+
Der jüdische Zentralfriedhof im westukrainischen Czernowitz. Die Stadt war ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.

Literatur

Auf der Suche nach dem vergessenen „Tsoyberbarg“

  • schließen

Das Moses Mendelssohn Zentrum forscht zu Übersetzungen großer deutscher Romane ins Jiddische. Die Recherche führt bis nach Osteuropa und in die Ukraine.

Apshuter yunger mentsh iz tif in zumer arayn geforn fun hamburg, zayn heym, keyn davos-plats in groybinden.“ So beginnt die jiddische Übersetzung von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, dessen erster Satz im deutschen Original so lautet: „Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen.“ Die jiddische Fassung des Romans erschien 1931 im jüdischen Wilnaer Verlag Boris Kletzkin. Kein Geringerer als der aus Polen stammende, 1935 in die USA emigrierte Isaac Bashevis Singer, der 1978 den Literaturnobelpreis erhielt, hatte den Roman übertragen.

Vor ein paar Jahren war Elke-Vera Kotowski in der litauischen Nationalbibliothek zufällig auf den „Tsoyberbarg“ gestoßen, wie das Buch auf jiddisch heißt. „Ich wusste natürlich, dass in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viele Werke der Weltliteratur auch deutscher Dichter in Osteuropa ins Jiddische übersetzt worden sind“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) und Expertin für deutsch-jüdische Geschichte. „Doch nach der Zerstörung der jüdischen Gemeinden in der NS-Zeit und dem damit einhergehenden Verlust jüdischer Bibliotheken hatte ich nicht mehr damit gerechnet, noch Exemplare dieser Bücher zu finden.“

Inzwischen ist die Suche nach jiddischen Übersetzungen deutscher Werke aus den 1920er und 1930er Jahren und deren Dokumentation in einer noch zu schaffenden digitalen Datenbank zu einem Forschungsprojekt des MMZ geworden. Trans-Lit heißt das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderte Projekt. Es soll unter anderem auch untersuchen, welche deutschen Dichter bei der jiddischsprachigen Bevölkerung damals besonders beliebt waren und wer die Bücher übersetzt hat. Projektchefin Kotowski und ihre Mitarbeiterin, Ludmila Belina, haben dazu in den zurückliegenden zwölf Monaten National- und Universitätsbibliotheken in Kiew, Warschau, Krakau, Odessa, Lemberg und Czernowitz besucht. Dorthin waren seinerzeit Referenzexemplare der Übersetzungen sowie in Einzelfällen auch Bestände aus aufgelösten jüdischen Bibliotheken gelangt.

Bei ihren Recherchen in den Magazinen und Katalogen konnten die beiden Frauen aus Potsdam bislang mehr als 100 deutsche Titel nachweisen, die bis 1939 ins Jiddische übersetzt wurden – vier Jahre nachdem Deutschland mit den „Nürnberger Rassegesetzen“ die Bürgerrechte deutscher Juden erheblich beschnitten und den späteren Völkermord an den europäischen Juden vorbereitet hatte. „Wir fanden Goethes ,Faust‘, Schillers ,Wilhelm Tell‘, Anna Seghers’ ,Aufstand der Fischer von Santa Barbara‘, aber auch Grimms Märchen, den ,Struwwelpeter‘, ,Der kleine Muck‘ von Wilhelm Hauff, ,Emil und die Detektive‘ von Kästner, dazu Werke von Heine, Bebel, Marx, Engels, Feuchtwanger“, zählt Elke-Vera Kotowski auf. „Bei Erich Maria Remarques Weltkriegsroman ‚Im Westen nichts Neues‘ sind wir allein auf vier verschiedene Übersetzungen gestoßen.“

Ein Zettelkasten der Nationalbibliothek von Odessa.

