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Havanna als Sexhölle

Auf der Suche nach dem verlorenen Ariel

Der nun neugeborene "Autor" Castro taucht an mehreren Stellen in einer Novelle auf, die Hans Christoph Buch in Anlehnung an Thomas Manns berühmte Erzählung unter dem Titel "Tod in Habana" vorgelegt hat.

Von CHRISTOPH LUDSZUWEIT

Zum Rücktritt von seinen Ämtern als Präsident und Armeeführer am 19. Februar sagte der schwerkranke Fidel Castro in Havanna: "Ich sage Euch nicht Lebewohl. Mein einziger Wunsch ist es, als Soldat der Ideen weiterzukämpfen. Ich werde unter dem Titel ,Betrachtungen des Kameraden Fidel' weiterschreiben. Es ist einfach eine andere Waffe, auf die Ihr zählen könnt?Ich werde damit behutsam umgehen."

Der nun neugeborene "Autor" Castro taucht an mehreren Stellen in einer Novelle auf, die Hans Christoph Buch in Anlehnung an Thomas Manns berühmte Erzählung unter dem Titel "Tod in Habana" vorgelegt hat.

Buch, geboren 1944, hielt sich als Reporter, Essayist und Erzähler mehrfach auf Kuba auf. In seinem jüngsten Buch transportiert er Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" nach Havanna. Der Karibik fühlt sich Buch in besonderem Maße verbunden; ein guter Teil seines Werkes beschäftigt sich mit Haiti, wo sein deutscher Großvater sich vor einem Jahrhundert angesiedelt hatte.

Im März 1960 weilen Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre auf Kuba, um sich einen direkten Eindruck von der Kubanischen Revolution zu verschaffen.

Für Sartre ist Fidel Castro danach kein vulgärer Volkstribun wie Mussolini, sondern "ein Lehrender, der vom Volke lernt", und als Resümee des Besuches formuliert er seinen berühmt gewordenen Satz: "Für einen Intellektuellen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist es unmöglich, nicht prokubanisch zu sein".

Anstelle eines Prologs stellt H.C. Buch seiner Novelle "Tod in Habana" dieses Zitat voran, mit vier Bildbeschreibungen von Schwarzweißfotos, die Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir auf ihrem einzigen Kubabesuch abbilden. Deutlich ist dort auch der damals 32-jährige Ernesto "Che" Guevara de la Serna erkennbar, wie er die beiden Besucher aus Frankreich - mit von Cortison aufgedunsenem Gesicht - im Büro der Staatsbank empfängt.

Fast ein halbes Jahrhundert später, im Winter 2006, beginnt Fidel Castros Sterben, ein Vorgang, den er, wie einst der Papst, öffentlich zelebriert. Buch lässt den von Thomas Manns Figur Gustav Aschenbach inspirierten Helden, einen deutschen Architekturexperten, in jenem Winter nochmals nach Havanna reisen. Er heißt Gustav von Achenbach - das "s" fiel weg - und erlebt eine heruntergekommene und ruinöse Stadt. Er ist auf der Suche nach einem geheimnisvollen, anmutigen jungen Mann namens Ariel, mit dem ihn eine Erinnerung verbindet: eine kurze sexuelle Erfüllung, die zum Motor seiner Sehnsucht geworden war. Achenbach ist naiv genug, sich bei dem Stricher viele Jahre später entschuldigen zu wollen: "weil ich kein Individuum, sondern ein Sexualobjekt in dir sah". "Kannst du mir verzeihen, Ariel?" fragt er schließlich einen Jungen, von dem unklar bleibt, ob es sich überhaupt um den Gesuchten handelt. Fest steht nur: Achenbach möchte ihn für Ariel halten.

"Eine Messerklinge blitzte auf, und er sah, dass der erigierte Penis, der in Augenhöhe vor ihm stand, nicht beschnitten, sondern unbeschnitten war? Es ist nicht die Angst, die dich zittern lässt - du zitterst vor Begierde! Ariel schlang ihm den linken Arm um die Schultern und stieß ihm mit der rechten Hand das Messer ins Herz." Und dann heißt es vielsagend, es sei "die Umarmung, nach der Gustav von Achenbach sich sein Leben lang gesehnt hatte". Tod und Sehnsucht fallen ineins.

Die Geschichte selbst wird gänzlich anders entwickelt als bei Thomas Mann, poetische und reportagehafte Elemente sind mit literarisch-philosophischen Teilen montiert. In diesen reizvollen Vermischungen ist die Sublimierung von Sexualität nicht mehr eingeplant. Mann nannte den "Tod in Venedig" 1930 noch die "Tragödie einer Entwürdigung".

Aus Manns alterndem Schriftsteller ist mit Gustav von Achenbach ein reisender Experte für postkoloniale Architektur geworden, der auf sinnliche, auf tödliche Abwege gerät. Dort herrscht "der beißende Geruch des Urins mit dem Veilchenduft von Sperma vermischt, von frischem Sperma, falls es so was gab"; der Held kniet nieder "vor der Kloschüssel, auf der mit herabgelassenen Hosen der Kellner saß und sich den erschlafften Penis rieb, der wie eine vom Priester dargebotene Hostie vor ihm lag? eine Hostie, die er einspeicheln und herunterschlucken würde, um den Kelch auszutrinken bis zur bitteren Neige, ohne zu wissen, was ihn mehr erregte, die Blasphemie, die Erniedrigung, die Gefahr."

Mit sexuellen Details ging Hans Christoph Buch bislang literarisch eher sparsam um. Nun gibt er die Zurückhaltung auf, indem er den kubanischen Sextourismus als fatales Phantasma wohlhabender Westeuropäer entlarvt: Eine zeitgenössische Form der Entwürdigung ist das durchaus.

Bei aller Absage an die kritiklose Kubabegeisterung der dogmatischen Linken und an den linken Revolutionskitsch ist "Tod in Habana" eine selbstironische Liebeserklärung an Kuba, kaum aber an Fidel Castro mit seinem Rauschebart, der "sich trotz oder wegen seines vorgerückten Alters das Recht vorbehielt, über Leben und Tod zu entscheiden". Ein Buch, das zur rechten Zeit kommt.

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