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Die Suche nach der blauen Beere

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Ein verschwommenes Bild von Elisabeth II. ziert das Cover von Liane Dirks Roman.
Ein verschwommenes Bild von Elisabeth II. ziert das Cover von Liane Dirks Roman. © Arche Literatur

Kümmere dich nicht um die Zeit, die Zeit ist immer, das ist alles: Der Roman "Der Koch der Königin" von Liane Dirks ist voll mit solchen Sätzen, die man poetisch finden kann, oder tief, oder auch nur wolkig.

Von SVEN HANUSCHEK

Der Koch der Königin" heißt der Roman, und der Umschlag zeigt eine verschwommene Queen Elisabeth in Rot, die Anlehnung an die deutsche Ausgabe von Alan Bennetts "Die souveräne Leserin" von 2007. Mit dieser hochkomischen Novelle um eine plötzlich vor allem an ihrer Lektüre interessierten Monarchin hat Liane Dirks' Roman allerdings nur durch das Motiv ebendieser Monarchin und im Nachdenken über das Erzählen zu tun, die Komik ist entschieden nicht ihr Fall.

Eher schon sind es die Heiligen Schriften des alten Indien, aus denen angelegentlich zitiert wird, aus der "Rigveda" und der "Bhagavadgita". Das letztere Heilige Buch wurde in den 1950er Jahren von Uwe Johnson und seinen studentischen Freunden in Leipzig zu einem kategorialen Begriff: alles, was man als weihevolle und ein bisschen unverständliche Lebensweisheiten ansah, galt den Freunden als "Bhagavadgita".

Wenn also Amin, der geheimnisvolle Freund der Erzählerin, meint, "wie die Seele der Geschichten sei auch die Seele der Welt, unberührt und rein. Sie kann alles hervorgehen lassen und alles Hervorgegangene wieder zu sich nehmen, wie das Wasser des Meeres" - so ist das ein "Bhagavadgita"- Satz im Sinne der Leipziger Studenten. Der Roman ist voll mit solchen Sätzen, die man poetisch finden kann, oder tief, oder auch nur wolkig. "Kümmere dich nicht um die Zeit, die Zeit ist immer, das ist alles." Das ist als Kommentar zur westlichen Beschleunigung sicher nicht verkehrt, wenn auch so wenig lebbar wie die meisten Empfehlungen von einer Kanzel. Passenderweise ist Amin Priester und Puppenspieler, er beherrscht die indonesischen Schattenspiel-Figuren, damit das Erzählen, vermutlich auch das Lieben nach dem Motto "Erzählen ist Lieben".

Er erzählt aber nicht, sondern kommentiert nur die Geschichte, die von der "Dichterin" und Ich-Erzählerin vorgebracht wird und die vielleicht in den späten 1960er Jahren stattgefunden haben kann: Ein Diktator im Reich der tausend Inseln soll von der Queen besucht werden. Sie sagt ab, der Koch fällt geschockt ins Koma, der Präsident in Wut. Dann sagt die Dame doch wieder zu, ein Ersatzkoch muss gesucht werden. Gefunden wird der Vater der Erzählerin, Anders, ein wahrhaft genialer - deutscher - Koch, der in Fernost hängengeblieben ist.

Aus dieser Konstellation entspinnt Dirks ihr Netz aus Intrigen und schwelgerisch-träumerischen Sinnesfreuden, vor allem, aber nicht nur in der Küche. Familien- und Rivalitätsgeschichten über drei Jahrzehnte hin, in denen ein Hotelmanager und seine undurchsichtige schöne Frau, der Küchenjunge und ein keinesfalls hässliches Dienstmädchen, Anders' Chef und viele andere eine Rolle spielen, die wegen ungewohnter Namen wie Kasri, Mastur, Nono als Verzeichnis der dramatis personae dem Buch beigelegt sind. Am Ende sind alle guter Dinge, das Festmenü war das beste aller Zeiten, die Erzählerin kann mit den Hinterbliebenen bei blauer Suppe Gedenktag feiern.

Geboten wird die Exotik eines Phantasielandes mit indonesisch-indischen Zügen und allen zugehörigen Reizen & Gefahren: Gerüche, Gewürze, prächtige Blumen gibt es ebenso wie die totgebissene Giftschlange, die der Hund der Erzählerin ihr auf die Bettdecke legt, während sie drunter schläft. Dieses Leben scheint entspannter, gelassener, dafür auch stärker auf der Kippe als in unserem behäbigen Reich der Mitte - die Figuren sind bedroht von emotionalen und Gewalt-Ausbrüchen, die Leser wissen mit ihnen nicht, ob die Schergen des Diktators Geld oder Folter bringen. Immerhin hat der indonesische Diktator Suharto, dem die Figur angelehnt sein könnte, in den 30 Jahren seiner Herrschaft mehrere Massenmorde angezettelt. Knapp vor dem ersten Gang beschimpft der angetrunkene Koch den Romandiktator und die Leibwachen als Mörder, glücklicherweise auf Deutsch; niemand versteht ihn.

Unter den überreich gesetzten Leitmotiven findet sich ein großer, dürrer Straßenhund, der die Erzählerin gegen etwas Futter begleitet und beschützt wie der Geist der Erzählung, der das Kreatürliche, Nicht-Intellektuelle vorführt, das Leben im Hier und Jetzt, für das die asiatischen Religionen so eindringlich werben, "eigentlich sollte ich nur den Hunden nachlaufen und ich würde alles richtig machen". Der "Graue" muss die blauen Beeren nicht fressen, die eine große Rolle spielen. Der Koch sucht nach ihnen wie weiland die Romantiker nach der blauen Blume - und findet sie: Wir erfahren, dass sie so klein wie wilde Blaubeeren sind und eine erstaunliche Wirkung entfalten - wer sie isst, wird glücklich.

"Die Tatsache, dass alles, was wir zu uns nehmen, etwas mit uns macht, war im Westen erstaunlicherweise so gut wie nicht bekannt." Nichts ist so pazifizierend wie ein gutes Essen. Das ist ein Wissen, das den Asketen fremd geblieben ist, deshalb müssen sie darben und ihr Leben verfehlen. Das ist doch eine schöne Botschaft, für die wir gern wieder einmal zur "Bhagavadgita" greifen.

Liane Dirks: Der Koch der Königin. Roman. Arche Literatur, Zürich/Hamburg 2009, 224 S., 18 Euro.

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