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Straßenszene in Georgia, von W.E.B. Du Bois aufgenommen bei einer seiner Reisen, vermutlich 1899.
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Straßenszene in Georgia, von W.E.B. Du Bois aufgenommen bei einer seiner Reisen, vermutlich 1899.

Die Suche nach dem Goldenen Vlies

Klassiker aus dem Jahr 1903: Präzise wie niemand vor ihm beschrieb W.E.B. Du Bois die afroamerikanische Identität

Von Malte Oberschelp

"Ihre großartige Arbeit The Souls of Black Folk sollte ins Deutsche übersetzt werden", schrieb Max Weber am 30. März 1905 an den amerikanischen Historiker und Philosophen William Edward Burghardt Du Bois. Der hatte, bevor er 1895 als erster Afroamerikaner in Harvard promovierte, zwei Jahre in Berlin studiert und dabei auch Vorlesungen des berühmten deutschen Soziologen gehört. Das von Weber so geschätzte Buch war 1903 erschienen und hatte den gerade einmal 35-jährigen Autor zur prominentesten Figur der frühen US-Bürgerrechtsbewegung gemacht. Doch obwohl Weber bereits eine Übersetzerin an der Hand hatte, kam das Projekt nicht zu Stande. Erst jetzt, 100 Jahre nach der Erstausgabe und 40 Jahre nach dem Tod des Autors, liegt The Souls of Black Folk in deutscher Sprache vor.

Und Max Weber hatte Recht. Die Seelen der Schwarzen ist ein großartiges Buch, auch mit den Augen der Gegenwart gelesen - wozu der Anmerkungsapparat der Herausgeber und Übersetzer, angereichert mit Fotografien des Autors aus den Südstaaten, die nötige Hilfestellung gibt. In 14 Kapiteln entsteht ein Bild der kulturellen, sozialen und politischen Lage der schwarzen US-Bevölkerung um 1900, das so historisch lehrreich wie visionär ist und zugleich voller Poesie steckt. Du Bois war nicht nur ein Mann der Wissenschaft, sondern auch ein Freund der Literatur, dazu ein begabter Journalist. Alle diese Diskurse verzahnte er so geschickt miteinander, als wolle er auf der Ebene der Buchstaben vorführen, was Schwarz und Weiß auf dem gesellschaftlichen Parkett so schwer fiel.

Manche Kapitel sind historischer Natur, etwa das über das Freedmen's Bureau: eine US-Regierungsbehörde, die nach dem Bürgerkrieg Schulen und Arbeit für die befreiten Sklaven im Süden organisierte. "Über den Black Belt", eine Reise durch das ländliche Georgia, liest sich so plastisch wie eine Reportage von Egon Erwin Kisch. Auf die Lebensgeschichte des schwarzen Priesters Alexander Crummell, ganz im Stil einer Predigt gehalten, folgt die fiktive Erzählung "Johns Heimkehr", in der ein Student sich wegen seiner Bildung nicht nur bei den Weißen verhasst macht, sondern auch von seiner Familie entfremdet. Im Kapitel "Über die Suche nach dem Goldenen Vlies" analysiert Du Bois die Lage der Baumwollarbeiter im Dougherty County mit der soziologisch-wirtschaftswissenschaftlichen Präzision eines Karl Marx. Und mittendrin steht eine autobiografische Skizze über die erste Lehrerstelle in Tennessee.

Mit dieser Mischung aus Anschauung und Abstraktion hatte Du Bois enormen Erfolg. "Die Seelen der Schwarzen ist für jede neue Generation schwarzer Wissenschaftler seit 1903 der Prüfstein afroamerikanischer Kultur. Die Lektüre dieses Buches funktioniert wie eine kulturelle Initiation", schreibt Henry Louis Gates im Vorwort. Du Bois beschrieb so präzise wie niemand vor ihm die Identität der afroamerikanischen Minderheit. "Es ist sonderbar, dieses doppelte Bewusstsein, dieses Gefühl, sich immer nur durch die Augen anderer wahrzunehmen, der eigenen Seele den Maßstab einer Welt anzulegen, die nur Spott und Mitleid für einen übrig hat. Stets fühlt man seine Zweiheit, als Amerikaner, als Neger", schrieb Du Bois im ersten Kapitel - daher der Plural Seelen im Buchtitel.

Du Bois veranschaulichte die Lage mit einer Metapher, die in jedem der stilistisch so unterschiedlichen Kapitel auftaucht: Die Schwarzen sind von den Weißen wie durch einen Schleier getrennt, aber auch in ihrer Eigenwahrnehmung haben sie einen Schleier vor Augen, der zu Verzerrungen und Verdunklungen führt. Dies ist einer der Gründe, warum sich die Lektüre von Die Seelen der Schwarzen - trotz einer bisweilen pathetisch anmutenden Sprache - immer noch lohnt. Indem Du Bois Rasse als soziales Konstrukt erklärte, entstanden durch die Wahrnehmung der Umwelt, nahm er bereits 1903 den Ansatz der modernen und postmodernen Theorien in Sachen Race and Gender vorweg.

Vor allem aber wird Du Bois heute in einem Atemzug mit Martin Luther King und Malcolm X genannt, weil er die Bedeutung der Bildung propagierte. Im Kapitel "Über Booker T. Washington und andere" distanzierte er sich von den führenden Theoretikern seiner Zeit, die rechtliche und bildungspolitische Gleichstellung zu Gunsten des ökonomischen Fortschritts zurückstellten. Für Du Bois war die Ausübung des Wahlrechts und eine gute Schulbildung wichtiger als ein anständig bezahlter Job in der Fabrik. Er wollte vor der Grundschule erst einmal die Universität gründen, um Grundschullehrer auszubilden.

An solchen Stellen scheint Du Bois' Ruf nach einer Bildungselite und sein Plädoyer für geistige Werte kaum in die Realität seiner Brothers and Sisters auf den Baumwollfeldern zu passen. Aber trotz seiner privilegierten Stellung lebte er nicht im Elfenbeinturm. Nachdem er jedem Kapitel einige Spirituals-Takte vorangestellt hatte, betätigt sich Du Bois im Finale seiner interdisziplinären Tour de Force als Musikwissenschaftler und erklärt die schwarzen Sorrow Songs zur bisher einzigen genuinen US-Kultur. "Man kann sogar noch weitergehen und eine Entwicklungsstufe erkennen, in der die Songs des weißen Amerika eindeutig von den Songs des Sklaven beeinflusst sind oder ganze Phrasen einer Negermelodie aufgenommen wurden", schrieb Du Bois. 20 Jahre, bevor der erste Blues auf Schellack gepresst wurde, ist hier skizziert, wie erst sein Derivat Rock'n'Roll die Welt erobern und später Eminem zum Soundtrack der weißen Vorstadtkids werden sollte.

So endet das Hauptwerk eines sozialkritischen Schöngeistes, der seinen Lesern beim Kampf um die Bürgerrechte Goethe-Zitate im Original zumutete, mit einem hellsichtigen Verweis auf die wichtigsten Populärkulturen des gerade angebrochenen Jahrhunderts. Cultural Studies, übernehmen Sie!

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