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Sublime Gleichgültigkeit des Geschlechtsunterschieds

Mit "Middlesex" hat der Pulitzer-Preisträger Jeffrey Eugenides einen höchst raffinierten Entwicklungsroman nach der Postmoderne geschrieben

Von Guido Graf

In Jeffrey Eugenides' erstem Roman The Virgin Suicides von 1993 (den Rowohlt im Herbst in einer von Eike Schönfeld überarbeiteten Übersetzung wiederauflegen wird) hat das Rätsel der fünf blonden Schwestern Lisbon, die gemeinsam in den Tod gehen, vor allem damit zu tun, dass sich zwischen ihnen und den Jungen aus der Nachbarschaft, der kollektiven Erzählstimme des Romans, eine Kluft des Verstehens auftut, die offenbar durch nichts geschlossen werden kann: der Abgrund zwischen den Geschlechtern. Die Jungen wollen etwas über die Schwestern herausfinden und merken doch nicht, dass sie sich dabei nur mit sich selbst beschäftigen.

Das Haus der Lisbon-Schwestern, dieser Vorstadt-Plejaden, steht nur fünf Minuten entfernt von dem Haus der Familie Stephanides am Middlesex Boulevard in Grosse Pointe, einem Vorort von Detroit. Doch ist es, als hätte sich in den zehn Jahren, die zwischen Eugenides' Debüt und nun Middlesex liegen, der Horizont von Detroit, wo natürlich auch der Autor aufgewachsen ist, ausgetauscht. Was in The Virgin Suicides kalt, eng und düster war, erscheint in Middlesex als sein Gegenteil. Mit Ausnahme des verzweifelten Vaters der Schwestern wirken die Figuren in The Virgin Suicides oft wie Karyatiden, faszinierend zu betrachten, doch kalt und unberührbar. In Middlesex dagegen vibriert alles vor Leben.

Indem Cal Stephanides, der 41jährige Erzähler, die verwickelte Geschichte seiner Herkunft entwirrt, lernen wir seinen Bruder kennen, seine Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und Jugendlieben. In seinem übermütig genauen, souverän durchleuchteten Familieninventar ist scheinbar alles verzeichnet und Eugenides erzeugt die Suggestion einer Lebenstotalen von schier unendlicher Tiefenschärfe. Was den Roman aber tatsächlich vorantreibt, sind seine weißen, seine blinden Flecke, seine Unwahrscheinlichkeiten, das Unausgesprochene der Sehnsucht, zwischen den Polen Erziehung und Vererbung nicht entscheiden zu müssen und trotzdem ein Ich aufzufinden.

"Ich wurde zweimal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petroskey, Michigan, im August 1974." So fängt das Buch an. Doch die Geschichte beginnt woanders. Um zu Cals mythischem Ursprung zu gelangen, führt uns dieser allwissende, unmögliche Ich-Erzähler in ein Dorf in Kleinasien, ins Jahr 1922, als die Türken unter Kemal Atatürk die griechische Besatzung, aber auch die seit eh und je ansässige griechische Bevölkerung vertreiben. Höhepunkt ist die Zerstörung der alten Stadt Smyrna, von den Türken in Brand gesteckt. In dem Feuer und den begleitenden Massakern kommen Tausende Menschen ums Leben. Unter den wenigen, denen es gelingt, mit List und Mühe zu entkommen, sind die Geschwister Lefty und Desdemona Stephanides. Sie gelangen auf ein Schiff nach New York. Was sie schon lange vorher in Unruhe versetzt, wird auf dem Schiff besiegelt: Bruder und Schwester heiraten.

Schuld und Scham lassen sie mit ihrer Ankunft auf Ellis Island zurück. Es geht weiter nach Detroit, dort lebt ihre lesbische Cousine Sourmelina mit ihrem schmuggelnden Ehemann. Eine typisch amerikanische Assimilationsgeschichte beginnt. Typisch heißt: das Milieu der griechischen Einwanderer bewahrt sich Zeichen seiner Herkunft und legt eher eine Überanpassung an den Tag, wo diese Signale dem Hier und Jetzt hinderlich wären. Mit ironischem Seufzer parliert Eugenides auf homerisch, um gleich darauf seinen wahren Helden Henry James oder Philip Roth zu frönen. Die durchtrainierte Artistik, mit der Eugenides Komposition und Sprache seines Romans handhabt, kommt nicht aus ohne die Basis einer weit ausholenden, alles in sich aufsaugenden Geschichte. Und umgekehrt.

