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Die Suche nach dem haltbaren Satz

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Ruth Klüger.
Ruth Klüger. © dpa

Die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger eröffnet den 36. Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Noch bis Samstag werden die Beiträge der Kandidaten vorgelesen, ehe am Sonntag über den Ingeborg-Bachmann-Preis entschieden wird.

Die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger eröffnet den 36. Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Noch bis Samstag werden die Beiträge der Kandidaten vorgelesen, ehe am Sonntag über den Ingeborg-Bachmann-Preis entschieden wird.

Dass Ruth Klüger in ihrer Klagenfurter Rede zur Eröffnung des 36. Literaturwettbewerbs über Ingeborg Bachmanns Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ (1959) sprach, hatte seinen Reiz. Denn einige der Vorredner – ein bunter Mix aus Klagenfurter Wirtschaft, Politik und Medien, und selbstverständlich lässt es sich keiner nehmen, ein paar Worte zu sagen – wussten das schon und sagten ebenfalls etwas Respektvolles über den Satz. Und über die Wahrheit.

Bis die 80-jährige Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger kam, sich seitlich ans Lesepult lehnte und von ihrem handlichen Lesegerät ablas, dass sie diesen Satz zu jenen zähle, die sie nicht verstehe. Er sei aber außerordentlich.

Tatsächlich, sagte Klüger, verlocke Bachmann uns stets dazu, nach einem Sinn zu suchen, den sie selbst am Ende aber verweigere, so dass wir alleine weitersuchen müssen. „Es gibt keinen Klartext bei Bachmann zum Begriff Wahrheit.“ Obwohl Wahrheit für die Dichterin das erklärte Ziel von Kunst gewesen sei, bleibe in ihren eigenen Texten die Frage, was Wahrheit ist, ungelöst.

Klüger sprach etwa über „Ein Wildermuth“ – den Richter, den die fleißige Wahrheit der Knopfologen nervt – und über „Drei Wege zum See“ – die Fotojournalistin, die nach Klagenfurt zurückkehrt, wo sie selbst mit Hilfe von drei beschriebenen Routen den Wörthersee nicht findet, und die auch sonst an dem üblichen Umgang mit Wirklichkeit und damit an ihrem Beruf zu zweifeln beginnt.

Der Bachmann-Gedichttitel „Was wahr ist“ brachte Klüger am Rande auf den ähnlich klingenden Titel „Was gesagt werden muss“ des „Nationaldichters der Deutschen“ (Günter Grass). Bachmann, vermutete Klüger, hätte darüber gelacht. Nicht der Botschaft wegen, sondern wegen des Versuchs, „politische Polemik zur höheren Wahrheit zu stempeln, indem sie als Gedichtzeilen gesetzt wird“. Das brauche es nicht, wenn laut dem „Praeceptor Germaniae“ offenbar „gesagt werden musste“: „Schickt keine deutschen U-Boote nach Israel! Das gibt den Weltuntergang!“

Bachmanns Satz, so Klüger, wolle sie vielleicht als Plädoyer für die Dichtung verstehen: „Dichtung ist dem Menschen zumutbar.“ Es wird ihr beim sorgfältigen Bachmann-Lesen und -Erkunden nicht bewusst gewesen sein, dass sie die in welcher Weise auch immer am Wettbewerb beteiligten Personen in Panik versetzen könnte. Ein klassisches Fallhöhen-Problem. Das „Bimbam von Worten“ (aus dem Gedicht „Wahrlich“) mit einem „haltbaren Satz“ zu widerlegen, das sei ja wohl der Zweck des Literaturwettbewerbs, sagte Klüger schließlich ermutigend. Es gibt Ermutigungen, nach denen man den Koffer packen müsste.

Stattdessen kam es aber zur regulären Auslosung der Kandidatenplätze. Bis Samstagnachmittag wird vorgelesen und am Sonntag über den Ingeborg-Bachmann-Preis und vier weitere Auszeichnungen entschieden.

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