+
Angelika Schrobsdorff im Jahr 2007.

Nachruf auf Angelika Schrobsdorff

„Es stirbt sich leichter in Deutschland“

Zum Tod der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff, die jetzt im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben ist.

Von Sabine Vogel

Das Leben? Vergeudet. „Ich habe alles versaut“, sagte die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff in einem Interview im „Stern“ anlässlich ihres 80. Geburtstages. Schonungslos, unsentimental und mit bissiger Selbstironie sprach die für ihre Schönheit stets Angebetete darin über das Alter – „es ist grausam“ –, über ihre innere Gespaltenheit – „Minderwertigkeitskomplexe. Mit 24 war ich ein Stück Dreck. Ich wollte Macht, Macht ausüben. Ich habe vielen Männern Schmerzen zugefügt“ – und über ihre Werke – „das Schreiben war eine Besessenheit, keine Leistung von mir“.

1927 in Freiburg geboren, entstammte sie mütterlicherseits einer assimilierten jüdischen Familie aus Berlin, ihr Vater war ein preußischer Bauunternehmer. Sie wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen in Berlin-Grunewald auf, bis sie 1938 mit ihrer geschiedenen jüdischen Mutter vor den Nationalsozialisten nach Sofia floh, ihre Großeltern wurden in Theresienstadt ermordet.

Flucht vor den Nazis

1947 kehrte sie aus Bulgarien nach Deutschland zurück, wenige Jahre später begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman, „Die Herren“, sorgte 1961 wegen seiner erotischen Freizügigkeit für einen Skandal. Sie heiratete einen Amerikaner, über dessen Verehrung sie später etwas despektierlich herzog, bekam einen Sohn. 1961 besuchte sie zum ersten Mal Israel. Obgleich sie anfangs nicht wusste, wie sie sich nennen sollte – „Halbjüdin?“ – fühlte sie sich von Jerusalem magisch angezogen, sie erklärte es zu ihrer Wahlheimat.

Liebe auf den ersten Blick – an die sie doch nie glauben wollte – verband sie auch mit ihrem zweiten Ehemann, dem Filmemacher Claude Lanzmann („Shoah“), den sie 1971 in Jerusalem heiratete. Und später wieder verließ. Mit ihm zog sie nach Paris, lernte Sartre und Simone de Beauvoir kennen, die über Schrobsdorff sagte: „Sie erzählt, was sie erlebt hat, und sie erzählt es mit Distanz und zärtlicher Ironie.“ 1983 wanderte sie nach Israel aus und lebte mit 44 Katzen am Rand Jerusalems, in einem arabischen Haus. Davon erzählt sie, so komisch wie bitter, in „Wenn ich Dich je vergesse, oh Jerusalem“. Ihr bekanntestes Buch „Du bist nicht so wie andre Mütter. Die Geschichte einer leidenschaftlichen Frau“ (1992) wurde fast ein halbe Million Mal verkauft und unter dem Titel „Else“ mit Katja Riemann in der Hauptrolle 1999 verfilmt. Ihr gesamtes Werk, in dem sich die Geschichte Europas, Israels und des vergangenen Jahrhunderts spiegelt, ist autobiografisch grundiert. Zuletzt erschien (bei dtv) „Der Vogel hat keine Flügel mehr“, die Briefe ihres Halbbruders an die Mutter.

Verbittert über die politische Lage in Israel, kehrte Schrobsdorff 2006 nach Berlin zurück. In Israel habe sich eine rohe, grobe, hartherzige Kriegerkaste entwickelt. „Die Okkupationen, die sich ständig verschärften, färbten auch ab auf die Okkupanten.“ Sie habe ihre beiden Heimaten verloren, die deutsche und ihr Jerusalem.

Als Grund für ihre Wiederkehr lässt sie gerade mal die Sprache gelten. „Es stirbt sich bequemer in Berlin und leichter in der eigenen Sprache“, sagte sie in einem Gespräch mit der „Berliner Zeitung“. In der Stadt ihrer Kindheit zog sie ins Westend, wo sie mit dem Jerusalemer Kater Puschkin ihre letzten Jahre verbrachte. Sie hatte, wie ein Journalist in der „Jüdischen Allgemeinen“ schrieb, ein „Zuhause gefunden, wo Freiheit und Einsamkeit unmerklich ineinander übergehen“. Am Samstag ist Angelika Schrobsdorff im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion