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Michael Rutschky Ende der neunziger  Jahre in seiner Berliner Wohnung.
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Michael Rutschky Ende der neunziger Jahre in seiner Berliner Wohnung.

Michael Rutschky „Mitgeschrieben“

Auf der Suche nach einem Cordjackett

In seinen Alltagserinnerungen an die schiere Gegenwart verliert sich Michael Rutschky in Banalitäten.

Von Eberhard Geisler

Wenn Michael Rutschky, Jahrgang 1943 und Essayist, Tagebücher aus den frühen achtziger Jahren veröffentlicht, dann richten sich darauf einige Erwartungen. 1980 hatte der Autor seinen Band „Erfahrungshunger“ vorgelegt, in dem er die Seelenlage der siebziger Jahre zu charakterisieren versuchte. Diese sollte bestimmt sein durch die Suche nach dem ganz Anderen, das sich der Fixierung durch Begriffe entziehen solle. Wie nimmt sich nun ein Tagebuch aus – so muss man fragen –, das diesem Szenario folgt, auf unmittelbare Wahrnehmung aus ist und durch die Maschen der bestehenden Diskurse schlüpfen möchte?

Der Titel „Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen“ kündigt denn auch an, dass Rutschky seine Funken aus der Alltagserfahrung schlagen will. Die Redaktionsarbeit bei „Merkur und „TransAtlantik“ erscheint; man erfährt, dass es Spannungen im Büro mit Herausgebern und Mitarbeitern gibt.

Rutschky guckt mit seiner Ehefrau Katharina abends gerne Fernsehfilme und frönt einem wahren Kult um teure Zigarettenspitzen. Kleidungssorgen werden geschildert: „Morgen fliegt R. nach Berlin, zur Beerdigung von Gerhard Maetze. Den ganzen Nachmittag suchen sie ein schwarzes Cordjackett für ihn, zu der grauen Flanellhose zu tragen, bei Wormland, C & A, Hirmer, Hettlage, Hertie. Es findet sich keins.“

Immer wieder beobachtet der Autor das ihn umgebende Publikum in der Kneipe; er mag es, den sozialen Status der Leute und die Art ihrer Beziehungen zueinander zu erraten. Ein Freund, den das Ehepaar besonders oft sieht, ist Rainald Goetz. Sein exzentrisches Verhalten wird notiert, etwa die berühmte Szene, wie er nach einer Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt sich mit einer Rasierklinge die Stirn aufschneidet, oder dass er sich unvermittelt eine Plastiktüte über den Kopf stülpt. Dass er gerne Schaumküsse isst, und welche Parfümmarke er bevorzugt.

Rasch wird klar, dass Rutschkys Aufzeichnungen der Gefahr der Banalität nicht entkommen. Die Beobachtungen treffen ungefiltert aufs Papier. Nur in Ausnahmefällen ragt einmal etwas aus der Trivialität hervor, etwa wenn Peter Sloterdijks monologisierende Diskussionstechnik und guruhaftes Auftreten konstatiert wird. Ein anderes Mal findet sich eine schöne Regung, die etwas wie Bewusstsein von der Sinnleere deutlich macht, der sich das Subjekt ausgesetzt sieht.

Der Autor ist am Wochenende von der Angst vor Einsamkeit und Ereignislosigkeit befallen, tröstet sich aber mit dem Satz „Morgen fahre ich nach Köln“. Reine Gegenwärtigkeit ist offenkundig nicht alles, und es bedarf immer auch der Perspektive auf Zukunft oder Vergangenheit – des Anzeichens einer Subjekttätigkeit. „‚Morgen fahre ich nach Köln‘: dies ist weniger ein Satz als ein Gefühl, mit dem sich das klaffende Wochenendloch stopfen lässt.“ Aber derlei Lichtblicke sind eben nur Ausnahmen.

Man hat hohe Erwartungen

Auch in einer weiteren Hinsicht kann man mit hohen Erwartungen an dieses Buch herangehen. Rutschky hat sich zur Zeit der Entstehung seiner Notizen mit dem diaristischen Werk von Ernst Jünger beschäftigt und 1981 eine Besprechung von dessen Bänden „Siebzig verweht“ im „Spiegel“ veröffentlicht. Gleichzeitig von Jünger abgestoßen und fasziniert sprach er davon, dass es gelte, diesen Autor gleichsam zu enteignen: Offenkundig müsse man die in der Tat beeindruckende Wahrnehmungslust dieses Schriftstellers dessen nationalistisch-konservativen Ideologie entwinden und als solche in einem möglichst fortschrittlichen Sinn retten und rehabilitieren. Wandelt Rutschky nun tatsächlich auf Jüngers Spuren, und haben seine Eintragungen vor dessen Rang Bestand?

Bei diesem Autor fällt hinsichtlich des Subjekts eine Enthaltsamkeit auf, die Jünger fremd war. Er gestattet sich kein eigenes Meinen. Kommt es einmal zur Äußerung von Meinungen, dann werden sie der Ehefrau oder anderen in den Mund gelegt. Bei Rutschky gibt es kein Ich; dieses ist in dem Diskurs amputiert. Die Beschränkung auf unmittelbar Gegebenes bedeutet bei Jünger keinesfalls den Verzicht auf Reflexion.

Jünger hatte schreibend immer sein intellektuelles Gepäck dabei – mag man die ideologische Ausrichtung dieses Gepäcks im Einzelnen gutheißen oder nicht. Damit sind wir bei einer weiteren Schwäche des vorliegenden Buchs, nämlich seine Theorieferne. Wenn es dem Autor in „Erfahrungshunger“ um die Erfahrung von Andersheit ging, so blendet er jetzt aus, dass in jener Epoche die Auseinandersetzung mit Andersheit sehr wohl auch auf theoretischer Ebene geführt wurde – in den Texten von Poststrukturalisten wie Michel Foucault, Jacques Lacan, Jacques Derrida und anderen.

Ulrich Raulff hat unlängst daran erinnert, dass in den Siebzigern eine einzigartige Lesewut herrschte, die vor allem den Theoretikern des Nachbarlands galt. Auch wenn es Rutschky wahrscheinlich gefallen hätte, dass die Poststrukturalisten den klassischen Subjektbegriff torpedierten, so muss man jedoch monieren, dass er nicht Subjekt genug war, um sich mit ihren Argumentationen bekannt zu machen. Dies wäre etwa in der Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas hilfreich gewesen.

Den Ansatz zu einer Kritik an diesem Philosophen legt er Karl Markus Michel in den Mund, entwickelt die Kritik aber nicht weiter. Stattdessen notiert er lieber, dass er auf einer Münchner Straße von Frau Habermas gegrüßt wird. Der Wortwechsel ist kurz: Man stellt fest, dass jeder gerade mit seinen Weihnachtseinkäufen beschäftigt ist.

Sicherlich – das Buch stellt eine sinnvolle Aufforderung zur Beobachtung des alltäglichen Lebens dar und ist gelegentlich sogar mit Humor gewürzt. Aber der Gedanke drängt sich auf, dass ein Tagebuch mehr sein muss als im Rückblick eine Besichtigung der Vergangenheit, dass es – und da wäre Jünger zu folgen – von der Sehnsucht getragen sein sollte, auch Begriffe zu finden und etwas Bleibendes zu formulieren, was sich von der Fessel des Augenblicks lösen und dem Leser zu Gegenwart werden kann. Sobald bei Rutschky die Vergangenheit vorgeführt ist, verschwindet sie wieder. Es bleibt nichts im Netz.

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