1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Straßenkatzen füttern, den Müll trennen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Auf der Einkaufsstraße Istiklal in Istanbul.
Auf der Einkaufsstraße Istiklal in Istanbul. © REUTERS

„Egal, wie dicht du bist, Goethe ist Dichter“: Selim Özdogan ist in seinem türkisch-deutschen Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ mit vor Vergnügen und Tempo quietschenden Reifen unterwegs. Aber er kann auch anders.

Von Sabine Vogel

Der Deutschtürke Krishna Mustafa soll endlich mal seine Identität finden, meint seine Freundin Laura und verlässt ihn. Schon um den Liebeskummer zu vergessen, tauscht der 25-jährige Krishna für ein halbes Jahr seine Freiburger Studentenbude mit dem WG-Zimmer seines Cousins in Istanbul.

Der Versuch, seinen türkischen Vater Recep dort im Kaffeehaus zu treffen, scheitert erst mal daran, dass es allein vier Starbucks gibt auf der Istiklal. Das ist jene Fußgängerzone in der Nähe des Taksim-Platzes, auf der das ganze Jahr über Weihnachtsdekoration leuchtet, was beweist, dass man dafür gar nicht christlich sein muss.

Mit solch grandios präpotentem Quasselsound und vor Vergnügen quietschenden Reifen lässt Selim Özdogan seine Romanhandlung in die erste Kurve rauschen. Weil der 1971 in Köln als Kind türkischer Eltern geborene Autor seine türkischen „Wurzeln“ auch gar nicht so gut kannte, half ihm ein Stipendium, das ihn für ein halbes Jahr nach Istanbul verfrachtete. Und wie seine Figur schlittert der deutsche Türke im Sommer 2013 mitten in die Protestbewegungen um den Gezi-Park und gegen Erdogan hinein.

Krishna Mustafa im Tränengasnebel

Wie ein Erweckungserlebnis wird sein Held Krishna Mustafa die Massenproteste erleben. Zwischen den Tränengasnebeln und Wasserwerfern, in Lärm und Geschrei wird er Musik hören und die Liebe spüren, das Gedicht „geschrieben von Millionen Herzen“. Er ist „glücklich, ganz ohne Identität“. Doch bevor ihm dieser Anfall von Pathos zuteil wird, muss er das Ding mit der Integration erst mal auf Türkisch durchziehen.

Weil sich Krishnas Dreadlocks in der Hitze wie Brennstäbe anfühlen, lässt er sie sich vom nächstbesten Barbier abrasieren. Zum Schutz der bloßgelegten Kopfhaut kauft er sich solch ein untertellergroßes Mützchen, wie es die gläubigen Muslime tragen. Und weil er schon mal dabei ist, lädt er sich gleich noch eine App auf sein Handy, die ihn fünfmal am Tag ans Beten erinnert.

Das gibt seinem Tag Struktur, und ein Mal hat sogar Gott schon mit ihm gesprochen. Dass der muslimisch dekorierte Krishna für ein Facebook-Selfie auch noch mit einer Knarre posiert, bringt ihm bald die Zuwendung des deutschen Verfassungsschutzes ein.

Sein Vater Recep lernte Krishnas Mutter Maria im November 1989 im Istanbuler Pudding Shop kennen. Dort verkaufte er Haschisch an Touristen. Die Religionsstudentin Maria war damals auf dem Rückweg von ihrem 16-monatigen Indientrip, und wie alle Heimkehrer vom Hippie-Trail hatte sie einen Knall. 1990 kam Krishna zur Welt, die Kleinfamilie lebte zufrieden in Istanbul.

Aber als Krishna eingeschult werden sollte – da war Recep Tayyip Erdogan schon zwei Jahre Bürgermeister – und sie sich die deutsche Schule nicht leisten konnten, zogen sie nach Freiburg. Dort ging Krishna auf die Waldorfschule und fand neue Freunde, die keine Cola trinken durften. Bald fiel der schiefe Haussegen vom Dach und Vater Recep ging allein zurück in die Türkei.

Inzwischen ist er ein listen- und erfolgreicher Bauunternehmer, und das verdankt er Erdogan, ohne den es den türkischen Bauboom nämlich gar nicht gäbe. Heute, so der Vater, weiß er nicht mehr, wen er bestechen muss.

Ein bisschen wie der dumme August

Ein bisschen wie der dumme August bestaunt Özdogans Wurzelsucher merkwürdige türkische Bräuche wie etwa das Füttern von Straßenkatzen. In Freiburg wiederum wundert sich der Cousin über die Mülltrennungsmanie und deutsche Stammesrituale: „Ohne Alkohol kein Gemeinschaftsgefühl, ohne Alkohol keine Integration.“

Der scheinbar naive Blick erlaubt Selim Özdogan ein mit knalligen Pointen gespicktes Spiel mit Rollenklischees und herrlich dusslige Kalauer. Timur? Das ist der Mann, der Wikipedia geschrieben hat. „Egal, wie dicht du bist, Goethe ist Dichter.“ Oder: „Egal, wie jung du bist, Judas war Jünger.“

In einem köstlich überdrehten Kapitel macht sich ein sturztrunkener „Chor der Einäugigen“ im Disput mit dem Blinden über die blöden Witze von Migranten-Comedians und ihre Kanaksprache mit weggelassenen Artikeln lustig: „Alle Kartoffeln klatschen sich auf Schenkel vor Lachen.“

Wie sein Vorbild, der anatolische Volksdichter Nasreddin Hodscha, schickt Selim Özdogan seinen einfältigen Narren los, um parabelhaft parodistisch und satirisch zugespitzt die türkisch-deutsche Welt zu verstehen. Das lässt Vorurteile wie Motten auffliegen und ist ein großer Spaß. Nur als Esra, die einen Dokumentarfilm über die Gezi-Proteste macht, tagelang in Haft verschwindet, da hört der Spaß dann auf.

Selim Özdogan: Wieso Heimat, ich wohne zur Miete. Roman. Haymon, Innsbruck 2016. 245 Seiten, 19,90 Euro.

Auch interessant

Kommentare