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Ludolf Bakhuizen, „Holländische Schiffe in Not“, circa 1670.
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Ludolf Bakhuizen, „Holländische Schiffe in Not“, circa 1670.

Historischer Krimi

Stuart Turton: „Der Tod und das dunkle Meer“ – Die furchtbarste Art zu reisen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Stuart Turtons herrlicher Schmöker und historischer Kriminalroman „Der Tod und das dunkle Meer“.

Die Batavia, gebaut zwischen 1626 und 1628, war ein sogenannter Ostindienfahrer, die im Dienst der Niederländischen Ostindien-Kompanie Gewürze, Textilien, Keramik transportierten. In die Geschichte eingegangen ist das Segelschiff aber nicht, weil es bereits auf seiner ersten Reise vor Australien sank, sondern wegen des Machtkampfes und der Morde, die der wundersamen Rettung der allermeisten Menschen an Bord folgten: Denn während der Kapitän das kleinere von zwei Beibooten mehr als 1600 Seemeilen nach Batavia auf Java steuerte und dann der Oberkaufmann mit Hilfe zum Schiffswrack zurückkehrte, ließ der an Land inzwischen das Regiment führende Unterkaufmann des Schiffes die meisten Überlebenden ermorden, da er mit einer kleinen Truppe von Meuterern der kostbaren Fracht habhaft werden wollte.

Diese schreckliche Geschichte ging dem britischen Autor Stuart Turton nicht mehr aus dem Kopf, weswegen er nach Holland reiste, sich zwei Tage lang im originalgetreuen Nachbau der Batavia den Kopf stieß, die offenbar in Bibliotheken reichlich vorhandenen Tagebücher und Berichte von Schiffsreisen im 17. Jahrhundert las, um dann den historischen Kriminalroman „Der Tod und das dunkle Meer“ zu schreiben. Er nennt das fiktive Schiff, das 1634 von Batavia startet, die Saardam, lässt einen Aussätzigen im Hafen die schrecklichsten Prophezeiungen machen, außerdem eine Art Ermittlerpaar mitreisen, eher unfreiwillig, denn Samuel Pipps ist ein Gefangener und soll in Amsterdam hingerichtet werden, sein Leibwächter Arent Hayes besteht aber darauf, weiterhin auf ihn aufzupassen.

In einer munteren Video-Schalte gibt Turton zu, den kleinen, eleganten Sammy alias „Spatz“ und den gewaltigen Arent alias „Bär“ nach gründlicher Arthur-Conan-Doyle-Lektüre als eine Art Sherlock Holmes und Dr. Watson entwickelt zu haben. Dann entstanden zur Übung – tatsächlich nennt es Turton so – Mini-Krimis, „mini-mysteries“ nach Doyle-Vorbild, damit er ein Gefühl für die Figuren bekäme und Sammy und Arent eine Vergangenheit haben würden. Im Roman gibt es nur hier und da eine Anspielung auf ihre alten „Fälle“, keinesfalls möchte der britische Autor diese kurzen Texte veröffentlichen. Er schwört außerdem, er werde nie von irgendeinem seiner Romane, egal wie erfolgreich dieser sein sollten, eine Fortsetzung schreiben.

Das Buch

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer. Kriminalroman. A. d. Engl. v. Dorotheee Merkel. Tropen 2021. 608 S., 25 Euro.

Das kann man schade finden, oder sich am Ergebnis der Mühe freuen – sie war nicht vergeblich. Denn dieser zweite Roman Stuart Turtons (nach „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“), ist im allerbesten Sinn ein praller Spannungsschmöker. Die Atmosphäre auf dem engen, stinkenden, lärmigen Schiff steigt einem (virtuell) in Nase und Ohren. Dafür sorgen ganz viele kleine Details. Darunter das Essen (Graupensuppe!), das bei starkem Wellengang wieder hochkommen kann. Sorgen die Schweine im Pferch. Und natürlich die verschwitzten, ungewaschenen Menschen, die sich nur einen Eimer Meerwasser über den Kopf schütten können. Je ärmer sie sind, desto weniger Platz haben sie, wobei sogar „Honoratioren“ und leitende Offiziere es alles andere als komfortabel haben.

Man darf sich dies also nicht als Kriminalfall nach Agatha-Christie-Manier vorstellen, der an einem abgelegenen, abgeschlossenen, aber eigentlich idyllischen Ort spielt. Turton hat im Laufe seiner Vorbereitungen auch recherchiert, dass Schiffsreisen im 17. Jahrhundert „die furchtbarste Art zu reisen“ (Turton) waren, dies nicht nur wegen zahlreicher Schiffbrüche, sondern auch der Krankheiten wegen, die sich unter haarsträubenden hygienischen Zuständen verbreiteten. Nicht zuletzt lagen die Nerven blank, gab es Gewaltausbrüche, nicht nur unter Matrosen. Schnell konnte die Stimmung kippen, mussten die Verantwortlichen bereit sein, selbst handgreiflich zu werden oder drakonische Urteile zu fällen: Ab ins Meer mit dem!

Turton erzählt vom Aberglauben, der damals die Angst lindern – etwa durch Talismane –, aber auch anfachen konnte. Ein Aussätziger war selbst im Hafen und selbst ohne üble Prophezeiung ein ganz schlechtes Vorzeichen; so dass einige wichtige Passagiere der Saardam darauf drängen, auf ein anderes Schiff zu warten beziehungsweise umzukehren. Druck und Panik steigen, ein Sturm nähert sich außerdem.

Währenddessen spinnt Turton seine Handlungsfäden als Chronik eines angekündigten Todes (aber wessen? aber wer wird es tun?), da folgt sein Roman ganz dem Thriller-Schema, nach dem nicht mehr viel Zeit bleibt für die Lösung des Rätsels. Gleichzeitig ist dieses Buch auf sehr unaufdringliche Weise politisch – das vor allem nimmt diese Rezensentin dafür ein –, da es scheinbar beiläufig von krasser kolonialer Ausbeutung erzählt, zu der die der sich bis aufs Blut schindenden Matrosen kommt. Ihnen bleibt nichts anders übrig, wenn sie die Fahrt überleben wollen, man könnte sie trotzdem anständig entlohnen.

So wie auch den Frauenfiguren des Romans nichts anderes übrig bleibt, als dem Ehemann sexuell zu Diensten zu sein. Vergewaltigung in der Ehe? Da ist es noch ein paar Jahrhunderte hin. Turton macht indessen plastisch, dass das 17. Jahrhundert jedenfalls keine gute alte Zeit war, außer vielleicht für reiche Männer.

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