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Gegenstück zu Anne Frank

Straftat: "ohne Stern"

Ein Gegenstück zu Anne Franks Tagebuch: Die neu entdeckten Briefe von Philip Slier. Nicht die privaten Themen innerer Konflikte, sondern elementare Fragen des täglichen Überlebens füllen sie. Von Aleida Assmann

Von Aleida Assmann

Im Juli 2009 wurde das Tagebuch der Anne Frank von der Unesco in die Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen. Drei Monate später ist ein Buch in deutscher Sprache erschienen, das als ein Gegenstück zum Tagebuch der Anne Frank gelesen werden kann. Es enthält 86 Briefe des 17-jährigen Philip (Flip) Slier aus Amsterdam, die dieser 1942 aus dem Zwangsarbeitslager Molengoot sechs Monate lang an seine Eltern geschrieben hat. Die Eltern haben die Briefe 1943 vor ihrer Deportation in der Decke ihrer Wohnung versteckt. 1997 wurden sie entdeckt, als das Haus abgerissen wurde. Das Paket gelangte an die Cousine Deborah Slier in den Vereinigten Staaten, die die Briefe 2008 in einer amerikanischen Ausgabe publiziert hat. Die Herausgeberin ist der Vernichtung, die ihre große niederländische Verwandtschaft fast zur Gänze auslöschte, nur deshalb entgangen, weil ihr Vater in den 20er Jahren arbeitslos wurde und sein Glück in Südafrika suchte.

Die amerikanische Ausgabe ist im Großformat auf Kunstdruckpapier gedruckt und bietet eine Mischung aus Briefedition, Scrapbook, Familienfotoalbum und Geschichtsbuch. In der deutschen Ausgabe wurde dieses Multiformat in eine Textedition zurückverwandelt, die die Briefe klar ins Zentrum stellt, ohne auf eine Auswahl von Familien- und anderen Bildern, die sorgfältigen Erläuterungen und informative Zusatztexte zu verzichten. Aus dem aufwendig ausgestatteten Gedenkbuch einer Familie ist ein beeindruckendes und instruktives Lesebuch geworden, das eine individuelle Erfahrungsperspektive konsequent mit der größeren Geschichte des gnadenlos fortschreitenden Vernichtungsprozesses verschränkt. Jutta Bretthauer hat das Buch treffsicher und prägnant ins Deutsche übersetzt.

Flips Briefe sind in jeder Hinsicht das Gegenstück zu Anne Franks Tagebuch. Während diese ihre Aufzeichnungen vor den Eltern geheim hielt, halten jene den fast täglichen Austausch mit den Eltern fest. Es sind nicht die privaten Themen der inneren Konflikte und Phantasien, sondern elementare Fragen des täglichen Überlebens, die die Briefe füllen. Im Mittelpunkt steht nicht die Psyche sondern die Physis. Ganz oben auf der Liste der dringlichen Themen steht das jeden Tag neu zu lösende Problem des Hungers. Die Schwerarbeit, die Flip zu verrichten hat - er muss Gräben und Kanäle ausheben -, fordert alle seine Kräfte. Diese enorme physische Daueranstrengung ist nur bei entsprechender Ernährung möglich, die durch die Lagerkost aber keineswegs abgedeckt ist und deshalb ständig durch Pakete von zu Haus und andere Grundnahrungsmittel ergänzt werden muss, die er den Bauern der Umgebung abkauft. Jede Mahlzeit ist ein Akt komplizierter Logistik, jedes Sattwerden ein Sieg gegen die Auszehrung.

Da die Briefe an die Eltern gerichtet sind, ist das zweitwichtigste Thema die Aufrechterhaltung der Hoffnung, der kräftigende Zuspruch und die Zerstreuung ihrer Sorgen: "Solange es Hoffnung gibt, gibt es auch Leben." "Verliert den Mut nicht und beißt die Zähne zusammen." "Wer weiß, wie schnell der Krieg vorbei ist, und dann sind wir wieder für immer beisammen." Immer wieder macht er den Eltern Mut und stellt positive Meldungen und heitere Begebenheiten in den Vordergrund. Seine wirklichen Ängste kommen nur am Rande zu Wort. Nach sechs Wochen Zwangsarbeit verrät er, "um Jahre gealtert" zu sein, oder er flüchtet in die Resignation: "Ich mache mir keine Gedanken und lasse alles über mich ergehen."

Während viele heutige Leser gut Bescheid wissen über den Holocaust durch Bücher, Filme, Ausstellungen und Dokumentationen, ist es erschütternd zu sehen, in welcher Unwissenheit diejenigen leben, die unmittelbar betroffen sind. Der 17-Jährige schreibt: "Wenn ich diese Schweinerei satthabe, haue ich ab." Er kann sich noch nicht vorstellen, dass ihm bald aller Einfluss auf sein eigenes Leben und Überleben genommen werden wird. In einem seiner letzten Briefe offenbart sich das Gefühl wachsender Unsicherheit: "Man weiß verdammt noch mal heute nicht, was morgen kommt." Den Eltern gegenüber versucht er jedoch, seine Ahnungen und Ängste zurückzuhalten: "Ja, Mama, ich bin noch jung und verkrafte die Dinge leicht. Das ist für dich auch sehr beruhigend, oder? Ich werde es schon überleben, wie so viele von uns. Einmal wird das Ganze wohl zu Ende sein."

Das Ganze ist zu Ende gegangen, aber Flip hat nicht überlebt. Nach einem Fluchtversuch und Untertauchen wurde er am 3. März 1943 verhaftet. Auf einer Karteikarte vom 3. März ist neben Name und Beruf seine Straftat verzeichnet: "ohne Stern". Die nächsten Stationen waren das Konzentrationslager Vught und die Strafbaracke des Lagers Westerbork. Von dort aus ging der Transport nach Sobibor. Seine Geschichte, die im Mai 1942 beginnt, verliert sich im April 1943 im Dunkel. Flip Slier ist einer von mehr als 100000 ermordeten holländischen Juden. Bis vor kurzem war er nur eine Ziffer in der Statistik des Holocaust. Durch seine Briefe und Fotos hat er Namen, Gesicht und Stimme zurückerhalten. Es ist zu hoffen, dass diese ergreifende Flaschenpost, die auch für den Schulunterricht sehr zu empfehlen ist, viele deutsche Leserinnen und Leser erreicht.

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