Nach der Czernowitzer Sprachkonferenz von 1908, in der es unter anderem darum gegangen war, die Alltagssprache Jiddisch zur „nationalen Sprache des jüdischen Volkes“ zu erheben, hatte ein wahrer Boom an Verlagsgründungen in Osteuropa eingesetzt. Zum literarischen Zentrum avancierte dabei Wilna, das heutige Vilnius. In der auch „Jerusalem des Nordens“ genannten Stadt mit ihrer großen jüdischen Gemeinde entstanden Verlagshäuser wie Romm, Rosenkrantz, Dworschetz, Matz, Katzenellenbojgen, Tomor und Boris Kletzkins Jüdischer Verlag, die zunehmend Werke der Weltliteratur – darunter auch viele deutscher Autoren – ins Jiddische übersetzten.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht 1941 und der Errichtung des Ghettos in Wilna endet jedoch die kulturelle Blüte der Stadt, die jüdischen Verlage wurden – wie auch andernorts in den von Deutschland besetzten Gebieten – aufgelöst.

In dem Forschungsprojekt des MMZ sollen aber auch kultur- und gesellschaftspolitische Fragen etwa nach der Auswahl der übersetzten Werke untersucht werden – also warum wurden Schillers „Wilhelm Tell“ und die „Räuber“ ins Jiddische übersetzt, sein „Wallenstein“ hingegen nicht; oder wieso übertrug Isaac Singer Manns „Zauberberg“ – den er selbst später als eher schwachen Roman beurteilte – und nicht die „Buddenbrooks“. „Wir wollen damit versuchen zu verstehen, was die osteuropäischen Juden zu welcher Zeit interessiert hat, was sie umtrieb und was das über die community aussagt“, sagt Elke-Vera Kotowski. „Wie kommt es beispielsweise, dass Wilhelm Busch ins Jiddische übertragen wurde, obwohl sein Werk durchaus antisemitische Züge aufweist?“ Sie verweist in diesem Zusammenhang auf die Figur „Schmulchen Schiefelbeiner“ in der Bildergeschichte „Plisch und Plum“.

Die bisherigen Recherchen in den Bibliotheken gestalteten sich nicht immer einfach. In den Bibliotheken von Czernowitz und Odessa etwa sind die Bestände an jiddischen Büchern katalogisiert. Dort existieren noch die alten hölzernen Zettelkästen mit Karteikarten. Auf den Karten wurden neben einer Registriernummer die bibliographischen Angaben vermerkt: auf jiddisch in hebräischen Lettern und in kyrillischen Buchstaben sowie – sofern es sich um Übersetzungen aus dem Deutschen handelt – auf deutsch in lateinischer Schriftart. Die dazugehörigen Bücher in den Regalen sind zum Teil wie neu. „Heines ,Wintermärchen‘ zum Beispiel, das auf jiddisch ‚Dajtschland. A winter-majze‘ heißt, hatte vor uns offensichtlich noch nie jemand durchgeblättert“, erzählt Elke-Vera Kotowski. „Und von Kästners ‚Emil und die Detektive‘ waren noch nicht mal die Seitenbögen durchschnitten.“

Im Magazin der Nationalbibliothek in Lemberg stehen ebenfalls mehrere Regale mit jiddischen Büchern, die seit fast acht Jahrzehnten kaum angefasst worden sind. Sie sind jedoch anders als in Lemberg und Odessa auch nicht katalogisiert worden. „Hier konnten wir beim ersten Besuch nur durch die Regalreihen laufen und stichprobenartig die Bestände nach Übersetzungen durchsuchen“, sagt die 57-jährige Projektleiterin. „Dabei fanden wir unter anderem viele Bände mit Schriften von Marx und Engels auf jiddisch.“

Gegenwärtig bereiten die beiden Wissenschaftlerinnen aus dem MMZ ihre nächste Recherchefahrt in die Bibliotheken von Lemberg, Odessa und Kiew vor. Diesmal haben sie einen portablen Scanner dabei, mit dem sie die Deckblätter besonders seltener Ausgaben digitalisieren wollen. Für den kommenden Herbst sind Ausstellungen in Berlin und Leipzig geplant, auf der Elke-Vera Kotowski und ihre Mitarbeiterin erste Ergebnisse ihres Forschungsprojekts präsentieren wollen. Vielleicht ist dann als Leihgabe auch das eine oder andere Buch aus den vergessenen jiddischen Bibliotheken dabei.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion