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Paulus Böhmer lebt in Frankfurt am Main.

Strom des Bewusstseins, uferlos

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Paulus Böhmer, neuer Hölty-Preisträger für Lyrik, liest in Frankfurt aus „Am Meer. An Land. Bei mir“.

Nieder-Ofleiden ist eines dieser Worte, bei denen man sich nicht sicher sein kann: Hat Paulus Böhmer es erfunden? Immer wieder tut er das, mischt selbst erfundene oder synthetisierte Worte unter andere, die genau so eigentümlich klingen und allenfalls in abgelegenen Fachsprachen gebräuchlich sind, in Geologie, Landwirtschaft oder Astronomie etwa. Aus solchen Wortreihen heraus zielt er dann plötzlich mit gedankenschnellen Assoziationen in ganz andere Regionen. Er zieht weite Kreise, parabolische Gedankenflugbahnen oder erzählt manchmal eine pathetische Kleinstanekdote, in konzentrierter Form. Nieder-Ofleiden aber ist echt: ein Kindheitsort, unweit von Homberg/Ohm, „hinnerm Haus im Roibe-Gewoil“ gelegen. Andererseits, wie jeder erinnerte Kindheitsort sehr fern jeder empirischen Weltgegend und dennoch in sie eingebettet.

Wer mit Paulus Böhmers Werk einigermaßen vertraut ist, kennt längst die Ohm, den kosmisch pulsenden Fluss, an dem Nieder-Ofleiden liegt. Aber darum geht es in seinem neuen Gedichtband nur vorübergehend. Die Ohm, das Rübengewühl, das mythische Nieder-Ofleiden tauchen hier nur auf als flüchtige Ankerpunkte auf, in und aus einem Wort- und Bewusstseinsstrom, der sich unaufhaltsam und uferlos, dabei sorgfältig und präzise auf das Ende zu bewegt. Auf den Tod.

Nie zuvor war der Tod, das Ende aller Erfahrung, aller Assoziationen und aller Worte, so tief und klar in Paulus Böhmers Gedichte eingeschrieben wie „Am Meer. An Land. Bei mir“. Das Meta-Gedicht in drei großen Abschnitten ist ein einziges atmendes, pulsierendes Todesschäumen und Verwesen und Mineralisieren, ein Insistieren auf Übergangsphänomenen, auf der dennoch grundlegenden Differenz zwischen organischen Prozessen und chemischen und physikalischen Vorgängen. Es ist ein tief beklagtes, aber nie jammerndes Kapitulieren vor der Einsicht, dass es mit dieser Differenz zu Ende gehen wird. Die Worte in diesem Bewusstseinsstrom – auch die, die man noch nie zuvor gelesen zu haben meint und darum bisher für nicht existent gehalten haben könnte – erscheinen nicht wie ausgedacht, eher wie gefunden. Sie kommen recht vertraut oder zumindest in rätselvoll vertrauten semantischen Umgebungen daher oder erscheinen zumindest plausibel; und sobald sie in der Welt sind, gibt es sie schließlich unwiderruflich auch.

Es empfiehlt sich also eine linguistische Demut gegenüber dem Bedeutungssystem und den Verweisungszusammenhängen, -verästelungen und den Rhythmen in in Böhmers Gedichten. Wer sich diesem Strom nicht ausliefern mag, wird in merkwürdige Lesesituationen kommen. Böhmers kontrapunktische Art der Themenverwendung oder die schöne alte kompositorische Arbeitsform der entwickelnden Variation darin könnte man zum Anlass nehmen, zurück zu blättern, das erste Auftauchen des Themas wieder aufzusuchen – und schon hätte man den Fluss verlassen. Das muss nicht von Nachteil für das Verständnis sein, aber stört mitunter die Wirkung; denn Böhmer verwendet Worte am liebsten wie Pheromone, umweglos wirkende Botenstoffe (was einen enormen Grad an Durcharbeitung erforderlich macht). Aber manchmal gibt es auch Überraschungen. Wenn man zum Beispiel auf das Kernselbst trifft, das man einige Seiten früher schon einmal gelesen hat, zurückblättert und bei den Magermilchwolken landet und plötzlich mitten in einer gerade eben schon einmal gelesenen Textpassage auf Dinge stößt, die vorher noch nicht da gestanden habe können, oder etwa doch?

Paulus Böhmer: Am Meer. An Land. Bei mir. Verlag Peter Engstler, 148 S., 29 Euro. Böhmer liest am morgigen Dienstag , 20.30 Uhr, zusammen mit Peter Heusch in der Frankfurter Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186. Zwei Tage später erhält er in Hannover den Hölty-Preis.

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