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„Sturz“ von Reto Hänny: Faszinierend und doch überfrachtet

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Diese Blickschärfe und dann doch diese Wucherungen: „Sturz“ von Reto Hänny.

Reto Hänny ist seinerzeit bekannt geworden, als er 1980 an den Protesten der aufbegehrenden Jugend in Zürich teilgenommen und darüber den Band „Zürich, Anfang September“ in der BRD veröffentlicht hatte. An der Idee einer Befreiung aus einengenden Verhältnissen hat er bis heute festgehalten und für diesen Prozess die Metapher des Fluges gefunden, die er seit seinem 1985 erschienenen Buch „Flug“ weiterzuentwickeln versucht hat. Eine zweite Fassung davon brachte er 2007 heraus, und soeben hat er einen voluminösen Band vorgelegt, der offenbar als eine Art Vermächtnis verstanden werden will.

Die ersten Seiten liest man verzückt und meint, tatsächlich eine große Renaissance des Erzählens vor sich zu haben. Der Autor beschreibt minutiös die Situation am Flughafen, die alle kennen: nervöses Warten, roboterhafte Lautsprecherdurchsagen, absolute Vereinzelung der Menschen, übermächtige technische Maschinerie, die schließlich eng nebeneinander sitzenden Passagiere, die in ihren Aktenköfferchen kramen. Aber das Vergnügen an dieser Blickschärfe wird dann freilich bald getrübt, weil es zu Passagen kommt, deren wuchernde Ausführlichkeit nicht recht einleuchten will, und schließlich zu ermüdenden Wiederholungen, besonders gegen Ende.

Hänny erzählt vom kleinen Bauernjungen, der er in einem Bergdorf in Graubünden war, von Alltag, Not und Kargheit dieser Lebenswelt, aufgezeigt etwa am Beispiel von Tante Berta, die nach Amerika auswanderte, um dort bessere Lebensbedingungen zu finden. Schon der Bub träumt vom Fliegen und spielt Flugzeug, indem er die Treppen des Elternhauses mit ausgebreiteten Armen herabstürzt und durchs Fenster hinaus zu schweben meint, um so kraft seiner Phantasie in die ersehnte Freiheit zu gelangen. Schon früh spielt die Literatur für ihn eine große Rolle, denn der Großvater Neni berichtet ihm gerne von realen, oftmals blutrünstigen Begebenheiten aus der Gegend, erzählt im selben Tonfall aber auch eher Sagenhaftes und Fantastisches. Es sind diese Erzählungen, die in ihm die Liebe zur Sprache und schließlich den Wunsch wecken, selbst Dichter zu werden. Als er dann nach Chur – hier heißt die Stadt Ruch – in die Schule kommt, entdeckt er die zahllosen Bände von Karl May für sich, die er mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke liest und die ihn ferne, weite Welten entführen.

Zwei Lehrer sind es, die sich um die literarische und menschliche Bildung des Jungen besonders verdient machen. Der erste ist Cla Biert, der neben seinem Schulamt auch Schriftsteller ist und ihm andere Lektüre als Karl May an die Hand gibt, so dass er nun endlich auch in die Welt von Günther Grass, Franz Kafka und anderen Großen eingeführt wird.

Das Buch

Reto Hänny: Sturz. Das dritte Buch vom Flug. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 600 Seiten, 36 Euro.

Der zweite Pädagoge hat auf eine akademische Laufbahn verzichtet und ist lieber durch Nepal gereist und erzählt den Schülern davon, „dass ihm das Leben nie so lebendig erschienen, seine Sinne nie so wach, sein Empfinden nie so intensiv wie damals gewesen seien, ja, dass das Erlebnis dieses Marschs manch tote Studienjahre auszufüllen vermochte“. Den jungen Leuten werden seine Berichte über Begegnungen mit den Menschen des Himalaya zur Ermunterung, ihre Freiheit und jeweils eigene Bewegung im Leben zu suchen, weil sie allein auf diese Weise, wie sie hören und lernen, an jener Weltseele teilzuhaben vermögen, von der ein Frühromantiker wie Novalis gesprochen hat.

Es kommt eben aber auch zu vielen Rekapitulierungen bzw., wie im Fall von Jonathan Swift, zu Nachahmungen gelesener Literatur, die ohne ein eigenes geistiges Relief bleiben und insofern müßig sind. Wer ungefähr das Alter von Reto Hänny hat – er wird Mitte April 73 – kennt doch die regenbogenfarbenen Bände der edition ebenfalls zur Genüge und muss jetzt nicht mehr an Foucault oder Barthes erinnert werden – zumal es sich hier um das bloße Herunterbeten von Namen handelt. Das endlose Namedropping hätte der Lektor getrost streichen können.

Reto Hänny: Sturz. Das dritte Buch vom Flug.

Wie es um dieses Buch bestellt ist, zeigt sich insbesondere an der Art des Satzbaus, dessen sich Hänny mit denkbar größtem Konstruktionswillen befleißigt hat. Er baut Hyperbata, d.h. er fängt einen Satz an, um ihn erst nach langen Unterbrechungen, die über viele Zeilen gehen können, zu vervollständigen, so dass sein Verständnis beim Leser lange hinausgezögert wird. Zugleich legt er innerhalb dieser derart aufgesprengten Sätze eine ausgeprägte Tendenz zur Hypotaxe an den Tag, d.h. zu vielfacher Untergliederung der Satzteile.

Das Gegenteil davon wäre bekanntlich die parataktische Reihung gewesen, die auf Subordination verzichtet hätte. Genau diese ungelöste Spannung ist aber für Hännys Schreiben bezeichnend und stellt wohl das stärkste Argument dar, um vom letztlichen Scheitern seines Buchs zu sprechen. Góngora hatte das Hyperbaton ins Barock eingeführt und damit der Moderne vorgearbeitet, die Dichtung nicht länger als Befriedigung der Geilheit nach einem rasch zu identifizierenden Sinn begriffen wissen wollte. Diese Form, die in den Satz anderes einlässt, stellt den Urteilswillen der idealistischen Philosophie in Frage, der dem Herrschaftswillen der bürgerlichen Gesellschaft doch nur allzu verwandt gewesen war. Hänny etabliert aber unbekümmert noch einmal jene Ordnung, die immer schon Unterordnung forderte, und die er als politisch bewusster Mensch kraft seines Schreibens doch gerade auflösen wollte.

Am Ende lässt der Autor das Flugzeug abstürzen, mit dem er Richtung Mittelmeer unterwegs gewesen war. Die Maschine kann sich nicht mehr halten und zerschellt auf der harten Meeresoberfläche. Wie wir durch ein nachfolgendes Zitat von Max Frisch erfahren, ist dieses Ende symbolisch gemeint: eine neue Zeit ist notwendig, um die raffgierige, umweltzerstörende und stets opportunistisch den eigenen Vorteil suchende Gesellschaft abzulösen, deren Treiben das Buch wieder und wieder gegeißelt hat. Es ist wohl aber auch ungewollt das Ende von Hännys literarischem Flugversuch. Sein Fluggerät war überfrachtet; dem Motor seines Schreibens fehlte es schließlich an Schub.

Wie gesagt: die ersten Seiten des Buchs lohnen unbedingt der Lektüre, weil sie eine große Kraft des Hinschauens unter Beweis stellen, die sicherlich, um im Bilde zu bleiben, für andere Autoren beflügelnd sein kann.

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