Beim Moloch Ford bekommt Lefty vorübergehend einen Job, nebenbei lernt er Englisch, eine Zeit lang betreibt er eine illegale Bar. Sein Sohn Milton, eigentlich Miltiades, der später in guter Familientradition seine Cousine Tessie heiratet, macht aus den gastronomischen Bemühungen des Vaters die Ladenkette "Hercules Hot Dogs". Die Stephanides kommen zu Wohlstand, Milton kauft sich jedes Jahr einen neuen Cadillac und es wird das große, von fern an die Bauten Frank Lloyd Wrights erinnernde Haus am Middlesex Boulevard in Grosse Pointe gekauft. Die Große Depression, der Zweite Weltkrieg, die Nation of Islam und natürlich die Rassenunruhen, die Detroit Ende der 60er Jahre erschütterten: nichts fehlt. Und genau das wäre des Guten auch zuviel, wenn Eugenides nicht all diesen Stoff auch zur Verpackung distanzieren, bisweilen sich Wendungen ins Groteske leisten würde.

Der Norweger Jan Kjaerstad hat in seiner Wergeland-Trilogie mit ähnlichen Erzählern experimentiert wie Eugenides. In "Der Verführer" lässt er Gott selbst erzählen, und niemand Geringeren als die Götter der griechischen Mythologie lässt Eugenides zu Werke gehen, um Calliope Stephanides, die ihren Namen der Muse des Erzählens entliehen bekommt, eine Geschichte zu geben. Im Kern geht es Eugenides darum, zwischen der heutigen Genetik und der klassischen griechischen Vorstellung von Schicksal eine Analogie zu ziehen. Die griechischen Mythen erklären die unbezähmbare Natur und damit Geschichte und Leiden der Menschen als Nebenprodukt der narzisstischen Sehnsüchte der Götter und ihrer inzestuösen Kopulationen. Ersetzt man "Götter" durch "Vorfahren", hat man einen Begriff von Evolution und ihrer sublimen Gleichgültigkeit gegenüber moralischen Werten.

Calliope Stephanides wächst in privilegierten Verhältnissen im "Middlesex" auf, wie das Haus irgendwann genannt wird, das immer ein wie zu großer Anzug, immer ein fremdes Haus bleiben wird. Fremd wie der Körper, in dem Callie steckt, die bis zur Pubertät als Mädchen aufwächst. Die Unruhe über das Ausbleiben der Menstruation, der Ausbildung sekundärer Geschlechtsmerkmale wird für Callie schier unerträglich, als nach einem Unfall bei der 14jährigen entdeckt wird, dass sie auch einen Penis besitzt. Die Eltern bringen sie nach New York zu einem Sexologen, der zu dem Schluss kommt, dass Calliope körperlich als Mann durchgehen könne, die Erziehung sie aber zu einer Frau geprägt habe. Dabei solle es bleiben. Callie schlägt nach, was ein Hermaphrodit ist. Und sie stößt auf das Wort Monster. Sie läuft davon, lässt sich die Haare schneiden, schlägt sich bis nach Kalifornien durch und kehrt schließlich als junger Mann, als Cal, nach Middlesex zurück.

In Ovids Metamorphosen wird erzählt, dass Hermaphroditos, der Sohn der Liebesgöttin Aphrodite und von Hermes, dem Gott der Diebe und Dichter, im zarten Alter von Fünfzehn beim Bad in einer Quelle Opfer der Nachstellungen der Nymphe Salmacis wird, die sich schließlich mit ihm in einem Körper vereinigt. Von Geschlechterwechsel bis Kleidertausch kennt die literarische Tradition eine Menge Facetten, die sie Ovids Geschichte abgewinnen konnte.

Jeffrey Eugenides bietet mehr als nur eine neue Variation. Aus Hermaphroditus', von den göttlichen Eltern bewilligten Wunsch, allen, die nach ihm mit der Quelle in Berührung kommen, solle das gleiche Schicksal widerfahren, zieht Eugenides erzählerische Konsequenzen: Middlesex ist ein Entwicklungsroman nach der Postmoderne. Die Frage der Identitätsfindung erscheint fast nur als eine grammatische, sie wird vom doppelten Geschlecht des allwissenden Erzählers beantwortet. Von Calliope in der dritten Person zu erzählen, ob "sie" oder "er", ging nicht. Immer hätte etwas gefehlt. Vor solch scheinbar objektiver Identifikation steht aber die Möglichkeit des "Ich", das erst zu diesem Ich wird, indem es die Geschichte seiner Genealogie erzählt, die wir in einem Buch namens Middlesex in den Händen halten. Wir müssen es noch einmal lesen, um herauszufinden, ob Cal von dem Glück, sich selbst als den einzig kompletten Menschen zu finden, der Frau und Mann zugleich sein darf, schon Spuren in der Geschichte seiner Großeltern und Eltern entdeckt.

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