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Striche und Schattenrisse

Der Journalist und Historiker Joachim Fest über Begegnungen mit Intellektuellen und Künstlern

Von ALEXANDER KLUY

Porträts von Johannes Groß, Dolf Sternberger, Arnulf Baring und Golo Mann in diesem Buch versammelt zu sehen, hätte man erwartet. Dass sich aber Darstellungen von Hannah Arendt, Ulrike Meinhof, Horst Janssen, Rudolf Augstein, Sebastian Haffner und Joachim Kaiser hinzu gesellen, beweist, dass hier jemand mit Neigung und mit Wille zur Neugier Freunde und Gesprächspartner, die zu Freunden wurden, gesammelt hat. Alle diese Journalisten, Künstler, Revolutionäre und Intellektuellen, hat Joachim Fest, viele Jahre Herausgeber der Faz, Biograf Hitlers und Speers und Autor des Buches Der Untergang, gekannt und in Gedächtnis-Stücken fest gehalten.

"Was hier vorgelegt wird", so Fest, "sind Porträtskizzen, die, jede für sich, auf eine Reihe von Momentaufnahmen zurückgehen. Natürlich enthalten sie auch Angaben zum biographischen Hintergrund oder zum Werk und dessen Bedeutung. Doch vieles blieb notgedrungen nur Schattenriss ? Die Anschauung der Person mag einen besseren Zugang zum Werk eröffnen als die zwangsläufig verkürzende Darlegung der einen und anderen Veröffentlichung."

Vermag Joachim Fest tatsächlich eine solche "Anschauung der Person" und eine Ergänzung dessen zu liefern, was man aus anderen Darstellungen kennt? Nur partiell. Wenn er nicht gerade boshafte Aperçus von Johannes Groß rapportiert oder sich wie bei Hannah Arendt als Person zurücknimmt, so dass deren Impulsivität, ihre Liebesgefühle in der erst nach Jahrzehnten sich klärenden Beziehung zu Martin Heidegger und ihre messerscharfe Urteilskraft die Überhand gewinnen über Joachim Fests eigenen konservativen Denkgestus, dann mutet dieses Buch seltsam an.

Es ist nicht eigentlich matt. Fest verabscheut hie und da auch keineswegs Glanz und Eitelkeit. Vielmehr erscheint es rätselhaft, rätselhaft unberührt. Bei Arendt scheint er sich unter der Hand via Überschrift revanchiert haben: Das anspielungsreiche "Mädchen aus der Fremde" signalisiert eine andere Fallhöhe als etwa "Genie der Vernünftigkeit" (Dolf Sternberger) oder "Emphase und Skepsis als Tugend" (Arnulf Baring).

Zwiespältig gerät Fest auch das Porträt des Verlegers Wolf Jobst Siedler. Einerseits mokiert er sich humoristisch über dessen Selbststilisierung als Hüter eines von ihm imaginierten Preußens; andererseits verbinden Fest mit Siedler eine jahrzehntelange Freundschaft, viele gemeinsame Neigungen und das Lieblingsland Italien, das sie zusammen bereisten. Nur: Wieso greift dabei kaum etwas über auf den Leser? Warum bleibt dabei nur die eherne Arroganz eines selbst ernannten Preußen-Cato in Erinnerung, der immer wieder variierend von sich gibt: "Und im übrigen, ach!, die Gegenwart muss zernichtet werden - wäre sie es denn wert?"

Vehemenz der Lebensführung

Einen habituellen Konservativismus als solchen sympathetisch zu sezieren, ohne ihn zu denunzieren, gelingt Fest nicht recht, weil er selber einem solchen Habitus anhängt. Zu sehr übers verwandte Objekt gebeugt, schrumpft die Horizontlinie. Beim ganz anders veranlagten, spitzzüngigen Hugh Trevor-Roper gelingt Fest dagegen eine eindrucksvolle Lebensskizze. Er porträtiert den englischen Historiker und Kritiker, der Kollegen erbarmungslos zauste und bloßstellte, und erzählt anrührend von dessen letzten Lebensjahren, als er verwitwet und erblindet auf den Tod wartete, die Reputation zerschlagen, nachdem sich Trevor-Roper als positiver Gutachter bei der Stern-Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher exponiert hatte.

Ganz fremd ist Joachim Fest wohl lebenslang Horst Janssen geblieben. Fest und Janssen stimmten zwar in der Ablehnung der gegenstandslosen Kunst überein, fanden wohl auch zueinander, weil beide sich in eine Nische - Janssen in eine künstlerische, Fest in eine ideologische - abgedrängt fanden, was sie andererseits genossen. Sie kollidierten aber mit unüberbrückbarer Vehemenz bei der Lebensführung. Hier stand der rauschhafte Künstler, der sich bis zum Exzess verausgabt, das Leben, die Liebe und das Bankkonto bis zur Neige und oft darüber hinaus ausschöpft und sich und die Umwelt in Krisen stürzt, dort war der sich selber immer wieder in ein distinguiertes Lebenshaltungskorsett flüchtende Zeitungsmann, Historiker, Publizist.

Gerade in seiner intellektuellen Polarität interessant ist das Porträt Ulrike Meinhofs, das tatsächlich eine "Momentaufnahme" ist. Denn den Übergang vom publizistischen Radikalismus zum Radikalismus der Tat wird auf der Basis längerer persönlicher Gespräche mit Meinhof nachgezeichnet.

Dass der Band endet und zerrinnt mit dem Porträt des Schauspielers Henning Schlüter, ist ein dramaturgischer Missgriff. Obwohl die giftigen Bemerkungen des scharfzüngigen Schöngeists unterhalten, so ist es doch das falsche Ende für diesen Band. Nachdem zuvor Schwergewichte des Intellekts wie Trevor-Roper und Rudolf Augstein Revue passieren, bildet die Coda mit Schlüter einen zu dünnen Ausklang, mit dem dieses Erinnerungsbuch zwar für den Autor persönlich berührend, für den Leser allerdings unbefriedigend endet. Und eine Hommage an einen langjährigen Freund "Statt eines Schlussworts" zu nennen, zeugt auch nicht von übergroßem Feingefühl.

Es ist der gravitätische, gesuchte Stil, der einem lebendigen Überdauern der Dargestellten, wie Fest dies als überlebensgroßen Wunsch in der Einleitung äußert, im Wege steht; übrigens eine typische Sehnsucht der Hochmoderne, was dem so dezidiert sich konservativ gebenden Fest bewusst sein mag. Sein Stil unterbindet eine persönliche Spontaneität, verhindert eine schnelle pointillistische Skizze, verlangsamt das Empfinden. In der grimmigen Unbedingtheit, bei der Wahl zwischen einem gewählten und einem treffenden Ausdruck stets dem ersten den Vorzug zu geben, erinnert Fests Duktus mehr an Ernst Jüngers um jedes menschliche Sentiment bereinigten Stil denn an den von Thomas Mann, ist mehr Marmorattrappe denn Marmor.

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