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Das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlin mit dem Reichstagsgebäude im Hintergrund.

Shoah-Gedenken

Anpassung an außenpolitische Belange

  • vonMicha Brumlik
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Jacob S. Eders Studie „Holocaust-Angst“ belegt, wie Helmut Kohl sich dazu durchrang, der Shoah zu gedenken.

Man mag sich kaum vorstellen, dass in Ankara jemals ein Denkmal für die von den Jungtürken ermordeten Armenier stehen wird. In Berlin – immerhin – steht im Herzen der deutschen Hauptstadt seit 2005 ein Denkmal für die in arbeitsteiliger Täterschaft ermordeten Juden Europas, seit 2012 auch eines für die ebenfalls von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma.

Wer nun aber meint, dass die Errichtung dieser Denkmäler Resultat einer reuigen Einsicht der deutschen Gesellschaft gewesen sei, irrt sich gründlich. Das hat der an der Barenboim-Said Akademie in Berlin lehrende Historiker Jacob S. Eder bereits 2016 in einer zunächst auf Englisch publizierten Studie nachgewiesen – einer Studie, die nun endlich, spät genug, auf Deutsch erschienen ist.

Gestützt auf penible Auswertungen vor allem von Materialien des Auswärtigen Amtes kann Eder zeigen, dass es vor allem die Befürchtung der Regierung von Helmut Kohl gewesen ist, dass das seit den späten 1970er Jahren geplante und schließlich in Washington eröffnete „United States Holocaust Memorial Museum“ letztlich ein „antideutsches“ Museum sein werde, das das Bild Deutschlands – damals der Bundesrepublik – in den Augen der us.amerikanischen Bevölkerung nachhaltig verschlechtern werde: mit allen diplomatischen, verteidigungspolitischen und auch wirtschaftlichen Konsequenzen.

Ein solches Museum war in den USA seit Präsident Carter, seit 1978 in Planung und Gespräch – eröffnet wurde es schließlich im April 1993. Ohnehin erwiesen sich die späten 1970 und 1980er Jahre als entscheidend für die auch globale Implementation des Holocaust-Gedenkens – wurde doch in jener Zeit, seit 1979 in der Bundesrepublik die NBC-Serie „Holocaust- Die Geschichte der Familie Weiss“ ausgestrahlt. Mit nachhaltigster Wirkung: wurde doch damit erst breitesten Kreisen der deutschen Bevölkerung klar, worum es bei der Ermordung der europäischen Juden durch Deutsche wirklich ging. Beides – die Planung des Washingtoner Holocaust Museums sowie die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ und zum – motivierten vor allem das Auswärtige Amt dazu, intensive Kontakte zu us.amerikanisch-jüdischen Organisationen wie der „Anti–Diffamation-League“ oder dem „American Jewish Committee“ aufzunehmen – wobei die von Eder ausgewerteten Schriftwechsel keinen Zweifel daran lassen, dass im deutschen Diplomatischen Dienst antisemitische Annahmen über Macht und Einfluss der „Ostküste“ keine Seltenheit waren. In einer Notiz des CDU- Bundestagabgeordneten Peter Petersen – eines zur Demokratie und zum Christentum, Jg. 1926 bekehrten Nationalsozialisten – ist festgehalten, dass Kohl der Meinung war, dass „die Juden“ in Washington ein Museum bauen wollten.

Das Buch

Jacob S. Eder: Holocaust-Angst. Die Bundesrepublik, die USA und die Erinnerung an den Judenmord. Wallstein Verlag, 365 S., 42 Euro.

Der von Helmut Kohl 1985 unbedingt gewünschte gemeinsame Besuch mit Präsident Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg, auf dem auch SS-Soldaten beerdigt waren, verschärfte die Debatte weiter. So warnte der Diplomat Peter Hermes, Jg. 1922, seit 1979 Botschafter der Bundesrepublik in Washington, in einem Schreiben davor, dass das Museum in Washington – vor allem für Jugendliche – den einzigen Berührungspunkt mit Deutschland darstellen könne „mit der seit Kriegsende nie erloschenen Gefahr einer Identifizierung des gesamten deutschen Volkes mit dem totalitären Regime Hitlers “.

Ähnlich äußerte sich Helmut Kohl 1983 – zwei Jahre vor Bitburg – vor dem CDU-Bundesvorstand, als er sagte: „Die Intention der führenden amerikanischen Juden ist natürlich nicht primär (sic! M.B.) eine antideutsche Sache, (...) sondern sie wollen praktisch einen moralischen Hebel ansetzen, um der amerikanischen Öffentlichkeit fortdauernd zu sagen, ihr müßt Israel auf Gedeih und Verderb unterstützen.“

Bei alledem ließen die Gerüchte und Intrigen nicht nach: So machte kurz vor der Eröffnung des Washingtoner Museums eine Meldung Furore, wonach die deutsche Bundesregierung plane, dem Museum Gelder für eine Ausstellung über das gewandelte Nachkriegsdeutschland anzubieten.Gleichwohl schien die Debatte auch beim regierenden Personal Einsichten zu befördern: Gab doch einige Jahre später der noch regierende Kanzler 1998 ein Interview, in dem er sich als Befürworter eines in der Bundesrepublik bereits seit Längerem diskutierten, aber auch umstrittenen Denkmals für die ermordeten Juden Europas zu erkennen gab – eine Äußerung, die – wie Jacob Eder vermerkt – einen „markanten Wandel“ von Kohls Geschichtspolitik anzeigte.

Als Motiv sowohl der deutschen Kritik am Washingtoner Museum, kurz der „Holocaust-Angst“ weist Eder überzeugend die Annahmen deutscher Diplomaten und auch Helmut Kohls „über den angeblich übermäßigen Einfluss amerikanischer Juden auf Prozesse der politischen Entscheidungsfindung“ – gepaart mit dem Willen, mitbestimmen zu können, wie die Geschichte des Holocaust im Ausland erzählt und dargestellt werde. Am Ende stand dann gleichwohl die Einsicht, dass ein angemessenes Gedenken des Holocaust Deutschlands Ansehen im Ausland sogar stärken werde.

Daran zeigt sich, dass es bei der Errichtung der Berliner Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas zunächst überhaupt nicht um einen im engeren Sinne moralischen Lern- und Einsichtsprozess ging, sondern um eine geschickte Anpassung an vermeintlich außenpolitische Notwendigkeiten. Man mag in diesem Zusammenhang an Hegels „List der Vernunft“ oder – cum grano salis – an Goethes Mephisto denken, „jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Aber wie dem auch sei: Wer als Bürgerin oder Bürger der Bundesrepublik dieses Land und seine Geschichte verstehen will, kommt an Eders Studie nicht vorbei.

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