Sündenfall mit befreiender Wirkung

Wolfgang Ullrich ermutigt zum Kaufrausch, Tanja Busse entdeckt die Macht der kritischen Konsumenten

Von RUTH FÜHNER

Also, ich habe da ein Problem. Ich gehe gern einkaufen. So oft, dass meine Schränke viel zu voll sind. Aber nicht nur deswegen ist mir das mit den Kaufrauschanfällen unangenehm. Hast du nichts Sinnvolleres zu tun? flüstert ein inneres Stimmchen, wenn ich durch die Einkaufspassagen bummele. Alles nur Ersatzbefriedigung, quengelt die Konsumkritikerin in mir und liefert die Kronzeugen gleich dazu, von Erich Fromm (Haben oder sein) bis Wolfgang Fritz Haug (Kritik der Warenästhetik).

Alles Quatsch, tröstet Wolfgang Ullrich. Konsum ist vielleicht kindlich und unreif. Aber vor allem schön. Und gut. Wer wünschte sich denn tatsächlich Zeiten zurück, in denen nur der Not und nicht auch den Wünschen Befriedigung verschafft würde?

Es kommt noch besser für das protestantisch-arbeitsethisch geprägte Gewissen. Insgeheim nämlich (so geheim, dass Ullrich von Arbeit lieber nicht spricht) ist Konsum genau das: Arbeit an der eigenen Identität, an der fiktionalen Wunschaufladung der Alltagswelt. "Die Anliegen haben sich gegenüber dem Zeitalter des Bildungsbürgertums also nicht einmal verändert. Auch für Schiller und innerhalb der Theorie ästhetischer Erziehung ging es darum, dem Individuum zu mehr Selbstbestimmung - zur Freiheit in der Wahl seiner Identität - zu verhelfen. Nur fand damals vor einem Gemälde oder im Konzertsaal und in der konzentrierten Auseinandersetzung mit einem Werk statt, was heute eher vor einem Kaufhausregal, im Marken- oder Museumsshop und mit Blick auf den eigenen Geldbeutel geschieht."

Intellektueller Taschenspielertrick

Der Vorsprung, den die komplexen Erfahrungswelten von Kunst und Literatur noch vor der Konsum- und Markenkultur haben, wird, prophezeit Ullrich, schrumpfen, je länger letztere reift.

Das ist nun allerdings starker Tobak. Die Gegenargumente liefert Ullrich, eher unfreiwillig, selbst. Seine detailreiche Darstellung der modernen Anthropologie Marktforschung lässt nur darüber staunen, wie viel Zynismus und Hirnschmalz auf "die wissenschaftlichen Grundlagen der Konsumkultur" verschwendet wird. Und all das, um die Oberflächen zum Gleißen und Glänzen zu bringen und dafür zu sorgen, dass die Waren - als Versprechen einer quasi-religiösen Überwindung des Endlichen - den Weg in den Einkaufswagen finden.

So brillant Ullrich argumentiert, so überraschend manche seiner Überlegungen sind (etwa über das Geld als perfekteste Fantasiemaschine überhaupt und damit Konkurrenz der Konsumgüter) und so geschickt er der Kritik am Habenwollen Heuchelei unterstellt - an mein Unbehagen an der Konsumkultur kommt er nicht ran. Statt Vorfreude auf künftigen Genuss ohne Reue bleibt das mulmige Gefühl, einem intellektuellen Taschenspielertrick aufgesessen zu sein.

Das verfliegt sofort, als ich Tanja Busses Einkaufsrevolution zur Hand nehme - und wird umgehend ersetzt: durch schlechtes Gewissen. Diesmal nicht per post-protestantische Askese-Predigt: Sorge dich um dein Seelenheil. Sondern via politisches Manifest: Sorge dich um die Welt. Fröhlichen Verführern wie Wolfgang Ullrich, Florian Illies oder Norbert Bolz ("Konsumistisches Manifest") schleudert Tanja Busse den Blitzstrahl der Erkenntnis entgegen. Und der wirft ein grelles (wenn auch nicht neues) Licht auf die Schattenseiten der globalisierten Marken- und Konsumwelt. Die Ausbeutung in asiatischen Sweat(shirt)shops. Die undurchsichtigen Geldströme zwischen scheinbar unschuldigen Aktienfonds und Landminenopfern. Gammelfleisch von bayrischen Höfen.

