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Die Briten liebten es, Wilhelm II. zu ärgern.
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Die Briten liebten es, Wilhelm II. zu ärgern.

Struwwelpeter Erster Weltkrieg

Als Struwwelpeter Fassonschnitt bekam

  • Peter Rutkowski
    VonPeter Rutkowski
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Prophetisches und abstoßende Propaganda in Frankfurts Struwwelpeter-Museum: Zwölf Bildtafeln, eine Vitrine und einige Schaukästen mit Exponaten reichen aus, um den Ersten Weltkrieg in all seiner schamlosen Monstrosität zu fassen.

Das vergangene Jahr sah ein veritables Stahlgewitter an Publikationen, Schauen und Gedenken an 1914 und dessen Zentenarium. Dem versierten wie dem unvoreingenommen Beobachter durfte es so vorkommen, als sei die „Urkatastrophe“ aus absolut allen Blickwinkeln mehr oder minder kritisch unter Beschuss genommen worden. Da und dort auch aus der Perspektive des Kinderzimmers – aber wohl kaum so kompakt und mit profundem Wissen über seine Materie wie vom Struwwelpeter-Museum in Frankfurt.

Zwölf Bildtafeln, eine Vitrine und einige Schaukästen mit Exponaten (die einem zum Teil die Augen vor schierem Staunen übergehen lassen wollen) in einem großen Raum reichen aus, um den Ersten Weltkrieg in all seiner schamlosen Monstrosität zu fassen. Und falls sich wer wundert über das Dreivierteljahr Verspätung der Frankfurter Ausstellung: An diesem 5. Mai vor 100 Jahren tobte an der Westfront die zweite Ypernschlacht, beschossen die Deutschen im Osten Grodno, schlugen die Russen die osmanische Armee in Armenien zurück und besetzten Marineeinheiten des British Empire Karibib in Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia). Und der Mahlstrom aus Blut, Eingeweiden, zerspritztem Hirn und zerborstenen Knochen hatte noch längst nicht seinen Höhepunkt erreicht. Es wird nichts schaden, bis zum 11. November 2018, 11.11 Uhr, weiter zu gedenken.

Als Struwwelpeter Soldat wurde

Die Schau „Struwwelpeter wird Soldat“ geht sogar über dieses Datum hinaus – und sie beginnt lange vor dem August 1914 mit der Indoktrination deutscher Kinder für einen nächsten Waffengang mit Frankreich nach 1870/71. Warum mit dem rundherum geschlagenen, in seinen Grundfesten erschütterten Nachbarn, bleibt ein Geheimnis der Kinderbuchpropagandisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Vielleicht war es mangelnde Vorstellungskraft für andere Gegner. Außerdem mussten die nationalistischen Verführer einiges an Kreativität aufbringen, wollten sie aus dem zuerst von Pädagogen abgelehnten – weil renitenten und unbelehrbaren – Personal des Struwwelpeter eine schlagkräftige, treudeutsch militarisierte Truppe schmieden.

Da aber Europa zwischen 1871 und 1914 seinen nie zuvor dagewesenen „langen Frieden“ erlebte (man mordete stattdessen Kolonialvölker), hatten Kinderbuchautoren und Versbüchlein-Illustratoren genug Zeit, sich allerlei haarsträubenden militaristischen Schmonzes auszudenken.

Man muss sich bei jedem der ausgestellten „allerliebsten“ Bilder uniformierter Kinder im Stechschritt an die Albträume der Expressionisten und die menschlichen Überreste der „gueules cassées“ erinnern. Beim fröhlichen Zeppelinbombardement im Kinderzimmer kommen die Bilder vom eingedrückten Erdreich in den Umrissen eines aufgeschlagenen Piloten wieder hervor.

Propaganda ohne jedes Maß

Aber es ist nicht so sehr der Horror ob der Propaganda, die ohne jedes Maß, aber mit gehörig Kalkül praktiziert wurde, der die Frankfurter Schau herausstechen lässt. Es ist vielmehr das stille Porträt des Struwwelpeter-Erfinders Heinrich Hoffmann inmitten der Ausstellung, das Häme und Hass, Galle und Gewalt der anderen Exponate zu einem fast betäubenden Rauschen und Stürmen im Kopf des Betrachters anschwellen lässt. Im Kinderzimmer wurde das Ressentiment gesät, das die Nazis eine Generation später ernteten. Selten ergreift einen heiliger Hass auf Kinderbuchverlage. Hier schon.

Das Gegenmittel liefert der britische Humor. Die Entente war zwar in ihrer Propaganda keinen Deut weniger schäbig als die Mittelmächte, aber beispielsweise in „Swollen-headed William“ wird in bewundernswert simplen Reimen und klarsichtiger Analyse Verlauf, Ende und Schuldfrage des Krieges geklärt. Und die Schuld liegt immer bei dem Volk, das den Struwwelpeter erfand.

Struwwelpeter-Museum, Frankfurt: bis 31. Oktober. www.struwwelpeter-museum.de

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