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Wo Strahlen aufeinander treffen

Teil einleuchtende und teils auch kuriose Beobachtungen machte der Soziologe Gabriel de Tarde zum "Gesetz der Nachahmung"

Von Franziska Meier

Als Geleit zu einer Buchsendung schrieb der Philosoph Karl Jaspers einmal an Hannah Arendt: "Ein nicht unrichtiger Gedanke, sogar ein wichtiger (wenn auch alter), wird durch falsche Ausweitung zu Tode gehetzt." Besser ließe sich der Eindruck nicht formulieren, den das von Suhrkamp nun aus der Versenkung geholte Buch Die Gesetze der Nachahmung des französischen Soziologen Gabriel de Tarde beim Leser hinterlässt. Der nicht unrichtige, aber eben auch nicht originelle Gedanke, dass gesellschaftliches Leben auf Nachahmung beruht, wird darin auf mehr als vierhundert Seiten ausgerollt, als wolle sich das Buch selbst zum Exempel für das Gesetz einer universellen Wiederholung machen.

Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Gabriel de Tarde zu den namhaften Soziologen Frankreichs; anders als Emile Durckheim war er bald nach seinem Tod 1804 vergessen. In seinem Hauptwerk Die Gesetze der Nachahmung, das 1890 erschien, versucht sich de Tarde an einer Theorie der Gesellschaft, die sich mit dem damals vieldiskutierten biologischen Erklärungsmodell der Vererbungslehre messen lassen wollte. Nach deren Vorbild nahm der Soziologe die Nachahmung als Schlüssel, ja als das Gesetz gesellschaftlichen Lebens schlechthin an, mit dem sich alles erklären ließe. "Gesellschaft ist Nachahmung!" lautet die Botschaft de Tardes.

Statt wie der Historiker den Blick auf die Wechselfälle und Vielfalt menschlichen Lebens zu richten, konzentriert sich de Tarde auf das Regelmäßige. Denn das, was sich wiederholt, ist ihm Gewähr dafür, dass der Drang nachzuahmen den Menschen innewohnt und eine Angleichung des sozialen Verhaltens in bestimmten Gruppen bedingt. Konkret stellt sich de Tarde vor, dass von Verhaltensformen so genannte Nachahmungsstrahlen ausgehen, die Licht- oder Schallwellen vergleichbar sind und nach einer immer weiteren Ausdehnung im sozialen Milieu trachten; wobei es für de Tarde gleichgültig ist, ob die Menschen das Neue nachahmen oder dagegen protestieren. Noch im Protest würden sie einer contre-imitation, einer Gegennachahmung, erliegen und somit das soziologische Gesetz bestätigen.

Die Vielfalt des sozialen Lebens schreibt sich - immer nach de Tarde - von der Existenz zahlreicher solcher Strahlungen her, die aufeinandertreffen, sich aneinander reiben oder auch in der Verschmelzung neue Verhaltensformen aus sich entlassen. Darin kommt das zweite, im Vergleich allerdings nebensächliche Prinzip in der Soziologie de Tardes ins Spiel: die Erfindung. Aus seinen Ausführungen geht nicht eindeutig hervor, ob die Erfindung vorwiegend von den Kollisionen jener Nachahmungsstrahlungen herrührt, oder ob sie nicht vielmehr die Existenz von Erfindertypen voraussetzt. De Tarde spricht etwa davon, dass "einige wilde und außenstehende Geister hier und dort unter ihrer Taucherglocke inmitten der Woge des gesellschaftlichen Ozeans" grübeln und in solcher Abgeschiedenheit Neues hervorbringen.

An einer Fülle von Beispielen aus allen Kulturen und Epochen führt de Tarde die Richtigkeit seiner Theorie vor. Wie sich die Nachahmung strahlenförmig ausdehnt, illustriert er etwa an der Durchsetzung des höfischen Lebensstils unter Ludwig XIV. Da der Adel den Sonnenkönig als überlegen empfand, habe er ihn sich zum Vorbild erkoren. Auf diese Weise habe sich rasch eine erstaunliche Konformisierung der oberen Gesellschaft in Frankreich eingestellt. An diesem historischen Fall wird zugleich deutlich, wie viel bei de Tardes Theorie der Nachahmung durchs Netz fällt, nämlich all das, was später in der grundlegenden und vielschichtigen Studie des Soziologen Norbert Elias zu den Ursachen, dem ausgeübten Zwang zur Konformität, zu den Formen der absolutistischen Hofgesellschaft herausgearbeitet wurde.

Darüber hinaus sieht de Tarde seine These in der weltweiten Nachahmung der als überlegen anerkannten europäischen Kultur Ende des 19. Jahrhunderts bestätigt. Darin erweist sich seine Soziologie als stolzes Erzeugnis des seinerzeit grassierenden Imperialismus. Erste Anzeichen für eine Angleichung an Europa sah de Tarde in Japan, aber auch China werde sich den Nachahmungsstrahlen nicht lange mehr verschließen können. Durchaus spannend mündet sein Werk in die Vorhersage der Globalisierung, ohne dass er zu sagen vermocht hätte, ob sie ein Segen oder ein Verhängnis ist. Jedenfalls ist er überzeugt von ihrer Notwendigkeit, genauer: von der "Notwendigkeit eines Schrittes nach vorne in Richtung auf ein fernes, trotz scheinbarer, wenn auch nur zeitweiliger Rückschläge immer leichter zu erreichendes Ziel, nämlich die Geburt einer einzigen Gesellschaft, ihr Wachsen und ihre universelle Ausdehnung".

Unter dem Eindruck des aufkommenden Sozialismus prognostizierte de Tarde zudem, dass aufgrund der Nachahmung die unteren Schichten den oberen immer ähnlicher würden. Dasselbe gelte für die Frauen, deren Emanzipation für ihn eine unvermeidliche Folge des Drangs zur Nachahmung der sozial Überlegenen - hier der Männer - sei. De Tarde befürchtet sogar schon, dass es aufgrund dieses Drangs schon bald keine Ammen, ja nicht einmal mehr Mütter geben werde. Ja, selbst für den Ende des 19. Jahrhunderts grassierenden Alkoholismus findet de Tarde im Gesetz der Nachahmung eine schlüssige Erklärung: "der Durst, der durch Nachahmung hervorgerufen wird, ist ansteckender als der Hunger". Damit freilich wird sein nicht unrichtiger Gedanke vollends zu Tode gehetzt. Oder wie Hannah Arendt in ihrer Antwort an Jaspers formulierte: "Das Schlimmste (an solchen Theorien) ist, dass, ganz gleich, welches Kategoriensystem man anlegt, es immer stimmt, weil man ja, wie beim Kochen, nichts anderes rausnehmen kann, als man hineingegeben hat." Gern hätte man gewusst, wie Peter Sloterdijk de Tardes Meisterwerk gewürdigt oder besser: gerettet hätte. Sein angekündigtes Nachwort blieb jedoch aus.

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