Tanja Busse ist es egal, ob Konsumkritik das Hobby verwöhnter Wohlstandskinder ist, die sich damit ein gutes Gewissen erkaufen wollen. Ihr kommt es auf die Wirkung an. Auf bewusste, kritische Kaufentscheidungen. Wenn sich schon ein mächtiger Konzern durch Verbraucherproteste gezwungen sah, das neue Gesicht auf einem Schokoriegel wieder zurückzunehmen - könnte sich diese Macht nicht auch für vernünftigere Ziele einsetzen lassen? Für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, weltweit? Für eine ökologische Landwirtschaft? Wird sie ja schon.

Konsumenten entdecken ihre Macht heißt Busses Buch Die Einkaufsrevolution im Untertitel. Aber beides, der Aufstand und die Entdeckung, wirken recht kleinlaut. Man bekommt fast Mitleid mit der Autorin, so verzweifelt ist sie auf der Suche nach dem Positiven. "Immer mehr Leute kaufen Bioprodukte, die Branche wächst wie kaum eine andere... Sie ist ein Musterbeispiel dafür, wie politischer Konsum funktionieren kann: Hätte es nicht Leute gegeben, die nach Fleisch von glücklichen Schweinen gefragt hätten, gäbe es heute keine 16 000 Biobauernhöfe allein in Deutschland."

Dünne Bretter bohren

Nur, fragt Tanja Busse, ist das nicht lediglich eine winzige Nische, die dem agroindustriellen Komplex wenig entgegenzusetzen hat? Oder: Würden die Löhne für chinesische Arbeiterinnen vervierfacht, kosteten die schicken Sportschuhe mit den drei Streifen nur drei Cent mehr. Aber genau diese drei Cent fallen dem Shareholdervalue-Denken zum Opfer. Aussichtslos, oder?

Durch manche Passagen dieses Buchs habe ich mich gequält, andere sogar (Todsünde einer Rezensentin) überschlagen. Am Ende war der gute Wille vor lauter Überforderung fast aufgebraucht. Dieses Buch kann in seiner erschlagenden Detailfülle genau das bewirken, was Tanja Busse ausdrücklich vermeiden will: Die Welt als Unheilszusammenhang erscheinen lassen, vor dem man am besten sofort die Waffen streckt. Andererseits: Vielleicht kommt es eben darauf gar nicht an, wie ich mich fühle, Don-Quichote-mäßig im Angesicht gewaltiger Windmühlen. Sondern auf die Wirkung. Dünne Bretter bohren, eins nach dem andern. Einmal öfter die Runde zum Biosupermarkt drehen, statt bequemer im Discounter an der Ecke einzukaufen. Mit dem Geldbeutel an der Kasse abstimmen. Und bei all dem doch noch Wolfgang Ullrich im Kopf behalten. Der hat auch etwas über die Macht der Käufer zu sagen, gerade der skeptischen, konsumkritischen: Je mehr sie von Produkten einen "ideellen Mehrwert" verlangten, desto mehr differenzierten sich die "Fiktionalisierungsangebote" der Waren aus, ihre Angebote also zur Fantasieaufladung des Alltags.

Daraus lässt sich so etwas wie die metaphysische Wette des Konsumzeitalters ableiten. Wenn die Chancen gleich groß sind, dass ich als kritische Konsumentin die Welt verbessere oder nicht verbessere - dann will ich lieber so tun, als ob. Zumindest bis zum nächsten Sündenfall.

Wolfgang Ullrich:Habenwollen.Wie funktioniertdie Konsumkultur?S. Fischer Verlag,Frankfurt a. M. 2006,219 Seiten,17,90 Euro.

Tanja Busse:Die Einkaufsrevolution. Konsumentenentdecken ihre Macht.Blessing Verlag,München 2006,319 Seiten,14,95 Euro.

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