nach Montreal, wo er 2006 in englischer Sprache seinen Debütroman "De Niro's Game" in einem kleinen kanadischen Verlag veröffentlichte. Erst als das Buch zwei Jahre später den mit 100 000 Euro dotierten irischen Impac-Preis erhielt, sicherte sich der Dumont Verlag die deutschen Rechte.

"Als ob es kein Morgen gäbe", so der Titel der deutschen Übersetzung, ist kein autobiografischer Roman im engen Sinne. Und doch transportiert darin Rawi Hage seine Erfahrung, dass Krieg und Spiel auf absurde Weise miteinander verwoben sein können. Bassam, Hauptfigur und Ich-Erzähler, weigert sich, einen Luftschutzkeller zu betreten. Da kann ihn seine Mutter so lange anflehen, wie sie möchte.

Bassam spaziert lieber durch den Bombenhagel Beiruts, macht mit George, der den Spitznamen De Niro trägt, den christlichen Teil der gespaltenen Stadt auf dem Motorrad unsicher. Sie ballern mit einer Pistole herum, stehlen Benzin, unterschlagen Geld in dem Automatenkasino, in dem George arbeitet - zwei Jugendliche, die sich vom Bürgerkrieg ihre Jugend nicht nehmen lassen wollen. Zwei Freunde, die sich wie Brüder fühlen und noch nicht ahnen, dass der Krieg all das zerstören wird.

Während George sich einer christlichen Miliz anschließt, denkt Bassam darüber nach, wie er das Land verlassen kann und findet an Rana Gefallen: "Unter einer süßen Kaskade von Bomben bedeckte ich ihren Körper mit zehntausend Küssen. Unsere Körper auf dem Bett waren tanzende Leichen." Der Krieg folgt Bassam überall hin, lässt selbst ihn, den belesenen, eigentlich besonnenen Jungen, abstumpfen. Ob er sie liebe, fragt Rana. Er bejaht. Darauf antwortet sie: "Ich schlage dir die Fresse ein, wenn du mich belügst, Bassam Al-Abyad! Ich kenne dich doch."

"Zehntausend Bomben waren eingeschlagen", lässt Rawi Hage seinen Roman beginnen. Die Eindrücke des Krieges prasseln nur so auf den Leser dieses rasanten Romans ein. Ebenso wie die unzähligen starken Bilder, Metaphern und Vergleiche: Die Hand eines Mannes am Spielautomaten "war wie ein stürzender Selbstmörder". Man müsste Rawi Hage einige dieser gewagten Vergleiche ankreiden, kämen sie nicht aus dem Mund des Erzählers Bassam, der das Unfassbare des Kriegs, in dem seine Eltern umkommen und er seinen besten Freund verliert, doch irgendwie zu fassen versucht.

Rawi Hage ist mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen, weil der Autor es brillant versteht, in den entscheidenden Momenten das Feuerwerk der Worte einzustellen und den Leser auf den Raum zwischen den Zeilen zu verweisen. Wie konnte George zum eiskalten Mörder werden? Was hat die Miliz mit ihm gemacht, dass er seinen besten Freund wie seinen ärgsten Feind behandelt? Die Welt steht Kopf im Krieg. "Hast du ihn getötet?", fragt Bassam einen Kämpfer der christlichen Miliz, als beide nach einem Mann auf der muslimischen Seite Ausschau halten: "Nein, nein. Wir haben einen Pakt. Wenn der Krieg vorbei ist, gehen wir einen trinken."

Bassam wird schließlich von der christlichen Miliz entführt und gefoltert, kommt aber wieder frei. Der Flucht nach Frankreich steht nichts mehr im Wege. Als klar ist, dass George ihn verraten hat, schläft Bassam mit dessen Tante und später, im französischen Exil, mit dessen Halbschwester. Es ist, als ob er auf diese Weise zugleich Rache und die Nähe des verlorenen Freundes sucht. So wird Bassam selbst Spiegel der Perversion des Krieges.

All das schildert Rawi Hage im englischen Original in einer klaren Sprache, für die Gregor Hens leider nicht immer eine angemessene Entsprechung findet. Da "blähen sich" die "dünnen Hemden dankbar im Wind", ist von "schwarz gewandeten" Priestern die Rede und von Drehköpfen, die ein Radiogehäuse "bekränzten". Eleganz ist fehl am Platz in diesem furiosen Roman.

Rawi Hage: Als ob es kein Morgen gäbe. Roman. Aus dem Englischen von

Gregor Hens. Dumont Buchverlag 2009,

254 S., 19,95 Euro.

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