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Der streitbare Botaniker

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Hugh Barr Nisbets abwägende Biographie Gotthold Ephraim Lessings, der früheste deutsche Dramatiker, der heute noch ohne sprachliche Bearbeitung zu spielen ist und auch gespielt wird.

Von SVEN HANUSCHEK

Gotthold Ephraim Lessing ist der früheste deutsche Dramatiker, der heute noch ohne sprachliche Bearbeitung zu spielen ist und auch gespielt wird - "Minna von Barnhelm", "Nathan der Weise", "Emilia Galotti" sind kanonische Werke, die ihren Breitenerfolg sichern konnten. Wie viel in der deutschen Literatur auch mit Lessing anfangen mag, Hugh Barr Nisbet macht in seiner umfassenden neuen Biographie immer wieder deutlich, dass dieser Autor uns näher steht als viele spätere, zumal als die Weimarer Klassik.

In gewisser Weise ist Lessing eine Gegenfigur zu deren Idealen geblieben; das Ideal der in sich ruhenden Persönlichkeit war entschieden nicht das seine, er mag den Sinn des Lebens nicht in persönlicher Erfüllung oder seinem Werk gesehen haben, sondern in der gerade unternommenen Tätigkeit selbst, ohne auf den Ausgang zu sehen.

Deshalb gibt es auch keine auf "organisch" zurechtgemachte Entwicklung in der Art von "Dichtung und Wahrheit", sondern Sprünge, Unabgeschlossenes, eine ungewöhnliche Vielfalt: Lessing als Polyhistor, der in Gelehrsamkeit und Bibliotheken schwelgen konnte wie kein zweiter und keine Büsche und Bäume zum Leben brauchte, der aber doch für bis ins Letzte systematische Studien nicht die Geduld hatte, der mindestens zwei Stücke auf Wetten hin geschrieben hat und für sein rastloses Temperament ein angeregtes soziales Leben brauchte.

Glücksspiel als Medizin

Dieses Temperament jagte ihn quer durch die Gattungen und Disziplinen, als Kritiker, Dramatiker, Polemiker, Editor, Philosoph, Alt- und Neuphilologe, Übersetzer, Rokokolyriker, Fabeldichter, Ästhetiker, schließlich Spielsüchtiger, der die emotionale Aufregung des Glücksspiels als medizinische Maßnahme aufsuchte, um die "stockende Maschine" anzuwerfen. Nur ein professioneller Akademiker wollte er nicht sein - nach Barr Nisbet hätte ihn die vorhersehbare Routine bedrückt, und die akademische Hierarchie wäre ihm unerträglich gewesen. Bis auf wenige und kurze Phasen, darunter vor allem die letzten Jahre in Wolfenbüttel, war er ein freier Mensch, der es verstand, sich von solchen Zwängen frei zu halten.

Dieses Buch ist sozusagen der Gegenentwurf zu seinem Objekt: ein ordentlich bestallter Germanistikprofessor begreift die Gattung Biographie als legitimen Zweig der Geschichtswissenschaft und beschreibt systematisch das Zusammenwirken von Leben und Werken, damit neue Verbindungen zwischen beiden erkennbar werden.

Trotz aller biographischen Petitessen hat der Band eine deutliche Schlagseite zur Werkbiographie. Lessing hat sein privates Leben über weite Strecken gut verbergen können, aber das ist eher ein sekundärer Grund für diese Entscheidung. Alle Schriften, auch die kleineren, auch die von nur historischem Interesse werden eingehend besprochen und eingeordnet; besonders in der ersten Hälfte dieser tausend Seiten hat man manchmal auch öde Strecken zu durchqueren. Gleichmütig, mit allen nötigen Kontexten, wird analysiert, es entsteht der Eindruck, Barr Nisbet habe es geradezu darauf angelegt, diesen so ungeheuer lebendigen Lessing nicht wörtlich zu zitieren, sondern distanziert im eigenen Duktus und im Konjunktiv möglichst gelassen zu referieren - man soll nachlesen, nachschlagen müssen, bei den wenigen Briefzitaten animiert werden, sich eine Briefausgabe daneben zu legen.

