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Unwirkliches Petersburg: das "verfluchte" Michaelsschloss.
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Unwirkliches Petersburg: das "verfluchte" Michaelsschloss.

Anna Radlowa „Tatarinowa“

Wo die Sünde sitzt

  • Nadja Erb
    VonNadja Erb
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Anna Radlowas merkwürdige Novelle „Tatarinowa“ ist endlich übersetzt worden, sie erzählt von der volkstümlichen Skopzensekte.

Petersburg 1802. Über Russland regiert Zar Alexander I., der Vatermörder und Weichling, der Idealist und Opportunist. Und im Michaelsschloss, dem verfluchten Palast, den Alexanders Vater Pawel I. erbauen ließ und in dem er erdrosselt wurde, wohnt Jekaterina Tatarinowa – die Prophetin von Petersburg.

Dem Schicksal der Frau, die die volkstümliche Skopzensekte aus den Weiten der Steppe in die herrschaftlichen Kreise, ins Zentrum der Macht trug, hat die Lyrikerin Anna Radlowa schon 1931 eine Erzählung von ungeheurer sprachlicher Finesse und poetischer Kraft gewidmet. Die Novelle war lange verboten, dann vergessen in den Tiefen der Russischen Nationalen Bibliothek. Erst 1997 wurde sie von Alexander Etkind auf Russisch herausgegeben und nun, wieder knapp zwei Jahrzehnte später, von Olga Martynova und Oleg Jurjew auf Deutsch.

Das Personal der Erzählung findet sich im Geschichtslexikon: der Zar, seiner Frau Elisabeth, sein polnischer Kammerherr Alexej Jelenskij, der Fanatiker Photij, einflussreiche Berater, Minister, Generäle wie Fürst Golitsyn, Michail Miloradowitsch und Nikolaj Nowosiltsew. Und natürlich Kondratij Seliwanow, wie sich der Bauer und Begründer der Skopzensekte nach seiner Übersiedlung nach Petersburg selbst nannte.

Porträt einer Erlöserin

Doch Radlowa geht es nicht um historische Exaktheit. Sie benutzt die geschichtlichen Fakten als Folie für ihr Porträt einer Erlöserin, das, so sehen es zumindest die Herausgeber, durchaus als Selbstprojektion der Dichterin zu lesen sein kann. Dazu bedient sich die Autorin einer ungewöhnlichen Erzähltechnik; sie fügt nacherzählte wie direkt zitierte Versatzstücke aus Dokumenten, Briefen, amtlichen Schreiben, Chroniken mit erzählten Textbausteinen zu einer poetischen Collage zusammen. Der Kontrast zwischen dem irrwitzig radebrechenden Russisch der Amtspersonen und der Klarheit Radlowas erzeugt einen eigenen Reiz, der dank der Übersetzung Daniel Jurjews auch im Deutschen nachzuvollziehen ist.

So wird gleich zu Beginn aus einem Brief des Kammerherrn Jelenskij zitiert, der die Ankunft „unseres gottbeseelten Vorstehers und Wegweisers“ preist. Der darauffolgende Textbaustein schildert die Szene, in der die Tatarinowa dem Sektenführer gegenübertritt, und von ihm den Auftrag erhält, eine Art „Skopzentum light“ in den Zirkeln der Hauptstadt zu propagieren. „Nimm den Glauben an, und du wirst deine Schönheit zum Werkzeug der Erlösung machen. Große Männer, Generäle, Geheimräte werden herbeiströmen und sich vor die verneigen. (…) Du wirst verführen – und somit abweisen, verführen – und somit retten, zu neuer Beweißung bringen unser Land. Hörst du mich Katerina?“ „Beweißung“ steht bei den Skopzen für Kastration. Die Anhänger der Sekte propagierten ein völliges Verbot sexueller Handlungen und forderten als Bedingung für den Eintritt ins Paradies die Beschneidung oder Verstümmelung der Geschlechtsteile. Die Gemeinschaft breitete sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im gesamten russischen Zarenreich aus und hatte, obwohl sie immer wieder verfolgt wurde, Hunderttausende Mitglieder. Die Verschnittenen nannten sich „weiße Lämmer“ oder „weiße Tauben“.

"Geistige Enthaltsamkeit"

Tatarinowa predigte dagegen eine „geistige Enthaltsamkeit“ ohne körperliche Verstümmelung. Ihrem Anhänger Miloradowitsch, der ihr anbietet, sein Verlangen nach ihr mittels Kastration auszumerzen, hält sie entgegen: „Nicht den Körper sollst Du verschneiden, sondern das Herz. Dort ist der Sünde Sitz.“ Ihr mystischer Kreis pflegte ansonsten aber die Andachtsübungen der Sekte: nächtliche Geheimtreffen, hymnische Gesänge, rituelle Tanzreigen bis zum Morgengrauen. „Und unter ihnen dreht sich, wie ein Neurospast, der die Fäden seiner irre gewordenen Puppen aus der Hand gegeben hat – so, dass man schon das Gesicht nicht mehr sehen kann, in einem geistigen, unsündigen Walzer, die wie der Engel des Todes Azrael gesichtslos weiße Staatsrätin Tatarinowa.“

Den Klangraum für das Leben der „Prophetin“ bietet Petersburg, allerdings nicht die reale Stadt, sondern der Topos „Petersburg“, wie ihn die russische Literatur von Gogol über Belij bis Achmatowa entwickelt hat. Radlowa setzt die Reihe fort, etwa wenn Zar Alexander durch die Straßen irrt, begleitet vom Wind, der von der Newa weht und dem „dumpfen Pfeifen“ des Eises vom Ladogasee. Oder wenn es der Heldin scheint „in den weißen Nächten, dass die Sonne niemals aufgeht“. Oder wenn es nach dem Tod des Zaren über die berühmte Eremitage heißt: „Und nun ist aus dem in die Höhe ragenden, grünlich weißen, gleichsam unter Wasser gewachsenen Palast Alexander Pawlowitsch in einer Kutsche auf den größten Platz der Welt gefahren.“

Für Tatarinowa wird mit der Krönung Nikolajs I. Petersburg zum „Jenseits“. Sie wird verbannt, erst an den Stadtrand, dann in ein fernes Kloster. Radlowa bemüht einmal mehr das Symbol der Skopzen als Leitmotiv: „Als sie sich bei Sonnenaufgang in den Wagen setzte, schlug das weiße Täubchen, das immer bei ihr auf der Fensterbank gesessen hatte, mit den traurigen Flügeln und flog davon."

Anna Radlowa: Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg. Novelle. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Weidle Verlag, Bonn 2015. 112 S., 17,90 Euro.

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