Wenn der Biograph an Lessing lobt, er habe es verstanden, nicht nur Gelehrte, sondern auch das breite Publikum anzusprechen, so war das offensichtlich nicht sein eigenes Ziel. Das dürfte eher eine Gesamtschau auf dem heutigen Stand der Forschung gewesen sein, die kurzlebige Moden nicht bedienen, Wissenschaftsjargon vermeiden und Lessing-Klischees abtragen soll.

All dies ist ohne Zweifel gelungen, auch dank der Übersetzungsleistung Karl Guthkes. Eine große Qualität dieser Biographie liegt denn auch gerade darin, dass sich der Fokus von der Vita allein löst: In sozialgeschichtlichen Abschnitten ist zu erfahren, was die jeweiligen Lebensorte Lessings auszeichnete, wie das Theater vor seiner Zeit aussah, wie ungewöhnlich die Bedeutung kluger, selbständiger Frauen für ihn war - und was es bedeutet hat, im 18. Jahrhundert zu leben.

Die Witwe Eva König, seine spätere Frau, von der er jahrelang getrennt war und die dem ersten gemeinsamen Kind kurz nach der Geburt hinterherstarb, schrieb ihm von den unbefahrbaren Straßen, den Hungersnöten unterwegs, unverschämten Bettlern und betrunkenen Bediensteten.

Auch die Freunde Lessings, das Netz, das ihn umgeben hat, wird präsentiert, sein uneingeschränkt positives Verhältnis zu Diderot, das zwiespältige zu Voltaire, und die analytische Haltung entfaltet ihre größte Attraktion tatsächlich, wenn es nicht um Menschen geht, sondern um geistesgeschichtliche Debatten - die großen Polemiken, die Lessing geführt hat, besonders der Streit mit dem Hamburger Pfarrer Goeze über die Reimarus-Fragmente, liest sich wie ein theologischer Krimi. Hier ist Barr Nisbet doch Lessing wieder ganz nah, seinerseits ein Vermittler historischer Debatten.

Eintreten für Schwächere

Er zeigt, was an der deutschen Aufklärung dran war, am zweiten Feuerkopf neben Lichtenberg: Lessing habe immer alles verstehen, vermitteln wollen, wie ein Botaniker, der nützliche und giftige Pflanzen erklärt, habe er zwischen Parteien oder zwischen Partei und Öffentlichkeit vermittelt, und wenn er selbst einen Standpunkt bezogen hat, dann stets den der schwächeren Partei. Er habe jede Art von Dogmatik angegriffen, nicht, um Einigkeit, eine abschließende Harmonie herbeizuführen, sondern um Respekt für die Vielfalt von Meinungen zu erzeugen.

Unter welchen Auspizien seine streitbaren Schriften standen, war dabei glasklar und unhintergehbar - den Prinzipien der Aufklärung: Gedanken- und Redefreiheit, Aufhebung der Zensur, Religionsfreiheit; und das eigene Tun darf die Freiheiten der anderen nicht einschränken.

Wie Lessings Eintreten für Schwächere aussah, teilt Barr Nisbet in einigen Episoden mit. Hier geht es nicht nur um "Rettungen" von Schriftstellern, sondern um eine handfeste Vorliebe für Außenseiter. Lessing schützte einen mutmaßlichen Lotteriebetrüger, er nahm einen Landstreicher samt Hund monatelang auf und brüskierte mit ihm die adlige Gesellschaft in Wolfenbüttel. Schon als junger Mann hatte er eine Vorliebe für das Theatermilieu, das damals noch als halbseiden galt. Auch seine Stücke für die Freigeisterei, sein Philosemitismus in "Die Juden" und im "Nathan" gehören hierher, seine Freimaurer-Dialoge "Ernst und Falk", in denen der Satz fällt: "Was Blut kostet ist gewiß kein Blut werth."

Der nach Wahrheit strebende Lessing, der sich nie im Besitz einer letztgültigen Wahrheit glaubte, hat alle Aufklärungskritik des 20. Jahrhunderts überlebt. Sein Biograph teilt mit, Lessing habe sich sogar zeitweilig intensiv mit Reinkarnationslehren beschäftigt - aus Furcht vor Langeweile.

Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Karl S. Guthke. C. H. Beck, München 2008, 1024 S., 39,90 Euro.

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